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Strawinsky trifft Haydn

Sir John Eliot Gardiner Sir John Eliot Gardiner Sim Canetty-Clarke

Sir John Eliot Gardiner: einer der Stars des diesjährigen Mozartfests – Schwelgen in Mozart: François Leleux und Isabelle Moretti.

von Rainer Adelmann

Er war einer der Stars des diesjährigen Mozartfests: Sir John Eliot Gardiner hatte auf die Bühne im Kaisersaal der fürstbischöflichen Residenz das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mitgebracht, dessen Mitglieder schon im ersten Stück des Abends zeigten, dass sie trotz schwülwarmen Wetters vor dem Fenster bestens aufgelegt sind. Mit Igor Strawinskys Konzert für Kammerorchester Es-Dur startete man furios einen Abend, der für Freunde moderner Musik und Wiener Klassik gleichermaßen Höhepunkte bereithielt.

Den Zusatz „Dumbarton Oaks“ erhielt Strawinskys Konzert aus dem Jahre 1938, weil es sich um eine Auftragsarbeit für den amerikanischen Diplomaten Robert Wood Bliss handelte. Dessen Landsitz „Dumbarton Oaks“ hatte Strawinsky offenbar so beeindruckt, dass er ihn musikalisch in diesem Konzert, in Anlehnung an ein barockes „Concerto Grosso“, festgehalten hatte. Anklänge an Gershwins „Rhapsodie in Blue“ und stampfende Rhythmen, die Strawinsky aus „Sacre du Printemps“ wieder aufgenommen zu haben schien, machen aus diesem Werk eine Art moderne – wenn auch nicht unkomplizierter – „Tanzmusik“, die von Gardiner und dem Symphonieorchester brillant intoniert wurde. Und schon hier wurde deutlich, was das Orchester unter der Leitung des Briten auszeichnet: Unbändige Spielfreude mit einer Kommunikation unter den Orchestermitgliedern, wie man sie selten in einem Klangkörper findet – wach, oft mit Blickkontakt und immer auf den Punkt.

Ein gelungener Konzertabend zeichnet sich auch durch die Zusammenstellung der Werke aus. Und hier bewiesen Gardiner und Intendantin Evelyn Meining eine glückliche Hand. Mit seinen Marschrhythmen, Staccato-Einbrüchen und jähen Pausen verrät Joseph Haydns  Sinfonie Nr. 92 G-Dur, auch „Oxford-Sinfonie“ genannt, durchaus Nähe zu Strawinskys moderner Musik, die erst dank dieser Programmabfolge musikalisch ins Bewusstsein gerufen wurde. Der Bogen zwischen Wiener Klassik und Moderne war gespannt.

Ein musikalisches Juwel stimmte die Zuhörer im Kaisersaal auf den zweiten Teil des Abends ein: Strawinskys Oktett für Blasinstrumente. Die Präzision, mit der das Oktett aus Mitgliedern des Bayerischen Symphonieorchesters das 1923 entstandene Werk vortrug, dürfte Strawinsky gefallen haben, der meinte „trocken, kalt, klar und feurig wie ein Champagner Extra Dry“ sollte sein Oktett erklingen.
Mit einem musikalischen Paukenschlag ließ Gardiner den Abend enden: Wolfgang Amadeus Mozarts Sinfonie Nr. 36 C-Dur KV 425 „Linzer“ zieht alle Register großer symphonischer Komposition der Wiener Klassik. Gardiner macht keinesfalls den Fehler, das Andante zu süßlich daherkommen zu lassen, sondern ließ auch hier seine Musiker mit gewisser Schärfe agieren. Im abschließenden Presto darf das überschwänglich spielfreudige Symphonieorchester des BR „im freien Lauf“ agieren. Ein begeistertes Publikum dankt es Sir John Eliot Gardiner, der sich trotz anhaltendem Applaus leider zu keiner Zugabe bewegen ließ.

In die Zeit der Wiener Klassik mit Ausflügen in Richtung Romantik entführte François Leleux mit dem Orchestre de chambre de Paris. Leleux ist nicht nur als Dirigent bekannt, sondern noch mehr als virtuoser Oboist. Kein Wunder also, dass er mit dem Konzert für Oboe und Orchester Nr. 1 d-Moll des Ur-Mannheimers Ludwig August Lebrun in den Konzertabend im Kaisersaal startete.

Anders als Gardiner am Abend zuvor, der Haydn mit gewisser Distanz interpretieren ließ, begab sich Leleux komplett in die Mozartsche Welt und schwelgte mit dem Orchestre de chambre de Paris in den Harmonien der Wiener Klassik. Wolfgang Amadeus Mozarts Sinfonie Nr. 25 g-Moll KV 183 (173d) zeigte deutlich, wo sich das Orchester zuhause fühlt: perfekt, aber bisweilen fast zu „reibungslos“.

Im zweiten Teil des Abends ergänzte die französische Harfenistin Isabelle Moretti den Klangkörper, zunächst für Adrien Boieldieus Konzert für Harfe und Orchester C- Dur und danach für Wolfgang Amadeus Mozarts Konzert für Flöte, Harfe und Orchester C-Dur KV 299 (297c) in Bearbeitung für Oboe, Harfe und Orchester. Letzteres zählt zu den schwierigsten Übungen für Harfenisten und Isabelle Moretti stellte eindruckvoll unter Beweis, dass sie zu den besten Solistinnen an ihrem Instrument in der klassischen Musikwelt zählt. Lang anhaltender Applaus für die Solisten und als Belohnung für das Publikum: Entr‘acte des französischen Komponisten Jacques Ibert.

 

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