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UPIn Pompeji wird das römische Leben erfahrbar

Flanieren in der Antike

Gefallener Engel: Die riesigen Kunstwerke des Bildhauers Igor Mitoraj waren Teil einer Sonderausstellung, die bis ins vergangene Jahr in Pompeji lief. Gefallener Engel: Die riesigen Kunstwerke des Bildhauers Igor Mitoraj waren Teil einer Sonderausstellung, die bis ins vergangene Jahr in Pompeji lief. Uta Böttcher

Am liebsten möchte man sich zu Tisch legen und eine römische Spezialität bestellen. Spaziert man durch Pompeji, flaniert man durch eine antike Stadt, die so gut erhalten ist, dass ihre Bewohner fast wieder lebendig werden.

von Rainer Adelmann

Es gibt viele antike Ausgrabungen aus römischer und griechischer Zeit. Tempelreste, Grundmauern, Säulen und Statuen: All dies will vom Besucher vor seinem geistigen Auge zusammengesetzt werden. Wie ging es von der Grundmauer nach oben weiter? Wie mag das Gebäude zu seiner Zeit ausgesehen haben? Wie mögen seine Bewohner hier gelebt haben?

Pompeji ist einzigartig – denn hier existieren ganze Straßenzüge, ja gar eine ganze Stadt. Gebäude sind nicht nur zu erkennen, sondern oft zumindest in Resten erhalten. Man braucht keine große Phantasie, um sich die antiken Villen und Häuser vorzustellen. Sie sind da: Grün bewachsene Atrien, bunt bemalte Innenwände, Läden und Gaststätten, in denen man gerne ein römisches Mittagsmahl einnehmen würde – wenn denn der Besitzer noch leben würde.

Das Peristyl der Casa degli Amorini Dorati. | Foto: Uta BöttcherDas Peristyl der Casa degli Amorini Dorati. | Foto: Uta BöttcherDas bunte Leben und Treiben Pompejis und seiner Bewohner wurde aber jäh beendet, als im Jahr 79 nach Christus der Vesuv ausbrach und die Stadt unter Unmengen von Bimsstein und Asche begrub. Die Menschen konnten der glühenden Asche nicht schnell genug entkommen und wurden verbrannt. So schnell, dass ihre Körper gespenstische Hohlräume hinterließen – ebenso wie andere organische Materialien, die durch die Glut innerhalb von Sekunden ebenfalls zu Asche wurden.
Erst in der Neuzeit entdeckte man, dass diese Hohlräume, auf die man immer wieder stieß, von lebendigen Wesen stammten: Menschen, Pferde, Hunde. Indem man diese Hohlräume mit Gips ausgoss, entstanden plastische Abbildungen von Menschen und Tieren in ihrer letzten Lebenssekunde: Menschen, die zur Abwehr ihre Arme nach oben gerissen hatten, Menschen, die den Eindruck erwecken, als wären sie friedlich eingeschlafen, merkwürdig verkrümmte Tierkadaver. Auch hölzerne Utensilien aus der Zeit der Katastrophe wurden durch diese Methode wieder als Abgüsse erkennbar, wie Wagen, Tische, Türen, Fensterläden oder Bettgestelle.

Wer bei strahlendem Sonnenschein auf dem antiken Pflaster durch die Straßen von Pompeji schlendert, hat freilich ein anderes Gefühl: das Gefühl von pulsierendem Leben, von einer bewegten, einer lebensfrohen Stadt, dessen Bewohner emsig ihren Geschäften nachgingen. An die 10.000 Menschen sollen zum Zeitpunkt des Untergangs in Pompeji gelebt haben.

Der Plan Pompejis ähnelt denn auch einem modernen Stadtplan mit etlichen Straßen und „Sehenswürdigeiten“. Ihm folgend kann man durch die Straßen schlendern, kleine Gassen erkunden und immer wieder aufs Neue auf antike Kostbarkeiten und Zeitzeugnisse stoßen.

Beeindruckend sind nicht nur die römischen Villen, sondern vor allem auch die Zeugnisse des täglichen Lebens. Sehr gut erhalten ist ein Thermopolium, was man heutzutage wohl als Bar, Schnellimbiss oer Garküche bezeichnen würde. In den großen Löchern der Theke lagerten in Tongefäßen warme Speisen. In einem der Gefäße fand man gar die Tageseinnahmen: 683 Sesterzen in Form von drei Kilogramm Münzgeld.

Wer mehr Zeit mitbrachte, konnte es sich auch auf einer der Liegen bequem machen und an einem kleinen Tisch einer Taverne seine Mahlzeit einnehmen. Die Römer aßen bekanntlich im Liegen – und so war eine römische Taverne selbstverständlich mit Liegen ausgestattet.

Thermopilium nannte man das, was man heute wohl einen Schnellimbiss bezeichnen würde. In den Löchern in der Theke wurden in Tongefäßen warme Speisen feilgeboten. | Foto: Uta BöttcherThermopilium nannte man das, was man heute wohl einen Schnellimbiss bezeichnen würde. In den Löchern in der Theke wurden in Tongefäßen warme Speisen feilgeboten. | Foto: Uta BöttcherPompeji war eine kleine bis mittelgroße Stadt, deren Einwohnerzahl wahrscheinlich etwa 10.000 umfasste. Früher ging man von etwa 20.000 Einwohnern aus. Aufgrund der Größe des Amphitheaters korrigierten Wissenschaftler die Einwohnerzahl aber nach unten. Die Stadt besaß ein großes Forum, also einen Marktplatz, der auch als Versammlungsort diente, Tempel für Apollo, Venus, Fortuna und andere römische Götter, Theater, Thermen und jede Menge weiterer öffentlicher Bauten. Selbst ein Bordell fehlte nicht, wo sich der Plebs, also das niedere Volk, seinen Vergnügungen hingeben konnte. Betuchtere Pompejianer hatten das nicht nötig. Man ließ die Damen zu sich kommen.

Pompeji lebt aber nicht nur von dem Gefühl, auf dem Originalpflaster mit den zahlreichen Wagenspuren eine Zeitreise in eine antike Stadt zu unternehmen. Es lebt von den Häusern und den zahllosen Details, die sowohl die römische Architektur als auch das römische Alltagsleben wieder auferstehen lassen.
Die Villa dei Misteri beispielsweise, die etwas außerhalb der Stadtmauer liegt, war ein prunkvoller Herrschaftssitz mit 90 Räumen und einem landwirtschaftlichen Teil. 2012 war ein Deckenbalken herabgefallen und bis 2015 mussten Restaurierungsarbeiten ausgeführt werden. Berühmt ist die Villa für ihre gut erhaltenen farbigen Fresken, die auf einem blutroten Hintergrund aus Zinnober Szenen aus der griechischen Mythologie darstellen. Diese Fresken, die noch nicht komplett gedeutet werden konnten, verliehen der Villa ihren Namen Mysterienvilla.

Eines der prachtvollsten Häuser innerhalb der Stadtmauern ist das Haus des Fauns, die Casa del Fauno. Auf rund 3.000 Quadratmetern besitzt die Villa nicht nur zwei Atrien, sondern auch ein eigenes Thermalbad. „Markenzeichen“ und Namensgeber ist ein tanzender Faun aus Bronze, der im großen Atrium der Villa steht – allerdings nur als Kopie. Das Original ist im Nationalmuseum in Neapel zu bewundern. Begonnen wurde diese Villa bereits im 2. Jahrhundert vor Christus, bis zum Ausbruch des Vesuv wurde sie mehrfach um- und ausgebaut. Mehrere Mosaiken – unter anderem Alexander der Große in einer Schlacht – schmücken dieses größte Privathaus Pompejis.

Beeindruckend ist auch der Blick in die Casa degli Amorini Dorati mit ihrem wunderbaren Peristyl, also einer offenen Säulenhalle. Sehr schön und gut erhalten ist das dortige Lararium.

Der Blick vom Forum aus in die Via delle Scuole. Das Straßenpflaster ist in Pompeji großflächig erhalten. | Foto: Uta BöttcherDer Blick vom Forum aus in die Via delle Scuole. Das Straßenpflaster ist in Pompeji großflächig erhalten. | Foto: Uta BöttcherIn vielen Villen und Privathäusern stößt man auf diese kleine Gebilde aus Säulen mit einem Dach darüber. Die Lararien sind Kultschreine, kleine Hausaltäre, in denen die Römer den Schutzgeistern des Hauses und der Familie huldigten. Selbst an Weg- und Straßenkreuzungen sind sie zu finden, dort allerdings Compitalien genannt.

Die Casa die Vetti war Besitz zweier reicher Brüder, zweier Kaufleute mit Namen Aulus Vettius Conviva und Aulus Vettius Restitutus. Weil sie schon Ende des 19. Jahrhunderts überdacht wurde, ist sie besonders gut erhalten.

Als wäre Pompeji als antike Grabungsstätte nicht genug, gibt es immer wieder Sonderausstellungen. Besonders spektakulär: Noch bis ins vergangene Jahr waren auf dem Forum monumentale Skulpturen des französisch-polnischen Bildhauers Igor Mitoraj zu sehen. Die beeindruckenden Kunstwerke Mitorajs, der 1914 starb, verliehen der Ausgrabung eine weitere Dimension.

Für eine Besichtigung Pompejis sollte man sich mindestens einen Tag Zeit nehmen, besser noch zwei – oder im nächsten Jahr wieder kommen.

 

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