UP Magazin

UPMunju-Bassist Wolfgang Salomon im Gespräch mit dem UP Magazin

Und dann doch Munju

Musiker Wolfgang Salomon sammelt auch Geräusche. Das Kreischen des Kellybohrer LB 24 (im Hintergrund) bei Volllast wird in ein Stück für Ukelele und Bohrer einfließen. Musiker Wolfgang Salomon sammelt auch Geräusche. Das Kreischen des Kellybohrer LB 24 (im Hintergrund) bei Volllast wird in ein Stück für Ukelele und Bohrer einfließen. Uta Böttcher

Sommergespräch mit Musiker: UP Magazin war zu Gast bei Komponist und Musiker Wolfgang Salomon. Es ging um Würzburgs Musikszene, die musikalischen Anfänge bei Schulbällen, um neue Projekte – aber dann doch vor allem um Munju, Würzburgs wohl berühmteste Rock-Band.

von Rainer Adelmann

Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender interviewen im Sommer die Kanzlerin auf ihrer Terrasse, wir besuchten einen der bekanntesten Würzburger Musiker auf seinem Balkon: Wolfgang Salomon. Und irgendwie drehte sich dann alles um Munju, Würzburgs wohl berühmteste Rockband und eine der außergewöhnlichsten Bands der deutschen Rock-Geschichte.

Bis heute klingt Munju in der Arbeit Wolfgang Salomons nach: Für die Bearbeitung von Goethes Faust in der Version für Thomas Glasmeyers Puppentheater schreibt er derzeit die Musik – mit Teilen aus Munjus letzter Produktion. Die ging 1986 im wahrsten Sinne des Wortes über die Bühne, nämlich über die Bühne des Mainfranken-Theaters, damals noch mit dem schönen Namen Stadttheater Würzburg.
Munju hatte nicht nur die Musik zur damaligen Ballet-Produktion „Faust“ geschrieben, sondern spielte bei jeder Aufführung live auf der Bühne. „Wir waren in einer Art Holzkasten, in einer Kiste – ähnlich einem Riesenfernseher“, erinnert sich Wolfgang Salomon. Ein Nesselvorhang ließ je nach Beleuchtung die Musiker sichtbar werden oder verschwinden.

Eine Rockband mit Live-Musik zu einem Ballet? Das war damals etwas Neues. „Wir kamen dazu wie die Jungfrau zum Kind“, so Salomon. Schnittpunkt war 1986 die Wagner-Stadt Bayreuth. Munju-Schlagzeuger Thomas Römer hatte gerade seine Fühler ausgestreckt, weil er später als technischer Direktor bei Bühnenproduktionen arbeiten wollte. In der Pause einer Generalprobe kam Wolf Lange ins Gespräch mit den Munju-Mitgliedern und fragte sie, ob sie eine Band in Würzburg kennen würden.

Munju in der ursprünglichen Besetzung vor dem Band-Bus, einem Mercedes 508, während eines Staus auf der Autobahn (v. l.): Thomas Römer, Wolfgang Salomon, Dieter Kaudel und Jürgen Benz. | Foto: MunjuMunju in der ursprünglichen Besetzung vor dem Band-Bus, einem Mercedes 508, während eines Staus auf der Autobahn (v. l.): Thomas Römer, Wolfgang Salomon, Dieter Kaudel und Jürgen Benz. | Foto: MunjuWolf Lange kam gerade aus Hannover und begann die folgende Spielzeit als Bühnenbildner im Würzburger Stadttheater. Und er war auf der Suche nach einer Band, die sowohl die Musik für eine Ballet-Aufführung von Jurek Makarowski zu „Faust“ komponieren sollte als auch bei den Aufführungen live spielte. „Wir antworteten: Ja, wir kennen da eine passable Kombo. Und so lief es dann an.“ Makarowski zeigte sich begeistert, Munju lieferte die Musik. Alles war perfekt. Fast.

„Bis die Aufführungen begannen, ging noch etwas Zeit ins Land und wir unternahmen eine Tournee durch Frankreich“, so Salomon. Die Musiker spielten die Songs, veränderten sie und verfeinerten sie. „Wir waren stolz darauf, wie sich unsere Stücke weiterentwickelt hatten. Wir fanden sie sehr viel besser.“ Weniger begeistert zeigte sich freilich Jurek Makarowski: „Jurek fragte mich: Wolfgang, was ist los? Warum spielt ihr andere Stücke? Er fand es gar nicht gut. Uns war es egal, dass nun 16 Takte mehr dabei waren – ihm nicht.“

So musste die Band wieder zu den ursprünglichen Aufnahmen zurück – und ließ sich für die Live-Auftritte einen Trick einfallen: Weil eine Live-Band bei jedem Auftritt etwas anders spielt, haben sie Teile der Stücke auf Band aufgenommen. „Bei Kombatanz, einem Siebenviertel-Stück, kam der durchgehende Gitarrenriff vom Band, so hatten wir immer dasselbe Tempo. Heutzutage haben die Musiker ihren Knopf im Ohr, wir haben das damals auch analog hinbekommen.“

„Faust“ wurde ein großer Erfolg und rund 40 Mal am Stadttheater aufgeführt. Die Munju-Bandmitglieder Eduard Rüdel (Gitarre), Thomas Römer (Schlagzeug) und Wolfgang Salomon (Bass) wurden für die Aufführungen von Burkard Schmidl (Keyboards) und Klaus Englert (Trompete) musikalisch unterstützt.

Wolfgang Salomon und Dieter Kaudel bei Munju. | Foto: MunjuWolfgang Salomon und Dieter Kaudel bei Munju. | Foto: MunjuBegonnen hat die Musikerkarriere Wolfgang Salomons bereits in der Schule. Über Peter Römer aus einer Parallelklasse im Wirsberg-Gymnasium lernte er dessen Bruder Thomas kennen. „Der hatte zwar noch kein Schlagzeug, aber verschieden klingende Kartons.“ Außerdem besaß er eine Bongo und eine ausrangierte Fußmaschine. Das, zusammen mit einem Klavier und einem Telefunken-Tonbandgerät genügte schon mal um Musik zu machen. „Unser Projekt hieß Ugly Songs und war richtig experimentell.“ Im Grunde spielte Wolfgang Salomon Bass auf dem Klavier, indem er die Saiten mit den Tasten oder der Hand anschlug und stoppte.

„Und dann kam der Potsch“, so Salomon. „Potsch hat immer gesagt, das ist nix und das müssen wir anders machen. Das muss Blues sein!“ Der „Potsch“, das ist Gitarrist Bernhard Potschka, der später die Nina Hagen Band und danach Spliff formierte. Gemeinsam ging es nun in Richtung Blues und Rock: Pozzokko nannte sich die Band mit Bernhard Potschka an der Gitarre, Thomas Römer und Wolfgang Salomon – ergänzt durch den Sänger Emmerich „Emma“ Pöhm.

Gespielt wurde bei Schulbällen oder im CVJM-Heim bei „Pray and beat“. „Die waren damals sehr tolerant und haben uns machen lassen – obwohl wir auch einen Song von Black Sabbath gecovert haben.“ Pozzokko nannte sich die Band übrigens, weil Bernhard Potschka immer wieder Post bekam, auf der sein Name falsch geschrieben war. Einer dieser verunglückten Namen war Pozzokko. Und Pozzokko war nicht nur in Würzburg erfolgreich, sondern gewann als Newcomerband sogar einige Beat-Wettbewerbe.

Anfang der 70er Jahre war die Zeit reif für Munju. „Es gab damals unheimlich viele Musiker in Würzburg und eine große Szene“, blickt Wolfgang Salomon zurück. 1974 formierte sich Munju mit Dieter Kaudel an der Gitarre, Jürgen Benz am Saxofon und Thomas Römer und Wolfgang Salomon. Der name Munju war eine Erfindung von Thomas Kaudel. „Die Namensfindung war immer die schlimmste Phase“, so Salomon. „Und komischerweise gaben immer die Gitarristen der Band den Namen.“

Nach einem Auftritt auf dem neu ins Leben gerufenen, später legendären „Umsonst und draußen“-Festivals in Vlotho ging es tatsächlich schnell nach „draußen“. Munju war vor allem eine Live-Band, mit rund 2000 Auftritten im zehnjährigen Bandleben. Zuerst war Norddeutschland das Ziel, später folgten Touren nach Spanien, nach Italien, Frankreich, Holland, Österreich und Schweden. Bei einem Festival in der Nähe von Malaga in Südspanien beging ein kleiner schwarzer Hund ein Sakrileg: Er hob das Bein über dem geliebten Bassverstärker „Hiwatt 400“ und der Edelverstärker musste seine gute Qualität beweisen. Ein Fön trocknete den Röhrensockel und tatsächlich konnte das Konzert wie geplant über die Bühne gehen. Mit einer geteilten Chorizo am Würstelstand schlossen Salomon und der kleine, schwarze Hund wieder Frieden.

Munju betrieb immer ein eigenes Management. „Alles ging sehr organisch, Schritt für Schritt und fühlte sich richtig an.“ Statt Knebelverträgen bei Plattenfirmen, organisierte man sich selbst unter dem April-Label, dem unter anderen auch Missus Beastly, Embryo und Ton, Steine, Scherben angehörten. Später wurde aus April das Schneeball-Label.

In der Ursprungsbesetzung spielte Munju die ersten beiden LPs High Speed Kindergarten und Moon You ein. 1978 verließ Jürgen Benz die Band und Alto Pappert von Kraan sprang für eine Tournee am Saxofon ein. Mit Fred Lamberson aus San Francisco kam 1979 ein neuer Saxofonist und mit ihm Munjus erfolgreichstes Album: Brot und Spiele. „Brot und Spiele lief erstaunlich gut“, so Salomon. „Wir verkauften von jedem Album 3000 Stück, bei Brot und Spiele mussten wir weitere 3000 nachbestellen.“ Für die Band war dies ein Risiko, denn sie musste die Platten jedesmal erst selbst bezahlen. In der „Brot und Spiele“-Besetzung ging es wieder auf Tour, diesmal gleich zwei Mammut-Touren mit der schwedischen Band von Zamla quer durch Deutschland und Schweden.

Natürlich geht es um Musik und Munju: Sommergespräch auf dem Balkon mit Wolfgang Salomon. | Foto: Uta BöttcherNatürlich geht es um Musik und Munju: Sommergespräch auf dem Balkon mit Wolfgang Salomon. | Foto: Uta BöttcherAls Fred Lamberson 1982 die Band verließ und nach San Francsco zurückkehrte, vervollständigte der Keyboarder Peter Haas Munju. „Peter war aus Berlin und wollte leider nicht in Würzburg bleiben.“ Mit Eddie Rüdel kam kurz darauf ein junger Gitarrist in die Band, der perfekt zu Munjus Stil passte. „Mit Eddie hatten wir eine gute Zeit. Le perfectionniste ist meine Lieblings-LP aus der Munju-Ära.“

In der Tat ist das vierte und letzte Album „Le perfectionniste“ von 1984 anders als die drei vorhergehenden. „Zum ersten Mal haben wir die Studio-Möglichkeiten richtig genutzt“, beurteilt Salomon die Arbeit an diesem Album. Russische Chöre wurden rückwärts eingespielt, genauso wie der Dampfhammer einer Geräusch-LP. „So wie Thomas und ich seinerzeit angefangen hatten, wurde es eine experimentelle Geschichte. Nur diesmal mit ordentlichem Equipment.“

Es sollte das letzte Munju-Album werden. 1986 verließ Kaudel die Band, später im Jahr folgte die Faust-Produktion für das Stadttheater. „Wir haben uns nie so richtig aufgelöst – nicht so wie andere Bands, die sich zerstreiten.“ Thomas Römer begann in seinem Beruf als technischer Direktor zu arbeiten und starb 2005 an Krebs. Kaudel erfand einen Tonabnehmer für Vibrafon und ging nach Oregon in die Vereinigten Staaten. Eddie Rüdel gründete eine Lichtdesign-firma. Wolfgang Salomon tourte mit „von Zamla“ nach Moskau und St. Petersburg.

„Es gab danach immer mal wieder Pläne“, so Salomon. Vor allem mit Thomas Römer blieb Wolfgang Salomon nach Munju daher immer in Kontakt. „Man kann aber auch Musik machen ohne Band.“ Nach den Touren mit von Zamla folgten daher zahlreiche Projekte Wolfgang Salomons im Theater- und Balletbereich, die Arbeit im eigenen Studio im Theater am Neunerplatz und Auftritte mit dem Django-Project. Aber all dies zu erzählen, ist eine andere Geschichte.

Internet:
www.salomon-online.de
www.munjumusic.com


 

Zum Weiterlesen

Alles hat eine Bedeutung

Alles hat eine Bedeutung

Er zählt zu den Künstlern, die den öffentlichen Raum mitprägen und dessen Kunstwerke viele Würzburger schon gesehen haben – oft auch unbewusst. Sebastian Holzners Skulpturen stehen im Botanischen Garten, an der Festung Marienberg und auch im Landkreis ist er vertreten, zum Beispiel mit dem Brunnen neben...

Mehr >

UP - Der Überblick

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4

90 Prozent reichen nicht

90 Prozent reichen nicht

Es ist wieder soweit: Die Pilze sprießen und ein schöner herbstlicher Spaziergang lässt sich mit einem leckeren Pilzmahl vebinden. Damit beim Pilze sammeln nichts schief läuft, lohnt ein Besuch bei Renate Schoor. Sie berät von August bis Ende Oktober über Steinpilz und Co. Denn beim Pilzesammeln...

Mehr >

Hell und offen für Workshops

Hell und offen für Workshops

Es tut sich was: Erst im vergangenen Jahr kam das „go“ für das ZDI. Im Frühjahr nächsten Jahres kann man schon in den Tower am Hubland einziehen und der helle, offene „Cube“ des Gründerlabors ist bis dahin ebenfalls bezugsfertig.

Mehr >

Rollrasen und mobile Bäume

Rollrasen und mobile Bäume

Nach gewonnenem Bürgerentscheid: Kardinal-Faulhaber-Platz für Landesgartenschau provisorisch begrünt.

Mehr >

Schweres Gerät und Nachtarbeit

Schweres Gerät und Nachtarbeit

In den Sommerferien wurde in der Kaiserstraße schweres Gefährt aufgefahren. Mitten in der Nacht ging es den alten Schienensträngen an den Kragen.

Mehr >
Website Realisation: CATLINE print & web | © UP Magazin 2016