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UPUP Magazin im Gespräch mit Jazzgitarrist Werner Küspert

Musik als Filmsprache

Stummfilmstar Harold Lloyd in Aktion – musikalisch untermalt von „Küspert & Kollegen“ beim Würzburger Jazzfestival 2016. Stummfilmstar Harold Lloyd in Aktion – musikalisch untermalt von „Küspert & Kollegen“ beim Würzburger Jazzfestival 2016. Rüdiger Kuhn

Schon immer war Musik ein wichtiger Bestandteil eines Films, bis heute unterstreicht sie Spannung und sorgt für große Gefühle. UP Magazin sprach mit Werner Küspert über die Schwierigkeiten und Freuden der modernen Stummfilm-Vertonung.

von Rainer Adelmann

Früher saß neben der Leinwand ein Pianist mit einer dicken Schwarte Noten auf dem Klavier und einem großen Repertoire an Stücken in seinem Kopf.“, so der Musiker und Komponist Werner Küspert. Nicht alle Kinos konnten sich seinerzeit ein eigenes Orchester oder einen Konzertpianisten leisten. Und so spielte meist ein Hauspianist, der spontan auf die Leinwand-Aktion eine musikalische Antwort finden musste. „Für alle filmische Situationen gab es Stückvorschläge und die Pianisten waren so versiert, dass sie auch improvisieren und sofort auf das Bild reagieren konnten. Die Vertonung eines Stummfilms war schon in seinen Anfängen großenteils Improvisationssache.“

Spezialist für Stummfilme mit Live-Musik: der Würzburger Jazzgitarrist Werner Küspert. | Foto: Rainer AdelmannSpezialist für Stummfilme mit Live-Musik: der Würzburger Jazzgitarrist Werner Küspert. | Foto: Rainer AdelmannWerner Küspert weiß, wovon er spricht: Seit vielen Jahren vertont der Würzburger Jazzgitarrist in wechselnden Besetzungen filmische Schätze aus der Stummfilmzeit – von Karl Valentin bis Alfred Hitchcock. Gerade in neuerer Zeit sind Stummfilme mit Livemusik der Renner, nicht nur in Programmkinos. Werner Küspert ist daher gut im Geschäft: Erst vor kurzem vertonte er beim Würzburger Filmwochenende „Die Büchse der Pandora“ sowie drei Laurel & Hardy-Filme, im Oktober spielt er mit seiner Formation in der Synagoge in Kitzingen zu „Das Cabinet des Dr. Caligari“ und der Gruselklassiker „Nosferatu“ ist mit „Küspert & Kollegen“ nächstes Jahr im Rosenthal Theater Selb zu sehen. In Verhandlung sind zudem Stummfilmvertonungen im Schauspiel Essen, im Theater Baden-Baden und bei Festivals in Wien, Saarbrücken und Straßburg. Und im Sommer gibt es eine Tour, unter anderem mit zwei Vorstellungen beim hessischen Kultursommer.

Live zum Geschehen auf der Leinwand zu spielen ist anspruchsvoll: Die Musiker müssen sowohl das Bild im Auge behalten, als auch aufpassen, was die Kollegen spielen – um gemeinsam mit ihnen akustisch zu agieren und auf die Filmsituation zu reagieren. Und sie müssen auf die Zeichen von Werner Küspert achten, der die musikalischen Einsätze steuert. Für die Filmvertonungen hat Küspert sein eigenes System entwickelt. „Ich habe für mich ein Verfahren gefunden, in dem ich große Stücke der Aufführung auskomponiere, mit Schlüsselstellen, die sich an den Zwischentiteln orientieren.“ Die Musiker wissen also: Wenn ein Zwischentitel kommt, startet eine neue musikalische Passage. Dann müssen sie auf Werner Küspert achten, der das neue Stück einzählt. Weite Bereiche sind jedoch improvisiert: „Ich schaffe dabei lediglich die Strukturen, gebe beispielsweise Tonarten vor, melodische Motive oder auch bestimmte Rhythmen.“

Und es gibt auch Stellen, die den Musikern komplett freie Hand lassen, „ad libidum“, wie es in der musikalischen Fachsprache heißt. Zum Beispiel wenn es im Grusel-Klassiker „Nosferatu“ besonders dramatisch wird: „Wenn sehr viel Energie gebraucht wird, kann es heftig und laut werden. Im eigentlichen Sinn spielen wir dann Free Jazz“, erläutert Küspert. Hier zahlt sich aus, dass er zwar mit wechselnden Besetzungen spielt, die Musiker aber allesamt versierte und erfahrene Künstler sind, die zudem schon oft miteinander auf der Bühne standen oder musikalische Projekte verwirklicht haben.

Die einzige „Konstante“ von „Küspert & Kollegen“ ist er selbst,: Je nach Film stellt Küspert seine ideale Besetzung für die Aufführung zusammen. Zu dem Pool von Musikern, die regelmäßig bei den Live-Auftritten im Kino dabei sind, zählen unter anderem das Würzburger Bass-Urgestein Rudi Engel, die Preisträger des Neuen Deutschen Jazzpreises Saxofonist Till Martin und Schlagzeuger Bastian Jütte sowie Kontrabassist Dietmar Fuhr, der unter anderem mit Till Brönner und Dave Liebmann arbeitet. „Meine Kollegen sind alle renommierte Musiker, denen ich mit Sympathie und Freundschaft verbunden bin.“

Bekommt Werner Küspert den Auftrag für ein Stummfilmprojekt, heißt es zunächst den Film kennenzulernen: „Es gibt bei Stummfilmen keine Skripte oder Drehbücher mehr. Das heißt: ich muss mir den Film zunächst sehr oft ansehen.“ Minutiös wird aufgeschrieben, was wann wo passiert. Glücklicherweise sind die Filme heute alle digitalisiert und mit einem Timecode versehen, der die Arbeit erleichtert. „Wenn das Skript fertig ist, habe ich mir den Film etwa 30 mal angesehen. Dann mache ich mir Gedanken über die Musik – welche Musik passt wohin, und was ist wo sinnvoll.“

Schwieriger war dies alles zu Zeiten, als die Filme nicht digitalisiert waren. Küspert erinnert sich an eine Vertonung während eines Filmwochenendes in Würzburg vor einigen Jahren als Alfred Hitchcocks Stummfilm „The Lodger“ gespielt wurde. Es gab nur noch zwei Kopien des Films, und eine davon wurde unter großem Aufwand von London nach Würzburg gebracht. Doch wie sollten sich die Musiker vorbereiten und wann sollte die Musik komponiert werden? Und so wurde gleich nach der Ankunft nachts um zwei im damaligen City-Kino der Film von der Leinwand auf eine Videokassette aufgenommen. „Ich hatte damals nicht einmal einen Fernseher“, erinnert sich Küspert. „Ich bin dann zu Christian, unserem Saxofonisten, habe mir dort den Film angesehen, ein Skript gemacht und aus dem Kopf komponiert.“ Und fünf Tage später ging’s zur Aufführung.

Das Würzburger Filmwochenende war eine der ersten Stationen in der langen Reihe von Stummfilmvertonungen. Werner Küsperts inzwischen verstorbener  Bruder Michael hatte 1977 mit einem Freund die renommierten Grenzlandfilmtage in Selb aufgezogen, die jährlich Produktionen aus Ost und West vereinten. Als Michael Küspert selbst begann, Filme zu drehen und zu produzieren, war er als Regisseur auch beim Würzburger Filmwochenende zu Gast. Organisator Berthold Kremmler erfuhr, dass Werner Küspert Jazzgitarrist ist – und der Stummfilm mit Live-Musik hielt Einzug ins Festival.

Bei all den Aufführungen in den vergangenen Jahren blieben Pannen nicht aus: „Einmal hatten wir den Stummfilm ‚Die Frau im Mond‘ vorbereitet. Der Film im Cinemaxx begann – doch was wir auf der Leinwand sahen, kannten wir nicht.“ Des Rätsels Lösung: Der Film dauerte insgesamt drei Stunden, aufgeteilt auf zwei Folgen von jeweils eineinhalb Stunden. Gesehen und eingeprobt hatten „Küspert & Kollegen“ freilich nur den zweiten Teil. Weil eineinhalb Stunden die normale Dauer eines Kinofilms sind, war dies niemandem aufgefallen. „Wir konnten ja nicht einfach die Vorstellung stoppen und so haben wir den gesamten ersten Teil improvisiert“, erinnert sich Küspert. „ Und den zweiten Teil kannten wir wieder. Die Zuschauer haben das gar nicht mitbekommen.“

Die aktuellen Termine unter: www.wernerkuespert.de

 

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