UP Magazin

Alles hat eine Bedeutung

Der Künstler und sein Werk: Bildhauer Sebastian Holzner im Angesicht seiner Skulptur „Bereit für das Leben“ im Botanischen Garten in Würzburg. Der Künstler und sein Werk: Bildhauer Sebastian Holzner im Angesicht seiner Skulptur „Bereit für das Leben“ im Botanischen Garten in Würzburg. Uta Böttcher

Er zählt zu den Künstlern, die den öffentlichen Raum mitprägen und dessen Kunstwerke viele Würzburger schon gesehen haben – oft auch unbewusst. Sebastian Holzners Skulpturen stehen im Botanischen Garten, an der Festung Marienberg und auch im Landkreis ist er vertreten, zum Beispiel mit dem Brunnen neben dem Würzburger Tor in Eibelstadt.

von Rainer Adelmann

Sebastian Holzner erzählt viele Anekdoten und Geschichten. Spricht man mit dem Künstler, der in Tilsit (damals Ostpreußen, jetzt Russland) geboren wurde und als kleines Kind nach Unterfranken kam, gibt es immer wieder Verästelungen, Rückblicke und Zusammenhänge.

Dies beginnt schon beim Geburtsdatum: dem 13. August 1940. „Das kann eine gewisse Bedeutung haben“, so Sebastian Holzner im Gespräch mit dem UP Magazin. Denn an diesem Datum, 21 Jahre später, wurde mit dem Bau der Berliner Mauer begonnen.

Blick in die Ferne: Diese Skulptur einer Frau sitzt unterhalb der Festung Marienberg. | Foto: Uta BöttcherBlick in die Ferne: Diese Skulptur einer Frau sitzt unterhalb der Festung Marienberg. | Foto: Uta Böttcher„Und genau an diesem Tag, dem 13. August 1961, war ich während meiner Bundeswehrzeit in der Rhön auf Wache“. Neben dem Munitionslager, das er bewachte, befand sich ein verfallener Friedhof russischer Gefangener. „Dieser Friedhof war eine große Klage zwischen Himmel und Erde. Als Soldat lernte ich, auch solche Spannungen zu ertragen.“

Obwohl er seinen Dienst durch seine preußische Erziehung meist pflichtbewusst erfüllt hatte, war er zwiespältig. „Ich habe nie eingesehen, dass auf der anderen Seite die Menschen meine Feinde sein sollen – ich kenne sie ja gar nicht. Es war bereits eine Ahnung, dass ich sie kennenlernen würde. Und ich lernte sie seit 2009 kennen: in meiner Heimat, die jetzt zu Russland gehört.“

An oben genanntem 13. August geschah es jedenfalls, dass er diesmal den militärischen Dienst „wegdachte“ und mit seinen Kameraden ins Dorf fuhr, um Geburtstag zu feiern. Vom Mauerbau erfuhr er kurz darauf.

Für Sebastian Holzner hängt alles mit allem zusammen und  Zufälle hält er für „Gaben die dem Menschen zufallen und die sie auffangen können, wenn sie dazu bereit sind. Viele Dinge im Leben ereignen sich, von denen man später erst merkt, welche Auswirkungen sie haben. Zum Beispiel seine Begegnung mit einem Waldarbeiter im Bayerischen Wald zu seiner Jugendzeit, der in ihm die Liebe zur Schnitzkunst weckte - und ihm so den Weg zur Bildhauerei öffnete.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs lebte die Familie in Franken. 1945 starb Sebastian Holzners Mutter an Tuberkulose. Er selbst hatte sich angesteckt, konnte aber wieder gesunden. Die Zwillingsschwester der Mutter kam auch aus Ostpreußen, heiratete seinen Vater und wurde ihm und seinen Geschwistern eine zweite Mutter. Sie war eine bekannte Gymnastiklehrerin und unterrichtete auch in Würzburg. Sebastian Holzner ist mit Tanz aufgewachsen. Tanz ist sein Leben, beschreibt er - auch in seiner bildenden Kunst.

Schon als Junge hat Sebastian Holzner viel gemalt und gezeichnet – mit erstaunlichem Talent. Sein Vater hatte in Tilsit und Riga einen Verlag und eine Buchhandlung, die er nach dem Krieg zunächst in Kitzingen und dann in Würzburg weiterführte. Die literarischen und musischen Veranstaltungen in der Buchhandlung fielen bei dem Jungen auf fruchtbaren Boden. Ab dem Jahr 1962 studierte er an der Akademie der Künste in München.

Die Skulpturen „Die große Liegende“ (oben) und „Sonne, Mond und Erde“ im Botanischen Garten (unten). | Fotos: Uta BöttcherDie Skulpturen „Die große Liegende“ (oben) und „Sonne, Mond und Erde“ im Botanischen Garten (unten). | Fotos: Uta Böttcher„Ich wollte Bildhauerei machen – und nichts anderes, keine Malerei“, berichtet er über seine Studienzeit. Das änderte sich jedoch und es entwickelte sich ein großes Interesse an der Farbe. Obwohl er es ablehnte, als Kunstlehrer „in das einengende reglementierende Schulsystem einzutreten“, überzeugte ihn sein jüngster Bruder, es doch zu tun.

„Dafür bin ich ihm dankbar. Ich erlebte mit meinen Schülern  eine hoch interessante Zeit. Wir lernten viel voneinander.“ Als Freigeist, der er ist, entwickelte er einen freigeistigen Unterricht – im Jahr 1963 kam er als Kunstlehrer nach Würzburg.

1968 heiratete er Edith Meixner, mit der er eine Tochter und einen Sohn und inzwischen vier Enkel hat. Die Erfahrung dieses Familienlebens sieht er als Facette für seine künstlerische Gestaltung in jener Zeit. Die künstlerische Begabung blitzt auch in seiner Tochter Berrit auf: Sie ist ebenfalls Künstlerin und Kunstlehrerin.

Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 2008 reiste Sebastian Holzner in zahlreiche Länder und letztlich auch seine Heimatstadt Tilsit. Seitdem entwickelte er eine Beziehung zu russischen Menschen. Ein besonderes Ereignis war eine große Ausstellung seiner Werke mit Skulpturen, Zeichnungen und Malerei im Museum der Geschichte der Stadt Tilsit, die russisch Sovetsk heißt. Die Anregung zu dieser Ausstellung und die erste Besprechung hierzu geschah übrigens wieder an einem 13. August: dem 13. August 2009. Seither sind die Kontakte nach Tilsit/Sovetsk nie abgerissen. Sein neuestes Werk ging daher ebenfalls in seine Heimatstadt: ein Relief zum 100. Geburtstag des Dichters Johannes Bobrowski, der am 9. April in Tilsit geboren wurde. Sein ganzes Werk ist ins Russische übersetzt und der Dichter wird in seiner Geburtsstadt hoch geschätzt.

Foto: Uta BöttcherFoto: Uta BöttcherNeues Leben: Im Jahr 2015 heiraten Gisèle Herbet und Sebastian Holzner. Sie ist Solistin und war lange Zeit Professorin für Harfe an der Würzburger Musikhochschule. „Gisèle spielt ihre Harfe mit solcher Schönheit, dass es ein Geschenk für mich ist“, schwärmt Sebastian Holzner. Ihre Klänge übertragen sich in die Form seines Werks.

Seit Jahren arbeitet Sebastian Holzner an einem Monument, das später in Tilsit/Sovetsk stehen soll - als Pfeiler für die Brücke zwischen Osten und Westen.“ Die Lebendigkeit seiner Werke umschreibt er folgendermaßen:

„Ich lasse mein Sehen zu
Ich lasse mein Denken zu
Ich lasse meine Hände finden
Meine Hände finden
die Schönheit
und ich staune“.

 

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