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UPBäderfahrt nach Karlsbad, Marienbad und Franzensbad

Unterwegs mit Schnabelkanne

Die Hauptkolonnade und die singende Fontäne in Marienbad Die Hauptkolonnade und die singende Fontäne in Marienbad Rainer Adelmann

Drei weltberühmte Bäder innerhalb von nur 50 Kilometern? Das gibt es nur bei unseren tschechischen Nachbarn. Eine Reise nach Karlsbad, Marienbad und Franzensbad führt in drei Städte mit drei unterschiedlichen Charakteren und einer Gemeinsamkeit: Etwas morbider Charme muss sein.

von Rainer Adelmann

Was braucht man für eine Fahrt ins tschechische Bäderdreieck unbedingt? Richtig: eine Schnabeltasse. Sie haben keine? Keine Angst, in jedem der drei Bäder können Sie massenhaft Kännchen nach Ihrem Geschmack kaufen, an Ständen, in Läden, in den Tourist-Informationen, mit witzigen Motiven, mit Tierbildern, mit Städteansichten. Wir entschieden uns für ein künstlerisches Jugendstilmotiv auf einem Porzellankännchen, denn etwas Würde muss sein, wenn man sich schon öffentlich eine Schnabeltasse unter die Nase in den Mund schiebt.

Die Reise beginnt in Karlsbad. Mit rund 50.000 Einwohnern ist Karlovy Vary, wie es auf Tschechisch heißt, die größte der drei Bäderstädte. Eingebettet im Tal der Eger liegen Kurgebäude und Kurpark jener Stadt, die Karl IV. im Jahr 1370 zur Königsstadt kürte und die ihn deswegen im Namen verewigte. „Vary“ bedeutet so viel wie warmes Bad – und von denen gibt es hier reichlich. Aber, so viel sei gleich zu Beginn gesagt: Ohne Anwendung geht in den drei Bäderstädten wenig. Wer eine moderne öffentliche Wellnesslandschaft sucht, wird hier höchstens in einem privaten Hotelbad fündig oder geht zuhause in ein modernes Freizeitbad seiner Wahl.

Die 1881 erbaute Mühlbrunnenkolonnade in Karlsbad überspannt gleich fünf Quellen. | Foto: Rainer AdelmannDie 1881 erbaute Mühlbrunnenkolonnade in Karlsbad überspannt gleich fünf Quellen. | Foto: Rainer AdelmannDie zahlreichen Quellen, aus denen mehr oder weniger wohlschmeckendes Wasser sprudelt, stehen freilich auch dem Nicht-Kurgast offen. In Karlsbad liegen sie eingebettet in schmuckvollen Kolonaden und prächtigem Kurpark, umrahmt von Gründerzeit- und Jugendstilhäusern. Karlsbad wurde gebeutelt von Hochwasser und Bränden und obwohl schon Kurbad seit dem 14. Jahrhundert stammen die meisten historischen Gebäude aus der Zeit nach 1850, als Karlsbad erneut einen Aufschwung als Kurstadt nahm.

Flaniert man durch die Fußgängerzone und durch die mondäne Kurmeile Karlsbads fühlt man sich ein bisschen in einen Schweizer Kurort versetzt. In den Auslagen sieht man Swarowski, jede Menge Goldschmuck und teure Markenprodukte, angepriesen auf Tschechisch und Russisch. Gefühlt ist Karlsbad ohnehin fest in russischer Touristenhand. Spitzt man die Ohren, hört man fast mehr Russisch als die Landessprache.

Die Tschechen sind ausgesprochen sympathische Leute und es gibt kaum etwas Gemütlicheres als mit einem langgezogenen „Aaaahooojjj“ begrüßt zu werden. Auch im größten Touristenandrang sind sie nur schwer aus der Ruhe zu bringen und sehr oft sprechen sie Deutsch – zumindest ein wenig. Übrigens, wer sich über das populäre Ahoj in einem Staat so ganz ohne Meer wundert: „Ahoj“, das viel benutzte tschechische „Hallo“, brachten tschechische Jugendliche in den 20er Jahren in Mode, die analog zur Wandervogelbewegung gerne mit Kanus auf den böhmischen und mährischen Flüssen unterwegs waren und sich so begrüßten.

Den aufmüpfigen Jugendlichen, die sich so gerne mit „Ahoj“ grüßten, wäre Karlsbad damals sicher zu spießig gewesen, denn sie revoltierten gegen das Spießbürgertum. Für den heutigen Besucher präsentiert sich Karlsbad als eine moderne Stadt mit sichtbarer Vergangenheit. Die prunkvolle Architektur ist – wie in allen drei Bädern – eine Augenweide. Die Mühlbrunnenkolonnade, die größte Karlsbader Kolonnade, wurde 1881 im Stil der Neorenaissance erbaut und überdacht gleich fünf Quellen: Mühlbrunnen, die Rusalka-Quelle, Fürst-Wenzel-Quelle, Libussa-Quelle und Felsenquelle. Etwas jünger, von 1882 ist die Marktkolonnade, holzgeschnitzt im Schweizer Stil.

Das mondäne Leben in Karlsbad hat seinen Preis, und Essen gehen rund um den Kurpark kostet schnell schon mal das Dreifache wie im Umland. Wer sparen will, fährt einfach ein paar Straßen weiter in ein „Restaurache“ wie das U Kubrychtu. Dort kann man in einem Hinterhof ebenso preisgünstig wie lecker essen und bei einem Glas Budweiser unter Einheimischen die wahre tschechische Seele erkunden – die übrigens ebenso kinderlieb wie tierlieb ist.

Schnabelkännchen sind für Kurbadbesucher unentbehrlich. | Foto: Rainer AdelmannSchnabelkännchen sind für Kurbadbesucher unentbehrlich. | Foto: Rainer AdelmannMarienbad, tschechisch Mariánské Lázne, ist mit 13.600 Einwohnern die kleinere Schwester Karlsbads und mein persönlicher Favorit. Die Architektur ist ebenso prächtig wie in Karlsbad, aber man ist hier auf dem Teppich geblieben. Entlang der Hlvani Trida reihen sich Hotels, Restaurants und Cafés, wo man bei einem Espresso einen ersten Kontakt mit der Stadt aufnehmen kann. Am Ende der Hlvani ruht das mächtige Grandhotel Pacifik, ein prachtvolles und imposantes Jugendstil-Gebäude.
Gegenüber liegt der riesige Kur- und Stadtpark Marienbads, dessen Zentrum die pseudobarocke Hauptkolonnade aus dem Jahr 1889 ist. Um diese und die Kreuzquellen- und Karolinaquellenkolonnade dreht sich das Kurleben. In Marienbad geht es gemächlicher zu und man kann in aller Ruhe mit seiner inzwischen erworbenen Schnabeltasse die verschiedenen Quellen kosten.

40 Mineralquellen sprudeln aus dem Erdreich, von denen die meisten öffentlich zugänglich sind. Die Anwendungsgebiete sind vielfältig und reichen von Verdauungs- und Harnwegserkrankungen bis zu Erkrankungen des Bewegungsapparates. Bei vielen Quellen ist man freilich froh, dass man keine Anwendungen verschrieben bekommen hat. Schwefel, Eisen und andere Mineralstoffe sind dem Geschmack der Wässer nicht unbedingt zuträglich.

Als Besucher genießt man die Ruhe des Parks, die schönen alten Häuser und überhaupt das „entschleunigte“ Kurleben in einer entspannten Atmosphäre. Die Parkanlage ist langgezogen und verlockt zu ausgiebigen Spaziergängen. Fast könnte man meinen, die Stadt ist in einen Park eingebettet – oder ist es umgekehrt?

Wie Karlsbad blickt auch Marienbad auf eine lange Tradition als Kurbad zurück: 1818 wurde Marienbad zum „öffentlichen Kurort“ ausgerufen und bereits 1820 war Johann Wolfgang von Goethe das erste Mal dort zu Besuch. Auch Richard Wagner, König Edward VII von Großbritannien und der österreichische Kaiser Franz Joseph I. waren zu Gast – ein Denkmal zeigt die beiden Monarchen in Lebensgröße.

Františkovy Lázne, wie Franzensbad auf Tschechisch heißt, ist mit über 5.000 Einwohnern das kleinste der drei Kurbäder im Bäderdreieck. Wegen seiner Nähe zur deutschen Grenze sind hier besonders viele Gäste und Kurgäste aus Deutschland zu finden und Deutsch ist hier fast eine zweite Landessprache. Viele Programme und Ankündigungen sind auf Deutsch und es erscheinen die „Franzensbader Blätter“ mit Informationen und Neuigkeiten aus der Stadt und dem Kurbetrieb.

Auch wenn es bisweilen wie Altöl aussieht: Das Wasser aus den Quellen ist gesund – freilich nicht immer wohlschmeckend. | Foto: Rainer AdelmannAuch wenn es bisweilen wie Altöl aussieht: Das Wasser aus den Quellen ist gesund – freilich nicht immer wohlschmeckend. | Foto: Rainer AdelmannParks sind feste Bestandteile von Kurorten – aber Franzensbad erscheint endgültig wie ein einziger riesiger Kurpark, in dem und an dessen Rand sich einzelne Gebäude angesiedelt haben. Vielleicht liegt das eigentliche Geheimnis einer Kurstadt ja in den langen Wegen zwischen den Quellen und der ausgiebigen Bewegung an der frischen Luft – bei gleichzeitigem vielem Trinken und viel Ruhe.

Die 20 Heilwasserquellen in Franzensbad entspringen Tiefen von bis zu 100 Metern und meist kann man das Wasser vor dem Trinken in einem Glasbehälter ansehen. Manches ist klar, manches sprudelt und bisweilen ist es es rostigrot oder rotbraun – was nicht unbedingt zum Kosten einlädt. Die Wege zwischen den Quellen sind weit. Wer will, kann sich mit einem Bähnchen durch das Gelände chauffieren lassen. Nicht entgehen lassen sollte man sich übrigens die allgegenwärtigen Obladen in allen drei Kurbädern. Böse Zungen könnten meinen, man nutzt sie, um damit den merkwürdigen Geschmack so mancher Mineralquelle wieder aus dem Mund zu bekommen. Die hauchdünnen in zahlreichen Geschmacksrichtungen erhältlichen Backwaren haben aber eindeutig Suchtpotential. Besonders, wenn sie frisch aus einem Backautomaten kommen.

Nicht verlassen sollte man das tschechische Bäderdreieck freilich ohne einen Besuch des mittelalterlichen Städtchens Loket, deutsch Elbogen, das malerisch in einer engen Schleife der Eger liegt. Der gesamte historische Sadtkern der 1234 erstmals schriftlich erwähnten Stadt steht unter Denkmalschutz. Besonders herausragend in jeglicher Hinsicht ist die alte Burg, die weithin sichtbar über dem Städtchen thront.

Ihre Entstehung fällt in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts und sie zählt zu den ältesten Steinburgen Böhmens. Empfehlenswert ist ein Besuch der Burg nicht nur wegen der imposanten und trutzigen Anlage. Im Inneren befindet sich ein kleines Museum mit sehenswerten Glas- und Porzellanarbeiten aus der Region.

Und wer sich gruseln will, dem sei ein Besuch des Folterkellers angeraten, wo ebenso liebevoll wie lebensecht mit teilweise bewegten Puppen veranschaulicht wird, welche Grausamkeiten sich der mittelalterliche Mensch einfallen ließ, um seine Mitbürger zu quälen. Stöhnen und Schreie vom Band verstärken den Effekt und machen den Besuch im nur eine Tür weiter liegenden stillen Örtchen zu einem unvergesslichen Erlebnis.


 

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