UP Magazin

UPDas Programm des Mainfranken Theaters für die Spielzeit 2018/2019

Von Heimat und Vertrautem

Dominic Harrison und Katharina Nakui bei den Proben zu „Chansons“. Dominic Harrison und Katharina Nakui bei den Proben zu „Chansons“. Ka Chun Hui

Derzeit ist das Mainfranken Theater dabei, seine eigene Heimat – nämlich seine Spielstätte – zu verändern. Während die Vorarbeiten für den
Umbau bereits angelaufen sind, widmet das Mainfranken Theater seine Spielzeit 2018/2019 der Kontroverse um den Begriff Heimat.

Das Musiktheater beginnt die Auseinandersetzung zum Begriff Heimat mit vier Protagonisten, die praktisch heimatlos sind: Rodolfo, Marcello, Schaunard und Colline leben in Puccinis La Bohème (Premiere 13. Oktober) in Paris in einer Art selbsternannter Künstler-WG. Es ist eine Anti-Heimat, in der sie gleichsam gefangen sind. Nie anzukommen ist ihrem Schicksal eingeschrieben, wie es Henri Murger in seinem Roman Bohème – Szenen aus dem Pariser Leben formulierte: „Die Bohème ist die Vorstufe des Künstlerlebens, sie ist die Vorrede zur Akademie, zum Hospital oder zum Leichenschauhaus.“

Zu einer Identifikationsfigur ist Richard Wagner in der Diskussion um die Nibelungensage als „deutscher Ilias“ avanciert. Nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806, in einer Zeit von Vormärz und Revolution 1848 bis zur Einigung Deutschlands 1871, befeuerte das wachsende Interesse an dem Helden Siegfried und seinen als deutsch deklarierten Tugenden wie Mut und Tapferkeit den Gründungsmythos der Nation. Wagners Götterdämmerung (Premiere 26. Mai 2019) als letzter Teil seines Rings des Nibelungen ist jedoch nicht nur im programmatischen Kontext der Saison 18/19 zu betrachten. Die Produktion beschließt nach Meyerbeers Hugenotten und Verdis Sizilianischer Vesper die am Mainfranken Theater über drei Spielzeiten geführte Beschäftigung mit der Gattung Grand Opéra.

Ein außergewöhnliches Kostümbild für den „Besuch der alten Dame“. | Foto: Mainfranken Theater / Inka KostanEin außergewöhnliches Kostümbild für den „Besuch der alten Dame“. | Foto: Mainfranken Theater / Inka KostanFriedrich Dürrenmatts Besuch der alten Dame zählt zu den bekanntesten Theaterstücken des 20. Jahrhunderts. Die Tragikomödie eröffnet die Schauspielsaison im Großen Haus des Mainfranken Theaters (Premiere 5. Oktober). Die Gesellschaft als Gebilde, das Heimat konstituiert, wird in der Kleinstadt Güllen – dem Schauplatz der Handlung – zum Katalysator eines Konflikts zwischen Gemeinwohl und Moral.

Im Rahmen des Leonhard-Frank-Stipendiums zur Förderung zeitgenössischer Dramatik entsteht derzeit ein Theatertext mit dem Arbeitstitel Sisyphos auf Silvaner (Uraufführung 4. April 2019). Darin setzt sich Autor Gerasimos Bekas mit Geschichten und Individuen aus Würzburg auseinander. Er stellt dabei die Frage: Für wen ist die Stadt Heimat geworden – und wem hat sie sich verwehrt? Eine weitere Uraufführung im Schauspiel verwebt auf feinsinnige Weise die Sehnsüchte von Daheimgebliebenen und Geflüchteten. Teresa Doplers Kammerspiel Unsere blauen Augen (Premiere 12. Oktober) verschränkt die Enge der ländlichen Idylle mit der Realität weit Gereister und lässt unterschiedliche Erfahrungen aufeinanderprallen.

Unter der Leitung der neuen Ballettdirektorin Dominique Dumais und begleitet von Kevin O’Day als Artist in Residence baut das Mainfranken Theater zur Saison 18/19 eine neue Tanzsparte auf, die sich im Unterschied zu den Vorjahren mit gleich drei Premieren im Großen Haus präsentiert. Mit dem Ziel, ein starkes Ensemble aus Solisten zu entwickeln und mit ihnen in Würzburg eine neue künstlerische Heimat zu erschaffen, hat Dumais zwölf Tänzerinnen und Tänzer aus Kanada, Hong Kong, Deutschland, Ungarn, Italien, Tschechien, Großbritannien, Mauritius und Spanien für ihre Compagnie gewonnen.

In dem Abend Muttersprache (Premiere 13. Mai 2019) spüren sie dem (Er-)Finden einer gemeinsamen Bewegungssprache, dem Aufbau einer neuen Gemeinschaft und dem Annehmen der Eigenheiten des jeweils anderen nach. Einem Lebensgefühl, das unverbrüchlich mit seiner Heimat Frankreich zusammenzuhängen scheint, widmet sich der Tanzabend Chansons (Premiere 29. September). Als Liebeserklärung an die Kunst der kleinen Dinge, an französische Lebensart und unprätentiöse Eleganz feierte Chansons bereits bei seiner Uraufführung am Nationaltheater Mannheim Erfolge. Nun kommt die Produktion von Dominique Dumais in einer Adaption für das Große Haus des Mainfranken Theaters nach Würzburg.

Smetanas sechsteiliger Zyklus Mein Vaterland bildet den Höhepunkt der kompositorischen Auseinandersetzung mit der Idee von Heimat und Nation. Der zweite Teil dieses Werks, Die Moldau, avancierte gar zu einer der populärsten Tonschöpfungen der Musikgeschichte. Das Philharmonische Orchester Würzburg interpretiert Smetanas Zyklus im Rahmen seines vierten Sinfoniekonzerts im Februar 2019.

Auch für Prokofjew und Tschaikowski war Heimat ein grundlegender Teil des künstlerischen Selbstverständnisses. Die konkrete Verortung der Heimat in Russland war wesentlich für ihre Persönlichkeit. Das Band zur russischen Seele, das sich als authentisches Moment in der Musik wiederfindet, lässt sich beim sechsten Sinfoniekonzert im April 2019 ergründen, wenn Prokofjews drittes Klavierkonzert und Tschaikowskis fünfte Sinfonie erklingen.

Eine Produktion, die Ballett, Musiktheater und Schauspiel des Mainfranken Theaters gemeinsam erarbeiten, steht mit Henri Purcells Semi-Oper King Arthur auf dem Programm (Premiere 30. März 2019). Die Tragikomödie bietet viel Raum für Musik, Tanz sowie spektakuläre Bühnenbilder und Kostüme und hat damit das Potenzial, an erfolgreiche spartenübergreifende Inszenierungen wie etwa Jesus Christ Superstar in der Spielzeit 16/17 oder die Csárdásfürstin in der Saison 17/18 anzuknüpfen.
Um die Kooperationen mit den Schulen weiter auszubauen und allen Altersschichten ein attraktives Programm zu bieten, finden sich im Spielplan der kommenden Saison zahlreiche Angebote für junge Menschen und Familien. Dazu zählen die beliebten Baby- und Familienkonzerte, die Kinderoper Siegfried, der kleine Drachentöter als Auftragsarbeit des Mainfranken Theaters (Uraufführung 24. März 2019; ab 6 Jahren), Ronja Räubertochter in der Weihnachtszeit (Premiere 25. November, ab 5 Jahren ) sowie die Schauspielproduktionen Patricks Trick (Premiere 2. Oktober, ab 10 Jahren) und Das Buch von allen Dingen (Premiere 14. Februar 2019, ab 12 Jahren).

Ihrem Konzept, immer wieder neue Außenspielstätten zu entdecken, bleibt die Würzburger Bühne mit der Produktion The Black Rider treu, die am 23. Mai 2019 im Efeuhof des städtischen Rathauses Premiere feiert. Auf dem Spielplan 18/19 stehen insgesamt sechs Premieren und eine Wiederaufnahme im Musiktheater, neun Neuproduktionen und zwei Wiederaufnahmen im Schauspiel, vier Tanzpremieren, die alle Sparten umfassende Semi-Oper King Arthur, sechs Sinfonie- und sieben Kammerkonzerte sowie zahlreiche Konzertevents von der neuen Komponisten-Battle bis zu den in der vergangenen Saison eingeführten Rathauskonzerten.

Informationen und Tickets unter
www.mainfrankentheater.de
www.manfrankentheater.de/webshop
Tel.: 0931/3908-124. Mail: karten@mainfrankentheater.de

 

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