UP Magazin

UPRenate Schoor berät über Steinpilz und Co.

90 Prozent reichen nicht

90 Prozent reichen nicht Foto: Ramona Heim

Es ist wieder soweit: Die Pilze sprießen und ein schöner herbstlicher Spaziergang lässt sich mit einem leckeren Pilzmahl vebinden. Damit beim Pilze sammeln nichts schief läuft, lohnt ein Besuch bei Renate Schoor. Sie berät von August bis Ende Oktober über Steinpilz und Co. Denn beim Pilzesammeln gilt: Man muss sie zu 100 Prozent kennen.

von Rainer Adelmann

Als wir uns bei Renate Schoor in der Umweltstation treffen, erzählt sie, dass sie erst einen Tag vorher einen Pilzesammler vor einem Unheil bewahrt hat. Der Mann hatte Champignons gesammelt, die er sich von der Pilzexpertin vorsichthalber ansehen ließ. Es stellte sich heraus, dass es sich um Karbolegerlinge handelte: Giftchampignons, die dem Anischampignon nicht nur täuschend ähnlich sehen, sondern sich auch gerne unter ihn mischen.

Hier hilft nur ein Reiben an Stil oder Kappe: Wird es chromgelb, handelt es sich um den giftigen Karbolegerling. „Geübte Sammler erkennen den Anischampgnon auch am Geruch“, so die Expertin. Im Zweifel aber hilft besagter Reibetest. Für den Sammler hieß dies: Die vermeintlichen leckeren „Anischampignons“ wieder aus der Tiefkühltruhe zu nehmen und im Abfall zu entsorgen.

Liebt die Natur, den Wald und  die Pilze: Pilzssachverständige Renate Schoor berät noch bis zum Ende der Pilzsaison in der Umweltstation und in den Räumen des Forstbetriebs Heidingsfeld. | Foto: Uta BöttcherLiebt die Natur, den Wald und die Pilze: Pilzssachverständige Renate Schoor berät noch bis zum Ende der Pilzsaison in der Umweltstation und in den Räumen des Forstbetriebs Heidingsfeld. | Foto: Uta BöttcherSeit 1994 betreibt Renate Schoor bereits die Pilzberatung für die Stadt Würzburg. Am Anfang im Falkenhaus und später im Forstbetrieb in Heidingsfeld und seit zwei Jahren zusätzlich in der Umweltsstation. UP Magazin sprach mit der Expertin über ihre langjährige Arbeit.

Rund 300 bis 400 Sammler nehmen jede Saison die Beratung in Anspruch. „Manchmal geben sich im Forstamt die Sammler die Klinke in die Hand“, so Renate Schoor. Eine Flaute herrschte allerdings vergangenes Jahr. Wegen des trockenen Wetters fanden nur rund 30 Pilzfreunde den Weg zu ihr. Die Pilzsaison verkürzte sich auf drei Wochen Ende September, Anfang Oktober. Doch in dieser Zeit holte die Natur alles nach. Die Pilze taten das, was die Redewendung sagt: Sie schossen wie Pilze aus dem Boden.

Begonnen hat alles mit einer Liebe zur Natur. Renate Schoor ging schon immer gerne in den Wald. Und irgendwann wollte sie mehr über die Pilze wissen. „Ich habe in der Stadtbücherei alle Bücher über Pilze gelesen.“ Sie beschloss Pilzsachverständige zu werden und belegte 1993 ein einwöchiges Seminar an der Pilzlehrschule in Hornberg im Schwarzwald. Am Ende stand die Prüfung der Deutschen Gesellschaft für Mykologie zur Pilzsachverständigen. „Normalerweise genügt eine Woche gar nicht“, so die Pilzexpertin. „Ich war in einem Schwarzwaldbauernhof eingemietet und habe täglich bis nachts um zwei gelernt.“

Ihre Mühe hat sich gelohnt, sie hat die Prüfung auf Anhieb bestanden – obwohl die Hälfte der Prüflinge durchfiel. Im praktischen Teil bekam sie einen Korb voller Pilze vorgesetzt und sie musste die Exemplare bestimmen. „Weil ein grüner Knollenblätterpilz dabei war, sagte ich: Tut mir leid, den Korb kann ich nicht bestimmen.“ Denn: Sobald sich ein hochgiftiger Knollenblätterpilz unter den gesammelten Schwammerln befindet, muss die gesamte Ausbeute weggeworden werden. Schließlich könnte er schon Sporen und Lamellen abgeworfen haben. Die Prüfer schmunzelten – und natürlich durfte sie die weiteren Pilze bestimmen. Was sie mit Bravour tat: Die Pilzsachverständigenprüfung war bestanden.

In Acht nehmen solle man sich vor selbsternannten Pilzberatern, so Renate Schoor. „Vor allem, wenn einer erzählt, er kennt alle Pilze – dann muss man vorsichtig sein.“ Allein in Mitteleuropa gibt es über 4500 verschiedene Pilzarten, und selbst die erfahrene Sachverständige kennt nicht alle. „Ich werfe in meiner Beratung auch nicht mit lateinischen Namen um mich. Mit den deutschen Bezeichnungen kommen die Leute besser zurecht.“ Es gibt immer weniger Pilzsachverständige, stellt Renate Schoor fest. Lange wurde um die staatliche Anerkennung gekämpft.

Kommt man in die Beratung ist es am besten, man hat den ganzen Pilz herausgedreht und nicht nur abgeschnitten. Denn zum  Kennenlernen und Erkennen ist es besser, den kompletten Pilz zu ernten. Außerdem: Steinpilze beispielsweise haben einen langen Stil und man verschenkt die Hälfte, wenn man nur abschneidet.

Anfänger können auch gerne erstmal in die Beratung kommen, ohne einen Pilz dabei zu haben. Dann gibt es Ratschläge, welchen Pilz man zu Beginn sammeln sollte. Ihre Ausbeute können sie dann beim nächsten Termin gleich begutachten lassen. Für den Anfang ist es genug, sich zunächst nur ein oder zwei Arten zu merken und zu suchen. Im Laufe der Jahre können dann weitere dazukommen.

Statt falschen Ehrgeiz zu entwickeln und möglichst schnell möglichst viele Arten sammeln zu wollen, sollte ein Anfänger in der Tat lieber nur zwei Arten kennen – die dafür richtig. Denn eine Pilzart kann je nach Alter, Untergrund und Klima immer etwas verschieden aussehen. Beim Pilzesammeln gilt: 90 Prozent reichen nicht. Der Sammler muss das, was er sammelt, zu 100 Prozent kennen und erkennen.

Anfängern rät sie, auf jeden Fall nur Pilze mit Röhren zu sammeln, also Steinpilze, Maronen, die Rotkappe oder die Ziegenlippe. Auf keinen Fall sollte man mit Lamellenpilzen beginnen, denn unter diesen verbergen sich auch die tödlich giftigen. Ein weiteres Argument: Unter den Röhrlingen befinden sich die schmackhaftesten Pilzarten.

Ideal für einen Familienausflug: Pilze sammeln im Wald macht nicht nur Spaß, sondern zaubert auch ein leckeres Essen in die Pfanne. | Foto: PHB.czIdeal für einen Familienausflug: Pilze sammeln im Wald macht nicht nur Spaß, sondern zaubert auch ein leckeres Essen in die Pfanne. | Foto: PHB.czEine Sammlerin, die regelmäßig zur Pilzberaterin kommt, machte es richtig: Erst nach einigen Jahren Sammelerfahrung nahm sie sich jetzt Täublinge als neues Sammelgebiet vor. Sie hatte sich gut vorbereitet und brachte ihr erstes Sammelergebnis gleich zu Renate Schoor: Alle waren tatsächlich lupenreine Täublinge.

„Die meisten Sammler suchen Steinpilze, Pfifferlinge, Maronen oder Parasole“, weiß Renate Schoor aus ihrer Praxis. In ihrer Beratung gibt sie auch Tipps für die Zubereitung der Pilze. Bei den Parasolen beispielsweise nutzen die Sammler meist nur den Hut. Aber, so Renate Schoor: „Man kann auch den Stil nehmen. Der ist zwar trocken wie Holz aber bestens geeignet für Pilzpulver zum Würzen.“ Und ist der Parasol noch geschlossen, kann man ihn zuhause ins Wasser legen. „Dann kann man zuschauen, wie er sich öffnet. Und am nächsten Tag hat man mit der Kappe ein wunderbares Pilzschnitzel.“

Man kann Pilze zwar einfrieren, eine gute Konservierungsmethode ist aber auch das Trocknen. Dafür gibt es eigene Dörrgeräte, aber es tut auch der Backofen. Wichtig: „Die Pilze müssen rascheltrocken sein. Ist einer nicht trocken genug, können alle Pilze das Schimmeln anfangen.“
Neben ihren Beratungsterminen gibt die Pilzsachverständige auch Führungen bei der Volkshochschule und dem Bund Naturschutz. „Mir ist auch wichtig, die Menschen zur Natur zu bringen und zum richtigen Umgang mit Wald und Natur.“ Am Anfang ihrer Beratungstätigkeit kamen Sammler mit ganzen Kartons voller Pilzen. „Sie hatten alles abgerupft, was sie im Wald gefunden haben.“ Das ist natürlich nicht Sinn der Sache, denn jeder soll nur so viel pflücken, wie er auch verzehren kann. Im Lauf der Zeit hat sich das freilich gebessert.

In den vergangenen zehn Jahren sieht Renate Schoor einen richtigen Boom, was das Pilze sammeln angeht. Das liegt unter anderem an den Pilze-Apps fürs Handy, mit denen man unterwegs im Wald schnell nachschlagen kann. Trotzdem rät die Expertin zu einem guten Pilzbuch, denn nicht jede App ist wirklich vertrauenswürdig.

Pilze sammeln ist zwar ein schönes Hobby, aber man sollte wissen, was man in den Korb packt. Im Laufe ihrer langjährigen Tätigkeit hatte sie öfter mit den Schattenseiten zu tun. Als Sachverständige wird sie auch von der Uniklinik konsultiert. „Es kamen schon nachts um zwei Taxis mit Pilzen.“ Dann ruft sie zurück und gibt Bescheid, um welchen Pilz es sich handelt. Einmal konnte sie so verhindern, dass Kindern der Magen ausgepumpt wurde: Es waren gottseidank keine giftigen Pilze.

Glimpflich lief es auch ab, als an einem Sonntagmorgen ein Sammler bei ihr anrief und das Essen dort schon fast auf dem Tisch stand. Seine Frau hatte bereits die Klöße gemacht – und da kamen ihr Bedenken. Vorsichtshalber kam der Mann mit einem Exemplar vorbei und es handelte sich tatsächlich um Gallenröhrlinge. Die sind zwar nicht giftig, aber bitter. „Man sollte öfter auf seine Frau hören“, so Renate Schoor. Für den Sammler gab es an diesem Sonntag keine Pilze zu den Klößen.

Meist bemerkt man ein Pilzvergiftung schnell, Übelkeit und Erbrechen sind die Zeichen. Tückisch ist aber einer der gefährlichsten Pilze überhaupt, der Knollenblätterpilz. Erste Symptome kommen erst nach sechs bis acht Stunden. Danach tritt eine vermeintliche Besserung ein, aber das Gift ist schon im Körper verteilt. Bis vor ein paar Jahren war der Pilz absolut tödlich. Inzwischen hat die Medizin zwar Fortschritte gemacht, aber immer noch kann eine Vergiftung mit dem Tod enden.

Symptome einer Pilzvergiftung können sogar auftreten, wenn man nur Angst vor Pilzen hat. Renate Schoor weiß von einem Mädchen, dessen Mutter Steinpilze gekocht hat und die Tochter mit Vergiftungs-Symptomen, also Übelkeit und Erbrechen,  ins Krankenhaus musste. Sie hatte sich zu sehr darauf kapriziert, dass die Pilze giftig seien.
Über solche Prachtstücke freut sich der Sammler natürlich: ein Parasol, dessen Schirm ein leckeres Schnitzel in der Pfanne ergibt. | Foto: Stefanie BöttcherÜber solche Prachtstücke freut sich der Sammler natürlich: ein Parasol, dessen Schirm ein leckeres Schnitzel in der Pfanne ergibt. | Foto: Stefanie BöttcherWer sich gut auskennt, braucht beim Pilzesammeln freilich nichts zu befürchten. Pilze wachsen das ganze Jahr über, wenn es das Wetter zulässt. Im Frühjahr kommen die gesuchten Morcheln, im Mai der Sommersteinpilz, bei Regen die Stockschwämmchen und im Winter der Austernseitling oder das Judasohr. Die Hauptsammelzeit ist aber natürlich von Ende August bis zum ersten Frost, also meist Ende Oktober.

Pilze sammelt man in luftigen Körben und putzt sie am besten schon grob im Wald. „In einer Plastiktüte schwitzt der Pilz, das Eiweiß zersetzt sich und man riskiert eine Lebensmittelvergiftung, selbst wenn man nur eßbare Pilze gesammelt hat.“ Renate Schoor selbst sammelt am liebsten im Spessart, aber: „Der frühe Vogel fängt den Wurm.“ Denn in der Saison sind viele Sammler unterwegs.

Ihr gefällt, dass sich derzeit auch wieder viele Kinder für das Pilze sammeln interessieren. Und wer in Rente oder Pension geht, entdeckt ebenfalls gerne sein altes Hobby wieder. Für Renate Schoor ist Pilze sammeln die ideale Freizeitbeschäftigung: „Es ist doch schön, mit Freunden in den Wald zu gehen und dann vielleicht auch noch irgendwo einzukehren. Man ist an der frischen Luft, genießt die Bewegung, der Adrenalinspiegel steigt – und man hat auch noch etwas für den Kochtopf. Was will man mehr?“

Renate Schoor berät bis voraussichtlich Ende Oktober montags von 10 bis 12 Uhr in den Räumen des Forstbetriebs in Heidingsfeld, Rathausplatz 2, sowie dienstags von 15 bis 17 Uhr in der Umweltstation, Zeller Straße 44. In dieser Zeit ist sie auch unter der Handynummer 01 52 / 34 21 23 62 zu erreichen. In dringenden Fällen kann Renate Schoor unter Tel. 09 31 / 4 52 76 00 angerufen werden.

 

UP - Der Überblick

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4

90 Prozent reichen nicht

90 Prozent reichen nicht

Es ist wieder soweit: Die Pilze sprießen und ein schöner herbstlicher Spaziergang lässt sich mit einem leckeren Pilzmahl vebinden. Damit beim Pilze sammeln nichts schief läuft, lohnt ein Besuch bei Renate Schoor. Sie berät von August bis Ende Oktober über Steinpilz und Co. Denn beim Pilzesammeln...

Mehr >

Hell und offen für Workshops

Hell und offen für Workshops

Es tut sich was: Erst im vergangenen Jahr kam das „go“ für das ZDI. Im Frühjahr nächsten Jahres kann man schon in den Tower am Hubland einziehen und der helle, offene „Cube“ des Gründerlabors ist bis dahin ebenfalls bezugsfertig.

Mehr >

Rollrasen und mobile Bäume

Rollrasen und mobile Bäume

Nach gewonnenem Bürgerentscheid: Kardinal-Faulhaber-Platz für Landesgartenschau provisorisch begrünt.

Mehr >

Schweres Gerät und Nachtarbeit

Schweres Gerät und Nachtarbeit

In den Sommerferien wurde in der Kaiserstraße schweres Gefährt aufgefahren. Mitten in der Nacht ging es den alten Schienensträngen an den Kragen.

Mehr >
Website Realisation: CATLINE print & web | © UP Magazin 2016