UP Magazin

UPKathis Krawallgeschichten

Von Nacktdemo und Damenhöschen

Von Nacktdemo und Damenhöschen Kathi K.

Meine beiden Freundinnen Gertraud und Isolde waren nach meiner Kolumne im vergangenen UP Magazin beleidigt. Ich würde sie und ihren Musikgeschmack nicht ernst nehmen, hätte sie durch den Kakao gezogen und wie stünden sie denn jetzt da. Man erinnert sich: Ich hatte wenig Verständnis dafür gezeigt, wie man vom „Led Zeppelin“-Fan im Laufe der Jahre zum Florian Silbereisen-Anhänger mutieren konnte. Um es kurz zu machen: Nur ein Mädels-Abend konnte unsere Freundschaft noch retten. Wir schwelgten in alten Zeiten, in verflossenen Liebhabern und jeder Menge Frankenwein, als Gertraud plötzlich eine Idee hatte: Sie wollte mit uns ein paar Tage nach London reisen, um ein bisschen mit der Queen Geburtstag zu feiern. Zum Celebration Weekend mit Parade und Konzerten und all dem Brimborium, das die Engländer so gerne haben.

 

KathiKathi

Prima, dachte ich. London ist immer eine Reise wert, die Engländer sind genauso schräg wie ich. Ich liebe die Pubs und freute mich schon auf Freiluft-Konzerte mit Elgars „Pomp and Circumstances“ und „Rule Britannia“, wo alle kleine Fähnchen mit dem Union Jack schwenken und verdiente Veteranen im Takt mit ihrem Gehstock im englischen Rasen stochern.

„Bei einem Konzert tritt sogar Tom Jones auf“, holte mich Gertraud aus meinen Träumen und ihre Augen leuchteten. „Er singt beim Hampton Court Palace Festival!“ Und ihre Augen leuchteten noch mehr, versorgten sie doch ihre Lieblingszeitschriften regelmäßig mit dem neuesten Klatsch und Tratsch rund um die europäischen Königshäuser. Und ein Tudor Schloss zusammen mit Tom Jones war für sie das Paradies auf Erden.

Mir ging „Delilah“ zwar schon immer auf die Nerven, aber immerhin hatte der gesangsstarke Waliser ja auch andere Sachen im Repertoire. Und so fanden wir uns eines schönen Sommerabends im Juni in einem Schloss der Queen wieder. Mit „schöner Sommerabend“ meine ich natürlich den britischen schönen Sommerabend: Es hatte gerade noch rechtzeitig aufgehört zu regnen und mit Strickjacke waren die abendlichen Temperaturen durchaus erträglich.

„Ich bin schon ganz nervös“, gestand Gertraud, als wir im Schlosspark weiche Weißbrotecken mit argentinischem Steak aßen, um uns vor dem Konzert noch zu stärken. „Tom Jones ist so erotisch“, sagte sie und rollte dabei die Augen nach oben. „Tom Jones ist 76“, sagte ich.

„Aber er hat eine Ausstrahlung“, schwärmte Isolde und nippte an ihrem Schaumwein. „Er hat angeblich mehrfach seine Frau betrogen“, sagte ich und betrachtete die Menschenmengen im Schlosspark. Die Engländer lieben einfach Picknick. „Er ist ein echter Mann“, befand Isolde, als eine männliche Stimme im besten Upperclass-Englisch dazu aufforderte, sich jetzt auf die Plätze zu begeben.

Als Tom Jones die Bühne im Schlosshof betrat, kniff mich Isolde in den Arm. „Da ist er“, jubelte sie. Und in der Tat. Ein gut aussehender Mittsiebziger kam auf die Bühne. Und ich muss gestehen: Der Mann kann immer noch singen. Ein Hit folgte dem anderen und bei „Sex Bomb“ riss es die weiblichen Fans förmlich von den Sitzen und sie begannen zu tanzen. Mehrere Frauen, darunter auch jüngere, warfen etwas auf die Bühne, was wie kleine Päckchen aussah. „Was machen die denn da?“ fragte ich meine Freundin. „Die werfen ihre Slips auf die Bühne.“

Einem 76-jährigen Mann werden also Damenhöschen auf die Bühne geworfen. Ich hoffte nur, dass meine Begleiterinnen sich nicht anstecken ließen. Sie schienen gottseidank nichts vorbereitet zu haben, und für eine spontane Aktion waren die Temperaturen eindeutig zu frisch. In dem Moment ging eine Asiatin an uns vorbei und hielt ein Schild hoch, das ich leider nicht lesen konnte. Womöglich stand darauf „Ich will ein Kind von Dir“ – auf Englisch natürlich. Tom Jones ließ sich von all den – fast schon körperlich spürbaren – weiblichen Hormonen im Schlosshof des ehrwürdigen Hampton Court Palace (in dem auch Heinrich VIII gewirkt hatte) nicht beirren und sang weiter. Bis eine junge Dame durch die Ordner schlüpfte, plötzlich neben ihm auftauchte und ihn küsste. Der Altmeister musste nun doch notgedrungen eine Textzeile auslassen. Ich fragte mich, was Tom Jones mit all den Slips anfangen würde. Ebay?

Wenn ich dachte, es wäre peinlich, Tom Jones Höschen auf die Bühne zu werfen, wurde ich bei unserer Heimreise eines Besseren belehrt. Bei unserem Zwischenstopp in Brighton wollten wir gerade von den typisch englischen Spielhöllen im Brighton Pier in ein Pub flüchten, als splitterfasernackte Radler unseren Weg kreuzten. Die Parade nahm kein Ende und schätzungsweise rund 300 unbekleidete Weiblein und Männlein auf Fahrädern, Rollschuhen und Rollern passierten vor unseren Augen die Kreuzung.

Foto: Kathi K.Foto: Kathi K.Alles was baumelt und hängt, war unterwegs und Gertrauds Aufmerksamkeit richtete sich auf einen Hermes mit Flügelchen am Kopf und an den Schuhen. Mit wehendem – die Engländer würden es wohl „Thingy“ nennen – rollte er direkt vor ihrer Nase vorbei und ihre Augen begannen schon wieder zu leuchten. Sie war begeistert von dem „Naked Bike Ride“ und wollte unbedingt zur Kundgebung im kleinen Park um die Ecke.

Mit gezücktem Handy pirschte sie durch die nackten Demonstranten und fotografierte die Menschen, die ausgezogen waren, die Welt besser zu machen. Zum Beispiel, dass keine Elefanten mehr getötet werden sollen. Ein nackter Mann hatte sich daher aus Protest blaugrau angemalt, den Rüssel an einer Stelle, wo man ihn bei Elefanten freilich nicht unbedingt vermutet. Der Engländer ging in Positur und Gertraud drückte begeistert auf den Auslöser. Sie ist halt so tierlieb.

 

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