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UPUP Magazin im Gespräch mit einem der renommiertesten deutschen Philosophen

Drei Fragen an Prof. Dr. Nida-Rümelin

Zählt zu Deutschands renommiertesten Philosophen: Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin. Zählt zu Deutschands renommiertesten Philosophen: Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin.

Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin war auf Einladung der Sparkasse Mainfranken in Würzburg und erläuterte in einem Vortrag seine Vorstellung einer humanen funktionierenden Wirtschaftsordnung. UP Magazin interviewte den ehemaligen Kulturstaatsminister, der als einer der renommiersten Philosophen Deutschlands gilt.

UP Magazin: Die prominentesten Wirtschaftstheorien beruhen auf dem System des Wirtschaftswachstums. Ist aus philosophischer Sicht unbegrenztes Wirtschaftswachstum in einer Welt mit begrenzten Ressourcen überhaupt möglich und sinnvoll?
Prof. Dr. Nida-Rümelin: Unbegrenztes Wirtschaftswachstum ist jedenfalls dann in einer Welt begrenzter Ressourcen nicht möglich, wenn es mit wachsendem Ressourcenverbrauch einhergeht. Dies ist seit Jahrzehnten der Fall. Die Hoffnung ist, dass die Angleichung der Lebensverhältnisse weltweit zugleich mit dem Übergang zu einer nachhaltigen, ressourcenschonenden und klimaverträglichen Wirtschaftsweise einhergeht. So ist es prinzipiell möglich, allein mithilfe der Sonnenenergie den wirtschaftlichen Energieverbrauch klimaverträglich zu gestalten. Die technologischen Möglichkeiten dazu sind erforscht, sie stehen zur Verfügung, allerdings wäre dies mit einer gewaltigen Kostensteigerung im Energiesektor verbunden. Ich habe in meinem Buch „Die Optimierungsfalle. Zur Philosophie einer humanen Ökonomie“ das Satisfaktionsprinzip vertreten, wonach jeder Mensch für jedes Gut nur in einem gewissen Umfange sinnvolle Verwendung hat und ein Mehr von diesem Gut jenseits dieses Sättigungspunktes die Lebensqualität senkt und nicht anhebt. Da dies für alle Realgüter der Fall ist, gilt dieses Prinzip auch für das spezielle Gut Geld, dessen Wert ja nicht eigenständig ist, sondern nur von dem Bezug zu Realgütern abhängt. Damit wird ein Grundprinzip der dominierenden Wirtschaftstheorien aufgegeben, nämlich, das der monoton steigenden Nutzenfunktion, wenn auch bei sinkendem Grenznutzen. Wenn das Satisfaktionsprinzip in den Wirtschaftstheorien akzeptiert würde, hätte dies einen Grund stürzenden Umbau zur Folge. Aber vielleicht ist es gerade das, was gegenwärtig nötig wäre.

UP Magazin: Untersuchungen zufolge öffnet sich die Schere zwischen arm und reich in Deutschland und auch weltweit immer mehr. Wirtschaftsmigration, wenn nicht gar Verteilungskämpfe sind die Folge. Wie lässt sich dieser Problematik mit einem ethischen und philosophischen Ansatz begegnen?
Prof. Dr. Nida-Rümelin: Ich finde es gut, dass die Frage der Ungleichheit und der Ungerechtigkeit wieder intensiver diskutiert wird. Aber wir müssen aufpassen, dass nicht erneut eine Art Ideologisierung dieser Debatte stattfindet. Es ist ein Skandal, dass über zwei Milliarden Menschen von einer Kaufkraft von weniger als zwei US-Dollar am Tag leben, obwohl die Beseitigung dieses Missstandes nach Berechnungen der Weltbank nur ein halbes Prozent des Weltsozialproduktes erfordern würde. Zugleich aber ist es abwegig, eine Armutsdefinition vorzunehmen, wonach jeder, der über weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens verfügt, arm ist oder als armutsgefährdet gelten muss. Diese Definition ist nämlich völlig unabhängig von der Verfügbarkeit derjenigen Güter, die für ein anständiges Leben notwendig sind. Nach dieser Definition sind Menschen heute arm oder armutsgefährdet, die – zum Beispiel in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre, eine Epoche, in der es den Menschen nach Untersuchungen recht gut ging, vermutlich die Phase, in der das durchschnittliche Zufriedenheitsniveau in Deutschland das höchste war – seit dem Zweiten Weltkrieg bis heute zur Mittelschicht gehören würden.
Die immer stärkere Ansammlung von Vermögen bei einem kleinen Prozentsatz der reichsten der Bevölkerung, macht mir nicht so sehr wegen der Ungleichheit Sorgen, sondern wegen der politischen Folgen. Dies bedeutet nämlich, dass zum einen diese Kapitalien nicht konsumiert, sondern auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten sind, was die Instabilität der Weltfinanzmärkte erhöht und zum anderen, dass in unzulässiger Weise von einigen wenigen in der Bevölkerung Einfluss auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft genommen wird. In den USA ist die Situation viel extremer als in Europa oder auch in Deutschland, das eine weit höhere soziale Mobilität hat und eine recht stabile Mittelschicht, die Folgen kann man auch daran erkennen, dass die Politik unterdessen in Abhängigkeit von großen Finanziers in den USA geraten ist, die den Widerwillen und das Misstrauen großer Teile der US-Bevölkerung erklärt.


UP Magazin: Bhutan gilt als das „glücklichste“ Land der Welt, obwohl der Lebensstandard der Bevölkerung sehr niedrig ist. Wird der Wohlstand in modernen Industrie-ländern womöglich überbewertet – und ist persönliches Glück auf einer anderen Ebene zu finden?
Prof. Dr. Nida-Rümelin: Ich weiß nicht, ob Bhutan wirklich das glücklichste Land der Welt ist, aber es ist unbestreitbar, dass hinsichtlich des Wohlergehens, das Wirtschaftswachstum und der technologische Fortschritt der letzten Jahrzehnte in den Industrieländern disfunktional sind. Der technologische Fortschritt und das Wirtschaftswachstum pro Kopf haben nach allen verfügbaren Daten nicht zu einer Verbesserung der Lebensqualität beigetragen. Vielmehr klagen die Menschen zunehmend über Stress, Mobilitätszwänge, Rollenunsicherheiten und Konkurrenzdruck, es fehlt offenbar an innerer Balance und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Wir können diesen Weg in eine zunehmend atomisierte, verunsicherte lediglich von technologischen Innovationen getriebenen Gesellschaft so nicht fortsetzen, so wichtig es ist, dass sich die Unternehmen im internationalen Wettbewerb behaupten können. Immerhin wird seit einiger Zeit über Work-Life-Balance gesprochen und auch das eine oder andere unternommen, um die bestehenden Disbalancen zu mildern. Aber da liegt zweifellos noch ein langer Weg vor uns. Entscheidend scheint für mich dabei ein höheres Maß an Zeitsouveränität zu sein, vor allem auch für abhängig Beschäftigte, ein höheres Maß an selbstbestimmtem Arbeiten und eine Förderung kooperativer Praxis innerhalb der Betriebe und zwischen Unternehmen und Kunden. Vertrauenskultur ist nicht nur eine wichtige Vorbedingung für eine prosperierende Wirtschaft, wie zahlreiche Studien zeigen, sondern auch Vorbedingung eines gelungenen Lebens.

 

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