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UPGuido Knopps "Gedächtnis der Nation"

Geschichte(n) für Generationen

Der Jahrhundertbus vor dem Brandenburger Tor in Berlin Der Jahrhundertbus vor dem Brandenburger Tor in Berlin Neumann und Rodtmann

Stellen Sie sich vor, ein Händler aus der Bronzezeit erzählt in einem Video von seinen Reisen, oder ein Baumeister aus dem Mittelalter vom Bau einer Kathedrale. Natürlich gibt es das nicht. Aber unsere Nachfahren in hunderten von Jahren könnten in Videobotschaften mehr über unsere heutige Zeit erfahren — und zwar direkt von uns selbst. Der gemeinnützige Verein „Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation“ filmt Zeitzeugeninterviews und konserviert sie.

von Rainer Adelmann

Wir haben Glück: Erst am Vortag unseres Besuchs auf dem ZDF-Gelände auf dem Mainzer Lerchenberg war der so genannte Jahrhundertbus wieder von einem Einsatz zurückgekommen. Der umgebaute Lkw ist das technische Herzstück des ambitionierten Projekts „Gedächtnis der Nation“: Ins Leben gerufen 2010 vom ehemaligen Leiter des ZDF-Programmbereichs Zeitgeschichte, Prof. Guido Knopp, gemeinsam mit Hans-Ulrich Jörges, Mitglied der Chefredaktion der Zeitschrift „stern“.

Organisiert als gemeinnütziger Verein und unterstützt unter anderem von ZDF, stern und Bertelsmann, sammeln die Redakteure mit Hilfe des mobilen Aufnahmestudios im Jahrhundertbus Videointerviews. Dies können Interviews mit Prominenten sein, in der Regel sind es aber einfach normale Menschen, die ihre eigenen, ganz persönlichen Erfahrungen zu einem bestimmten historischen Ereignis oder Thema schildern. Und gerade dieser unverstellte und unaufgeregte Blick auf die neuere Geschichte macht das Projekt so wertvoll und einzigartig.
Geschäftsführer Jörg von Bilavsky und Redakteurin Dr. Katharina Wimmer schildern die Anfänge des Projekts: Die Idee hatte Prof. Guido Knopp, als er Zeitzeugeninterviews – die er für seine TV-Sendungen zur Geschichte nutzte – online der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen wollte.

Gemeinsam mit Hans-Ulrich Jörges vom „stern“-Magazin gründete er zu diesem Zweck den Verein „Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation“. Ziel des gemeinnützigen Vereins ist es, die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts in Videointerviews festzuhalten und jedermann zugänglich zu machen.

Bereits im Oktober 2011 war es dann soweit: Die ersten Interviews wurden auf der Internet-Plattform www.gedaechtnis-der-nation.de/erleben online gestellt. Hunderte von neuen Gesprächen sind inzwischen dazu gekommen. Zusammen mit den Videos aus den ZDF-Archiven wurden schon über 5000 Erinnerungen von Menschen zusammengetragen – in der Tat ein Gedächtnis der Nation.


Das Team des Projekts „Gedächtnis der Nation“ vor dem Jahrhundertbus auf dem ZDF-Gelände in Mainz (v.l.): Redakteur Johannes Huhmann, Redakteur Arnold Gralinski, Geschäftsführer Jörg von Bilavsky, Praktikant Balthasar Marko, Redakteurin Dr. Katharina Wimmer. (Foto Rainer Adelmann)Das Team des Projekts „Gedächtnis der Nation“ vor dem Jahrhundertbus auf dem ZDF-Gelände in Mainz (v.l.): Redakteur Johannes Huhmann, Redakteur Arnold Gralinski, Geschäftsführer Jörg von Bilavsky, Praktikant Balthasar Marko, Redakteurin Dr. Katharina Wimmer. (Foto Rainer Adelmann)Die Zeitzeugenstimmen werden auf der Website in Auszügen von einer bis zu fünfzehn Minuten Länge präsentiert und dabei nach Themen und Ereignissen geordnet. So erhalten die Besucher des Portals in sich geschlossene Geschichten in überschaubarer Länge. Auf Anfrage können die Interviews zu Bildungs- und Forschungszwecken auch in voller Länge eingesehen werden.

Jüngst hat erst das britische TV-Unternehmen Sky Vision das Archiv für einen Beitrag zum Berliner Mauerbau genutzt. Für jede weitere Nutzung über das „Gedächtnis der Nation“ hinaus werden die Zeitzeugen gesondert um Genehmigung gebeten. Datenschutz, so Jörg von Bilavsky, ist dem Redaktionsteam besonders wichtig.

Jede Interviewreise ist in der Regel einem historischen Schwerpunkt gewidmet. Dieses Jahr ist dies beispielsweise der Beginn des Ersten Weltkriegs, bei dem das Team mit Hundertjährigen sprechen wird. Aber auch die Anfänge des Zweiten Weltkriegs jähren sich heuer zum 75. Mal. Die jüngere Generation befragen die Redakteure zu der Zeit vor und nach der Wende im Jahr 1989.

Bevor der Jahrhundertbus aber in einer Stadt oder einer Region Halt macht, gibt es in der Regel einen Aufruf in den örtlichen Medien: Wer Zeitzeuge werden will, nimmt Kontakt mit der Redaktion auf und dann folgt zunächst ein kurzes Telefongespräch. Darin geht es um ein erstes „Beschnuppern“, denn natürlich ist das Erzählen eigener Geschichte(n) eine sehr persönliche und auch intime Angelegenheit. Doch auch ganz praktische Dinge werden geklärt und erklärt. Zum Beispiel: Wie ist der Ablauf eines Interviews? Oder: Könnten die vier Stufen, die in den Jahrhundertbus führen, für einen betagten Zeitzeugen womöglich zum Hindernis werden?

Im Vorgespräch geht es auch um die Eckdaten des Interviews. Fragen werden auf den jeweiligen Zeitzeugen abgestimmt, wobei der Interviewer stets flexibel bleiben und auf die Entwicklung des Gesprächs eingehen muss. „Man muss sich Zeit nehmen“, erläutert Redaktionsmitglied Arnold Gralinski, „aber sollte nicht das gesamte Interview am Telefon schon vorwegnehmen“. Überhaupt möchten die Mitarbeiter beim „Gedächtnis der Nation“ den Zeitzeugen eine angenehme und vertrauensvolle Atmosphäre schaffen, in der sie – nach der Anfangsnervosität – frei von ihren Erlebnissen berichten können. Dabei geht es nicht nur, aber auch um die alltägliche Sicht der Dinge – die vielen Zeitzeugen gerne erst einmal unwichtig erscheint. Wie zum Beispiel die erste Rolltreppe in Düsseldorf, von der eine Zeitzeugin berichtete. Und die doch offensichtlich für die Düsseldorfer Bürger seinerzeit ein Ereignis darstellte.

Bei der Interviewsituation im Jahrhundertbus hält sich der fragende Redakteur bewusst im Hintergrund. Die Kamera ist alleine auf den Zeitzeugen gerichtet, ein Lichtspot gibt der schwarzen Wand dahinter Kontur. Diese Kameraeinstellung ist bei allen Interviews gleich: Nüchtern und sachlich liegt der Schwerpunkt einzig auf den Schilderungen der Zeitzeugen.

Zwischen einer und anderthalb Stunden dauert im Schnitt ein Interview – und natürlich darf man jederzeit für eine Pause unterbrechen. Fünf Zeitzeugen kommen meist pro Tag zu Wort, bei fünf Tagen Aufenthaltsdauer beträgt das Ergebnis einer Interviewreise also rund 25 Videos.

Weil sich erlebte Geschichte besonders gut für den Unterricht eignet, bietet der Verein „Gedächtnis der Nation“ Bildungsangebote für Schulen und außerschulische Einrichtungen an. Zum einen sind dies gemeinsam mit dem Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD) zusammengestellte Unterrichtsmaterialien. Zum anderen Workshops, in denen Jugendliche lernen, selbst Videointerviews mit Zeitzeugen zu führen. Dabei geht es um Fragen wie „Wie sehen und erleben Zeitzeugen historische Momente?“ oder „Wie sind ihre Aussagen einzuordnen und wie erweitern sie unser Geschichtsbild?“ Der Verein unterstützt Lehrende und Lernende, Professoren und Studierende gleichermaßen.

In den meist eintägigen Workshops erhalten die Jugendlichen eine Einführung in Themen und Fragetypen, Interview-führung und Kameratechnik. Sie dient als Starthilfe für die Zeitzeugenarbeit oder auch der Unterstützung laufender Projekte. Die Workshops finden entweder in den Redaktionsräumen in Mainz statt oder an den Schulen bzw. Universitäten, erklärt Johannes Huhmann vom Projektteam.

Nach der thereotischen Einführung interviewen sich die Schüler oder Studierenden gegenseitig. Auf diese Weise bekommen sie ein Gespür für die Interviewsituation. Später können sie dann eigenständig selbst gesuchte Zeitzeugen befragen – zum Beispiel in einem Geschichte-Leistungskurs.

Der Jahrhundertbus unterwegs. (Foto Rodtmann und Neumann)Der Jahrhundertbus unterwegs. (Foto Rodtmann und Neumann)Das Projektteam von „Gedächtnis der Nation“ zählt derzeit drei Redakteure um den Geschäftsführer Jörg von Bilavsky. Dazu kommen Mitarbeiter aus dem technischen Bereich, vom Kameramann bis zum Cutter. Und damit das „Gedächtnis der Nation“ nicht verloren geht, werden die kompletten Interviews in Zusammenarbeit mit dem Sponsor Fujifilm gleich mehrfach gesichert: auf Festplatten, Bändern und im diternity Langzeitarchiv.

Wann der Jahrhundertbus wo Station macht, können Sie unter www.gedaechtnis-der-nation.de/mitmachen/gdn-bus nachschlagen. Und falls Sie sofort tätig werden wollen: Sie können Ihre Geschichte im so genannten Mitmachkanal selbst auf YouTube hochladen. Mehr dazu unter www.gedachtnis-der-nation.de/mitmachen/youtube.

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