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Meister der Sprung-Asse

Abflug: Mit der Startnummer 45 geht Stephan Leye bei den Deutschen Meisterschaften im Skispringen auf der frisch umgebauten großen Schanze in Oberhof über den Schanzentisch. Abflug: Mit der Startnummer 45 geht Stephan Leye bei den Deutschen Meisterschaften im Skispringen auf der frisch umgebauten großen Schanze in Oberhof über den Schanzentisch. Rainer Adelmann

Zwischenlandung der Adler in Oberhof: Unsere fliegenden Ski-Asse bei den Deutschen Meisterschaften im Skispringen hautnah und in ihrem Element. Und eines wird klar: Skispringen ist kein lautloser Sport.

von Rainer Adelmann

Bis auf Severin Freund, der aus trainingstaktischen Gründen abgesagt hat, sind sie alle dabei: Andreas Wank, Marinus Kraus und Andreas Wellinger, die bei den Olympischen Spielen in Sotschi zusammen mit Freund die Goldmedaille in der Team-Wertung holten. Richard Freitag, dazu Karl Geiger, Stephan Leyhe, Markus Eisenbichler, Pius Paschke und wie sie alle heißen. Ein Youngster aber, nämlich David Siegel, wird diesmal allen die Schau stehlen.

Am Wochenende vom 20. bis zum 23. Oktober waren die Schanzen im Oberhofer Kanzlergrund nach langer Renovierungspause endlich wieder einmal gefordert. Die deutschen Skispringer und die Nordisch Kombinierer sind zu Gast und suchen ihre Meister im Einzel und im Team.

Von 2013 bis 2015 mussten die beiden Schanzen umfassend saniert werden. Die „kleine“ Normalschanze (K90) wurde sogar abgerissen und vollständig neu gebaut. Ein Anlauf aus Keramik, der im Winter gekühlt werden kann und dann über eine Eisspur verfügt, wurde installiert. Die Ausläufe beider Schanzen wurden zu einem Aufsprunghang verbunden. Und: Dank einer Belegung mit Matten ist die Schanzenanlage im Kanzlersgrund nun ganzjährig nutzbar.

Diese Matten waren auch notwendig, denn selbst im über 800 Meter hoch gelegenen Oberhof (Schanzenanlage 850 Meter) liegt im Oktober nicht genug Schnee, um einen Skisprung-Wettkampf auszutragen – wenngleich am Morgen des Wettkampftags durchaus einige Schneeflocken durch die Luft wirbeln. Das Wetter meint es leider nicht gut mit den Adlern: Während der gesamten Meisterschaft wechseln sich Nebel und Nieselregen miteinander ab. Aber die gute Nachricht: Kein Lüftchen trübt den Flug. Und die Springer sind ohnehin Wetter jeglicher Couleur gewöhnt. Es ist nun einmal eine Outdoor-Sportart, wie es heutzutage gerne heißt.
Trotz miesen Wetters haben sich zahlreiche Skisprungfreunde im Stadion im Schanzenauslauf – 40.000 Zuschauern bietet die gesamte Anlage Platz – eingefunden und bestaunen die Sportler, die sich von der Großschanze aus in die Tiefe stürzen. 150 Höhenmeter müssen sie überwinden, alleine der Anlaufturm der K 120, der großen Schanze, ist 27 Meter hoch.

Ein Sessellift befördert die Springer nach oben, damit sie innerhalb weniger Sekunden wieder unten ankommen – und dabei möglichst weit geflogen sind. 147 Meter beträgt der Schanzenrekord, aufgestellt vom finnischen Kombinierer Anssi Koivuranta im Jahr 2005. Soweit wird heute niemand fliegen, aber immerhin nah dran sein.

Unmittelbar neben dem Hang der Großschanze verläuft für Medienvertreter und Trainer eine Treppe mit 632 Stufen vom Auslaufbereich bis zum Anlaufturm, die man als Journalist gerne zwei bis dreimal rauf und runtergeht – immer auf der Suche nach der besten Kameraposition. Dafür ist man von der Treppe aus den Springern so nah wie selten. Und wer glaubte, Skispringen sei eine lautlose Sportart, sieht sich getäuscht.

Wenn sich die Springer den Anlauf hinab stürzen, ächzt die Schanze und rasselt die Wellblechverkleidung, Wasserdampf steigt aus der künstlich erzeugten Eisrinne auf. Die Leichtigkeit kommt nach dem Absprung: Doch auch hier – steht man direkt am Hang – hört man den Springer zuerst, bevor man ihn über die Kuppe fliegen sieht. Ein leises Rauschen kündigt jeden Athleten an, erzeugt vom Luftwiderstand seines Sprunganzugs. Auf den grünen Matten angekommen spritzt das Wasser auf und jeder Springer zieht eine Wasserspur hinter sich her – bis er schließlich auf dem Kunststoffrasen im Stadion angekommen ist, wo ihn die Zuschauer mit Applaus begrüßen.

Die Trainer der einzelnen Athleten und Mannschaften beobachten das Geschehen von Tribünen und vom Kampfrichterturm aus und natürlich ist auch der Trainer der deutschen Nationalmannschaft dabei: Der Österreicher Werner Schuster betreut seit 2008 das Nationalteam und nimmt seine Schützlinge beim ersten großen Wettkampf dieses Winters gleich unter die Lupe.

Er kann sich freilich nicht beklagen und sieht sehr gute Leistungen: Wellinger, Kraus, Freitag, Geiger und Leyhe sind vorne mit dabei. Den Sieg aber holt sich der erst 20jährige David Siegel mit Sprüngen von 126 und 140 Metern. 140 Meter – nur sieben Meter unter Schanzenrekord – ist denn auch der weiteste Sprung dieser Einzeldisziplin der Deutschen Meisterschaften.

Und wer hätte es gedacht: Bei der Siegerehrung lässt sich dann doch die Sonne kurz blicken und gratuliert David Siegel zum ersten, Andreas Wellinger zum zweiten und Richard Freitag zum dritten Platz. Zu den Gratulanten zählt auch der Bundestrainer, der in kurzen Einzelgesprächen Tipps und Ratschläge erteilt.

Die Premiere für die rundum renovierte Schanzenanlage im Oberhofer Kanzlersgrund: gelungen. Und die Adler können zum ersten Weltcup fliegen.

 

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