UP Magazin

UPRoman Rausch zu Besuch in der UP Redaktion

Die Sehnsucht nach Würzburg

Roman Rausch Roman Rausch Uta Böttcher

Vom jungen Autor, der sein erstes Buch per „Ochsentour“ durch die unterfränkischen Buchhandlungen vertrieben hat, zum gestandenen Schriftsteller, der bei Rowohlt verlegt und mit „Die Brücke über den Main“, bereits sein 16. Buch veröffentlicht hat: Bei seinem Besuch in der Redaktion des UP Magazins plaudert Roman Rausch über seine Schriftstellerkarriere, aus dem Nähkästchen des Literaturbetriebs und seine Hoffnung auf ein Lehen in Würzburg.

von Rainer Adelmann

Als Roman Rausch in die Redaktion des UP Magazins kommt, wirkt er gestresst. Die Termine sind zahlreich, eine Lesung folgt der anderen. Und dann hat das Lektorat auch noch einen Fehler in sein neues Buch „Die Brücke über den Main“ korrigiert, was ihn besonders stört. Da hilft nur ein Kaffee und ein Tee – gleichzeitig.

„Früher hatte Würzburg verschiedene Bezeichnungen“, erläutert Rausch, wo der Fehler steckt. „Was immer wieder kommt ist Wirciburg. Womöglich war die Korrektur unsauber, jedenfalls hat mir das Korrektorat aus dem c ein e gemacht, also Wireiburg.“ Die allermeisten Leser dürften diesen Fehler, gleich auf den ersten Seiten des Buchs, wohl gar nicht wahrnehmen. Aber: „Ich bin sensibel geworden, was Fehler angeht. Das ist eine Entwicklung der vergangenen Jahre. So viele Fehler wie ich früher in meinen ersten Büchern gemacht habe– so sehr bin ich jetzt hinterher, vermeidbare Fehler auch wirklich zu vermeiden.“

Die Alte Mainbrücke um 1900. | Archiv Willi DürrnagelDie Alte Mainbrücke um 1900. | Archiv Willi Dürrnagel„Die Brücke über den Main“ ist sein sechster Historischer Roman und Roman Rausch recherchiert jedes Mal penibel. Die Recherche im Internet, in Büchern und Dissertationen und der Kontakt zu Fachleuten stehen am Anfang jeden Projekts. Die Liebe zum Detail merkt man auch im Gespräch: „Es war wohl so, dass der Name Würzburgs von dem ersten – auch nachgewiesenen – Bergherrn kommt. Und dies war ein latinisierter Kelte mit dem Namen Virdis. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass der Festungsberg früher der Berg des keltischen Fürsten Virdis war. Diese Dinge waren mir wichtig und ich habe sie sehr, sehr lange nachrecherchiert.“

Roman Rauschs neuer Roman beschreibt Würzburgs Geschichte der vergangenen 3.000 Jahre – kein leichtes Unterfangen, solch eine Zeitspanne in einem Buch unterzubringen, auch wenn es über 500 Seiten umfasst. Es beginnt 1.000 Jahre vor Christi Geburt, weil dort die ersten wissenschaftlich belegbaren Anfänge der heutigen Domstadt liegen. Selbstverständlich musste Roman Rausch aus 3.000 Jahren Stadtgeschichte eine Auswahl treffen. Und: „Es muss lesbar sein für den normalen Büchermarkt.“

„Ich bin kein Historiker, sondern im besten Fall Schriftsteller – und ich muss mich an die Marktgegebenheiten halten“, so Rausch. Das heißt: Auch ein Historienroman braucht Protagonisten, doch leider lebt niemand 3.000 Jahre. „Ich musste also irgendetwas finden, was für die Stadt prägend war, etwas, was fast immer da war.“

Zunächst war die Festung Marienberg angedacht, doch dann fiel die Entscheidung auf die Alte Mainbrücke. „Sie liegt im Herzen der Stadt und hat eine außergewöhnliche Bedeutung für die Stadt selbst, den Aufstieg der Stadt bis hin zur Kaiserpfalz.“ Die Aufgabe war also, „einem stummen, immobilen Protagonisten Leben einzuhauchen“, so Roman Rausch. „Das Leben wie in einem Zeitraffer, wie in einer Zeitmaschine vorbeiziehen zu lassen: Das war das Bild, das ich im Kopf hatte. Und immer war die Brücke da.“ Der Roman endet 1945, bei der Zerstörung der Brücke im Zweiten Weltkrieg.

Wie es zum neuen Buch kam, beschreibt Roman Rausch als „eigentlich schnöde Angelegenheit“. Rowohlts Verlagseiter sei an ihn herangetreten und habe für das nächste Programm den Wunsch nach einem historischen Titel geäußert, plaudert Roman Rausch aus dem Nähkästchen der Verlagsbranche. „Auf die Frage ‚Hätten Sie da was?‘ habe ich meine Schublade mit 20 Ideen geöffnet. Er wollte aber etwas Besonderes – so als wäre das nichts Besonderes.“ In Anlehnung an einen geschichtlichen Roman über das englische Salisbury sollte es eine Stadtgeschichte über mehrere Jahrtausende sein – ebenfalls in Romanform. „Ich dachte mir: Das ist schon ein Brett für einen Schriftsteller – denn du musst auf mehr als die Hälfte deines normalen Handwerkszeugs verzichten. Du kannst keinen Helden und Heldin aufbauen, keine Antagonisten, denn dazu ist der Zeitraum einfach zu lang.“

Und so wurde die Alte Mainbrücke zur Heldin auserkoren. Doch zuerst musste Roman Rausch seinen Verlagsleiter überzeugen. Er erstellte ein Treatment, also ein Exposé mit zehn kleinen Geschichten über rund 40 Seiten, garniert mit Sachinformationen über die Zeit – entsprechend der Struktur des neuen Buches. Das Treatment fand Gefallen und die Arbeit an „Die Brücke über den Main“ konnte losgehen.
Mit seinem neuen Roman will Rausch die Leser informieren, aber auch unterhalten. „Das ist die doppelte Herausforderung: Ich muss einen Mix hinbekommen zwischen stimmiger, korrekter Sachinformation, aber auch unterhaltenden, informativen belletristischen Texten. Die Mischung muss stimmen.“

Und Roman Rausch kennt seine Leserschaft sehr genau: „Es ist in der Tat so, dass zwei Drittel meiner Leser Frauen sind. Und die auch in einem gewissen Altersbereich liegen und Erwartungen an einen belletristischen Text haben, also möglichst eine weibliche Identifikationsfigur. Im Grunde kann man aus marketingtechnischer Sicht nur noch in einem vorgegeben Gitter schreiben: Ist meine Heldin hübsch, ist sie zwischen 20 und 25 Jahren alt, geht es um Liebe, habe ich mein Herz dabei?“ Selbst bei seinem Roman über die Würzburger Bombennacht, für die es besonders viele gute Rezensionen gab, sei bisweilen der fünfte Stern deswegen ausgeblieben, weil hier keine Liebesgeschichte vorkam.

Die Bewertungen finden heutzutage vorwiegend im Internet statt, unter anderem von Bloggern, die sich auf Literatur spezialisiert haben. „Und die nehmen sich meist nur noch Bücher vor, die fünf Sterne haben“, so Rausch. „Wenn ein Buch besprochen wird, stellt sich heute gar nicht mehr die Frage, ob der Besprecher ein Finanzbeamter ist oder eine Hausfrau, die gerne Bücher liest.“

Seit Roman Rausch seine Schriftstellerkarriere begonnen hat, hat sich der Buchmarkt erheblich verändert. Muss ein Schriftsteller daher den Markt mehr bedienen als früher? „Mit einem Verlag im Rücken hat ein Autor jemanden, der die gesamte PR übernimmt“, so Rausch. „Der Markt für Besprechungen hat sich allerdings radikal geändert. Es gibt gefühlte 25.000 Blogs überall – und die PR-Abteilungen müssen sich mehr mit Blogs beschäftigen als mit jemandem, der sich in der Literatur auskennt und dein Buch bespricht.“
Roman Rauschs Karriere als Schriftsteller begann auf dem Mozartfest: „Es war einer der berühmten Zufälle. Oder war es doch kein Zufall?“ sinniert Roman Rausch. „Irgendwann im Juni 1997 beim Mozartfest im Hofgarten: Ein wunderschöner Abend, die Sonne geht güldenst über dem Dach unter. Wie schön wäre es doch, in der Residenz in einer Badewanne seinen Schoppen zu trinken und dabei der kleinen Nachtmusik zu lauschen.“

Die Alte Mainbrücke nach der Bombennacht von 1945. | Archiv Willi DürrnagelDie Alte Mainbrücke nach der Bombennacht von 1945. | Archiv Willi DürrnagelSo kam Roman Rausch die Idee, „etwas über die Residenz zu schreiben“. „Damals war der Lokalkrimi gerade im Kommen. Angefeuert durch die Wallander Geschichten.“ Zu dieser Zeit lebte Roman Rausch auf dem elterlichen Bauernhof in Reubelsdorf, nicht weit von Würzburg. Er war aus München nach Hause zurückgekommen, um mit seiner Mutter den kranken Vater zu pflegen. In diesen Tagen war Rausch freier Mitarbeiter bei einer Zeitung und begann also nach der Arbeit mit dem Schreiben an seinem ersten Roman „Tiepolos Fehler“.

„Beim Schreiben habe ich gemerkt: Das Ganze entwickelt sich. Und so habe ich den ganzen Sommer hindurch geschrieben. Es war brüllend heiß, über 30 Grad. Und ich saß im Dachzimmer, habe geschwitzt und hatte die Füße in einer Wanne mit kaltem Wasser, um mich abzukühlen.“

Die Mühe hat sich gelohnt: Nach sechs Monaten war der erste Roman fertig. Doch dann begann die Arbeit erst richtig. Er schickte sein Werk an etliche Verlage und „es hagelte eine Absage nach der anderen. Ich fand es eine Unverschämtheit, dass man jemandem nur eine standardmäßige Absage in drei Zeilen erteilt.“ Irgendwann hatte er „die Nase voll.“

Freunde lasen seinen Roman Korrektur und er brachte „Tiepolos Fehler“ selbst heraus. „Wieder Erwarten hat sich der Roman verkauft wie die Seuche – obwohl so viele Fehler darin waren. Wir sind nicht mehr mit dem Druck nachgekommen. Nach zwei Monaten waren über 10.000 Stück verkauft. Offenbar hatte ich mit meinem ersten Kilian-Roman etwas getroffen, was die Menschen interessierte.“

Als der Erfolg kam, kamen die Kontakte. Ein Redakteur der Süddeutschen Zeitung berichtete über das Buch. „Und zwei Tage später klingelte das Telefon und ein renommierter Literaturagent rief mich an. Er wollte wissen, ob ich interessiert daran sei, dass er mein Agent wird. Natürlich sagte ich zu.“ Roman Rausch fuhr nach München und unterschieb den Agenturvertrag. Aber der Agent schaffte es nicht, ihn bei einem Verlag unterzubringen – obwohl „Tiepolos Fehler“ zu diesem Zeitpunkt bereits 25.000 mal verkauft worden war und er bereits an seinem zweiten Roman arbeitete.

Die ersten drei Bücher brachte Roman Rausch selbst heraus und machte sie per „Ochsentour“ bekannt. Das heißt: Er fuhr in die Buchhandlungen der Region und fragte an, ob sein Buch dort ins Programm aufgenommen und ausgelegt werden kann. Die Wende kam schließlich „über den Freund eines Freundes eines Freundes.“ Rowohlt zeigte Interesse.

Doch fast wäre es immer noch gescheitert. Die Auflagenzahlen waren inzwischen bei über 35.000 Exemplaren und die Rowohltsche Vertriebsabteilung sah das Potential von „Tiepolos Fehler“ deswegen bereits als ausgereizt an. Gottseidank hatte sich eine Lektorin für „Tiepolos Fehler“ eingesetzt und das Buch wurde dennoch ins Programm aufgenommen. Inzwischen ist „Tiepolos Fehler“ Roman Rauschs erfolgreichstes Buch mit einer Gesamtauflage von über 100.000 Exemplaren in der 15. Auflage.

„Das war letztlich die Entscheidung, dabei zu bleiben – und der Einstieg bei Rowohlt war ein Türöffner. Ich habe ein anständiges Lektorat und einen Vertrieb.“ Bis auf zwei seiner Bücher sind alle Werke Roman Rauschs bei Rowohlt erschienen. Inzwischen lebt der Autor seit zehn Jahren mit seiner Freundin und seinem Sohn in Berlin.

Doch die Sehnsucht nach Würzburg ist groß. Im Gespräch schwärmt er von fränkischen Bratwürsten „die guten groben draußen vom Dorf. Ich bin mit fränkischen Bratwürsten aufgewachsen, das kriegt man nicht mehr raus, da ist irgendeine Verschaltung im Hirn“. Ursprünglich sollte der Berlin-Aufenthalt nur drei Jahre dauern, bis der Sohn eingeschult wird. „Mein Sohn ist inzwischen ein Berliner geworden, aber ch versuche immer wieder, ihn an seine fränkischen Wurzeln zu erinnern.“

Man muss weggehen, um das Schöne an Würzburg wiederzuentdecken, meint Roman Rausch. „Ich hätte gerne à la Walther von der Vogelweide ein klenes Lehen in Würzburg. Und ich hätte nichts dagegen, wenn sich irgendwo eine barmherzige Seele auftäte, die sagt: Hier ist deine Kammer, die steht dir zur Verfügung. Damit ich immer wieder herkommen kann, um in Ruhe ein Buch zu schreiben.“

 

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