UP Magazin

UPRückblick auf das Jubliäums-Jazzfest

7 x die reine Wahrheit über Jazz

Urgewalt am Schlagzeug: Günter "Baby" Sommer. Urgewalt am Schlagzeug: Günter "Baby" Sommer. Carola Thieme

An zwei Abenden ließ die Jazzinitiative Würzburg bei ihrem Jubiläumsfestival im Felix-Fechenbach-Haus aufhorchen — in eine große Spannung hinein.

von Joachim Fildhaut

Denn das 30. Würzburger Jazzfestival schlug einen extrem weiten Bogen: Die knapp 400 Zuhörer lauschten den Klängen einer Swing-Oper. Einige Musiker standen zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne. Und am Ende saß ein Schweizer hinter dem Steinway-Flügel und presste mit der Präzision, die seinen Landsleuten nachgesagt wird, minutenlang ein und dieselbe Taste. Das eigentlich Erstaunliche aber war: Die Auftrittsfolge, das Festival insgesamt wirkte wie aus einem Guss.

Runde Sache mit Ecken und Kanten: Die Jazzinitiative lädt nur Profis des zeitgenössischen Jazz ein. Reines Retro und Dilettantismus müssen draußen vor der Schwingtür der postmodern umgestalteten Fabrikhalle bleiben. Da hätte die Big Band Würzburg aus dem Konzept fallen können, bekennt sie sich doch zum Glanz der Swing-Ära. Aber das Orchester interpretierte spezielle Arrangements von George Gershwin derart schnell, transparent — auch mal schräg — dass „Porgy and Bess“ ohne jeden Hauch von Nostalgie zum Werk für die Ewigkeit geriet.

Sängerin Reinette van Zijtfeld-Lustig kehrte nach 15 Jahren zur Bigband des Festivals zurück, von der Show-Frau ganz zur Künstlerin gereift. In die Vergangenheit zurück blitzten das Messing, Holz und Chrom der Instrumente von den ersten Takten an.

Der Mitgründer der veranstaltenden Jazzinitiative, Martin Klingeberg, reiste mal wieder aus Berlin an, um den Festredner Mikka mit Fanfarenklängen zu begleiten. Der Sprach-Performer Mikka betonte die sinnliche, unter die Haut gehende Seite des Jazz. Der wurde dann beispielsweise das junge Quartett Dispact gerecht, dessen Gitarrist Philipp Schiepek leuchtende kleine Akkorde in die Saxofonläufe von Thomas Hähnlein injizierte.

Und natürlich das zehnköpfige Würzburg Art Ensemble, schon allein durch die warmen Flächen des integrierten Streichquartetts. WAE zeigte sich heuer der Neuen Brasilianischen Musik verbunden und lieferte mindestens drei Rekorde. Wenn die Sängerin Rayka Wehner in die Flügeltasten griff, steuerte sie die „notwendigsten“, die passendsten Pianopassagen des Festivals bei. Ansonsten herrschte 2014 auf dem Klavierhocker vielfach weitgehende Willkür.

Stand schon mit Mick Jagger und Frank Zappa auf der Bühne: der US-amerikanische Saxofonist Ernie Watts.<br><i>Foto: Carola Thieme</i>Stand schon mit Mick Jagger und Frank Zappa auf der Bühne: der US-amerikanische Saxofonist Ernie Watts.<br><i>Foto: Carola Thieme</i>Die anderen beiden Bestleistungen: Die Bläser Dirk Rumig und Johannes Liepold brachten es fertig, jeweils in drei Formationen des Festivals aufzutreten.

Denn ihr unverhofftes Abschlusstreffen hatten die beiden heimischen Stützen der Szene, als die Deutsche Bahn der Band „La Paloma – das donnernde Leben“ einen Strich durch die Rechnung machte, indem sie ihren reisenden Pianisten Ulrich Gumpert auf freier Strecke mit Motorschaden festhielt. Trotz des ausufernden Gruppennamens fehlte somit die Hälfte der Paloma-Besetzung: In Würzburg saß Günter „Baby“ Sommer allein auf der Bühne.

Gut, dass der 71-Jährige seit 40 Jahren Soloprogramme macht! Und sich auf Improvisation versteht. Jazzini-Vorsitzender Jörg Meister praktizierte dem trommelnden Dresdner einfach die beiden genannten Saxer und den Trompeter Tilman Müller an die Seite, und es ward hochgradig gescheite Unterhaltung.

Soweit einige kleine Einblicke in die Strukturen, die den Zusammenhalt, ja die Ganzheit des Jubiläumsfestivals stifteten. Dort hinein fügten sich je auf ihre Weise die Zugpferde des Jazzwochenendes: Ernie Watts als der einzige US-Amerikaner vom Feste und Nik Bärtsch’s Ronin. Am Ende hatten sieben Formationen das Jubiläums-Festival geprägt: sieben mal die reine Wahrheit über Jazz.

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