UP Magazin

UP18-Millionen-Euro-Projekt soll im Sommer fertig sein

Das Klärwerk als Kraftwerk

Futuristisch: Die neuen Faultürme des Würzburger Klärwerks in einer Visualisierung. Im Sommer sollen die Bauarbeiten beendet sein. Futuristisch: Die neuen Faultürme des Würzburger Klärwerks in einer Visualisierung. Im Sommer sollen die Bauarbeiten beendet sein. Auer Weber Assoziierte GmbH

Schick werden sie aussehen, die neuen Faultürme auf dem Klärwerkgelände in der Zellerau. Die futuristisch aussehenden Gebilde – des Nachts per LED angestrahlt – sind Teil der neuen Faulgasanlage. Die Anlage zersetzt nicht nur das, was Menschen nicht mehr haben wollen, sondern wird darüber hinaus so viel Strom erzeugen, wie 1.300 Vierpersonenhaushalte im Jahr verbrauchen.

von Rainer Adelmann

Sie sollen Flusskiesel symbolisieren: Die Türme der neuen Faulgasanlage auf dem Gelände des städtischen Klärwerks in der Zellerau. Noch fehlt die Hülle, die Membran, die den Faulbehälter umschließen wird. Ist diese fertig, wird jeder der beiden Behälter 22 Meter in die Höhe ragen.

Doch das ist nicht seine gesamte Größe: Zehn Meter reicht jeder Behälter ins Erdreich, so dass sich pro Faulbehälter eine Gesamthöhe von 32 Metern ergibt. Bei einem Durchmesser von 20 Metern an der dicksten Stelle umfasst jeder Faulbehälter rund 5.000 Kubikmeter Nutzvolumen. Plastisch dargestellt entspricht dies rund 35.000 Badewannenfüllungen pro Behälter.

Beeindruckende Ingenieurleistung: Ein Blick in einen der Faultürme während der Bauarbeiten im Jahr 2015. | Fotos: Harald Müller-Wünsche Beeindruckende Ingenieurleistung: Ein Blick in einen der Faultürme während der Bauarbeiten im Jahr 2015. | Fotos: Harald Müller-Wünsche Bereits 2014 wurde mit dem Projekt auf dem Gelände des Klärwerks begonnen. Inzwischen nähert sich der Bau langsam dem Ende: Der erste Behälter wurde bereits mit Faulschlamm beschickt, so die Abteilungsleiterin des Klärwerks, Christine Neuland, im Gespräch mit dem UP Magazin. Derzeit kommt Frischschlamm hinzu und in Kürze wird das System angefahren, um erste Messwerte zu erhalten.

Bis zum Spätsommer dieses Jahres sollen die Bauarbeiten schließlich beendet sein und der Betrieb kann beginnen. Bis dahin werden rund 1.400 Kubikmeter Beton in den Behältern verbaut sein - etwa 120 Betonmischerladungen. Halt verleiht dem Beton eine Armierung aus 350 Tonnen Stahl.

Die alten Faultürme aus den frühen 60er Jahren waren nicht nur zu klein, sondern auch marode. Es gab nicht nur Schäden am Beton, sondern auch an den Rohrleitungen -abgesehen davon, dass die Technik inzwischen überholt war. Fassten die alten Faultürme noch 3.400 Kubikmeter, spielen die neuen Türme mit 10.000 Kubikmetern Fassungsvermögen in einer anderen Liga.

Und sie können noch mehr: Das bei der Faulung entstehende Gas, nämlich Methan, wird drei Blockheizkraftwerke antreiben, die wiederum Strom erzeugen. Und zwar so viel, wie 1.300 Vierpersonenhaushalte im Jahr verbrauchen. Zum Vergleich: Mit dieser Menge könnte eine Gemeinde wie Estenfeld seinen gesamten Jahresstrombedarf decken.

Freilich wird von den 5,5 Kilowattstunden, die jährlich auf diese Weise erzeugt werden, kein einziges Watt nach außen fließen. Das Klärwerk gehört mit etwa 600.000 Kilowattstunden pro Monat zu den größten Stromverbrauchern in der Stadt, daher will man den Strom künftig selbst nutzen. Etwa 50 bis 70 Prozent des eigenen Strombedarfs könne man auf diese Weise decken, schätzt Christine Neuland.

Die Möglichkeit dank der modernen Faulgasanlage und Blockheizkraftwerke den eigenen Energiebedarf künftig großenteils selbst zu erzeugen, war mit Ausschlag gebend für die Entscheidung für eine neue Faulgasanlage. Zwei der drei Blockheizkraftwerke werden künftig im Dauerbetrieb Strom erzeugen, die dritte ist redundant und dient der Absicherung.
Nicht geändert hat sich der grundlegende Arbeitsablauf im Klärwerk: Die Abwässer aus rund 540 Kilometern Kanalnetzlänge landen alle am Ende ihres Weges im Klärwerk in der Zellerau.

Zu den Nutznießern der Anlage zählen nicht nur Würzburg, sondern alle Gemeinden aus dem Zweckverband Abwasserbeseitigung, zu dem auch Randersacker, Theilheim, Gerbrunn, Rottendorf, Rimpar, Eibelstadt, Estenfeld, Kürnach, Reichenberg, Höchberg und Zell gehören. Die neue Anlage ist für 360.000 Einwohnerwerte ausgelegt. Einwohnerwert ist nicht gleichbedeutend mit Einwohner: So kann der Abwasserverbrauch einer Firma beispielsweise einem mehrfachen Einwohnerwert entsprechen.

Im Klärwerk angekommen wird das Abwasser zunächst mechanisch gereinigt, das heißt Rechen und Sandfang trennen größere Feststoffe ab. Danach fließt das Abwasser in die so genannte Vorklärung, wo die Fließgeschwindigkeit deutlich reduziert wird und sich dadurch Schlamm absetzt, der abgepumpt wird. Weil in dieser Phase der geruchsintensivste Teil der Reinigung stattfindet, ist die komplette mechanische Reinigung in geschlossenen Gebäuden untergebracht.

 Das mechanisch vorbehandelte Abwasser landet in Schlammbecken und die biologische Reinigung kann beginnen: Bakterien nehmen ihre Arbeit auf und zersetzen die organischen Abfallstoffe. Wobei die „braune Tunke“ in den Becken nicht etwa durch Fäkalien ihre Farbe erhält, sondern durch die Bakterien. Die Bakterien arbeiten effektiv: Die organischen Inhaltsstoffe werden zu 98 Prozent, Phosphate zu 95 Prozente und Stickstoff zu über 80 Prozent eliminiert.

Nächste Stufe: Nachklärbecken. In diesen Becken setzt sich die Bakterienmasse, die in Form von Flocken im Wasser schwimmt, langsam nach unten ab, wo sie mit einem Räumschild herausgefiltert wird. Das Wasser, das jetzt fertig gesäubert ist, kann in den Main abfließen. Freilich nicht, ohne eine Endkontrolle zu passieren, wo Messungen vorgenommen werden. Rund 36 Stunden, so Christine Neuland, ist die Gesamtaufenthaltsdauer des Abwassers zwischen mechanischer Reinigung und Nachklärung bei trockenem Wetter. Regnet es, also kommt mehr Wasser hinzu, kann sich diese Dauer verkürzen.

Das Wasser ist also weg, der Schlamm ist allerdings noch übrig. Der so genannte Überschussschlamm aus dem Nachklärbecken wird teilweise wieder in die biologische Reinigung zurückgeführt. Er dient dazu, für die Bakterien die optimale Arbeitsumgebung zu schaffen. Der größere Anteil des Überschussschlamms landet in den Faultürmen – gemeinsam mit dem Frischschlamm, der bei der mechanischen Reinigung bereits herausgezogen wurde.

Während die alten Faultürme lediglich für den Frischschlamm ausgelegt waren, sind die neuen Faultürme Alleskönner: Sie kommen mit  Frischschlamm und Überschussschlamm zurecht. In den Faultürmen wird der Schlamm eingedickt und die bei der Faulung entstehenden Gase treiben die beiden bereits erwähnten Blockheizkraftwerke an. Da es sich bei diesem erzeugten Strom um Strom aus erneuerbaren Energien handelt, freut sich die Umwelt, denn der CO2-Ausstoß wird um rund 5.370 Tonnen vermindert. Anders ausgedrückt: Man spart rund 1.720 Kubikmeter Heizöl, wenn die neuen Faulgastürme demnächst in Betrieb gehen.

Ein Blick aus der Luft auf das Gelände des städtischen Klärwerks in der Zellerau. Links deutlich zu erkennen: Die im Bau befindlichen neuen Faultürme, die im Sommer dieses Jahres ijn Betrieb gehen und jeweils 5.000 Kubikmeter fassen. In den viereckigen Schlammbecken im rechten Bereich arbeiten Bakterien, die organische Inhaltsstoffe, Phosphate und Stickstoff im Abwasser abbauen. In den runden Becken ganz rechts ist das Wasser bereits gereinigt und die Bakterienmasse, die in Form von Flocken im Wasser schwimmt, sinkt nach unten und wird mit Räumschilden herausgefiltert. Das gereinigte Wasser fließt in den Main.Ein Blick aus der Luft auf das Gelände des städtischen Klärwerks in der Zellerau. Links deutlich zu erkennen: Die im Bau befindlichen neuen Faultürme, die im Sommer dieses Jahres ijn Betrieb gehen und jeweils 5.000 Kubikmeter fassen. In den viereckigen Schlammbecken im rechten Bereich arbeiten Bakterien, die organische Inhaltsstoffe, Phosphate und Stickstoff im Abwasser abbauen. In den runden Becken ganz rechts ist das Wasser bereits gereinigt und die Bakterienmasse, die in Form von Flocken im Wasser schwimmt, sinkt nach unten und wird mit Räumschilden herausgefiltert. Das gereinigte Wasser fließt in den Main.

Und selbst der ausgefaulte, mineralische Schlamm, der am Ende der Faulung übrigbleibt, kann noch genutzt werden. Er hat noch so viel Energie wie Braunkohle und kann im MHKW, dem Müllheizkraftwerk, verbrannt und somit ebenfalls zur Stromerzeugung genutzt werden.
Zu dem Bauvorhaben auf dem Klärwerkgelände zählt neben den Faultürmen auch ein neues Verwaltungsgebäude einschließlich Sozialräume. Für die Stadt bedeutet dies, dass sie zwei Betriebshöfe zusammenlegen konnte. Der Kanalbetrieb, der bisher in der Nürnberger Straße, beherbergt war, ist mit auf das Klärwerkgelände gezogen. Rund 80 Mitarbeiter arbeiten derzeit auf dem Gelände.

Und noch etwas wird auf dem Gelände unterkommen: Derzeit wird eine große Halle gebaut, die schon bald sämtliche mobilen Hochwasserschutzelemente aufnehmen wird. Im Moment sind diese noch in einer eigens angemieteten Halle in der Nürnberger Straße untergebracht.

Die Baustelle im Klärwerk ist keine einfache Baustelle. Für ein Klärwerk gelten besondere Regelungen – schließlich wird hier mit infektiösem Material umgegangen. Und es muss sichergestellt werden, dass die strengen Vorgaben am Ende exakt eingehalten werden. Bei der Faulung entstehen zudem brennbare Gase, was bedeutet, man muss dem Explosionsschutz gerecht werden. Daher gelten auch für die Beleuchtung strenge Richtlinien. Fest steht allerdings, dass die beiden imposanten Faultürme nach ihrer Fertigstellung mit farbigen LEDs angestrahlt werden. Und damit wird das neue Klärwerk nicht nur das technisch modernste Klärwerk sein, dass Würzburg je hatte – sondern auch das schönste.

 

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