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UPOb analog oder digital: Hier wurde geholfen

Das verbogene Näschen

Ursachenforschung: Marianne Bauer und Helfer Dominik versuchen beim 8. Würzburger Repaircafè das Geheimnis zu ergründen, warum Frau Bauers Nähmaschine partout nicht mehr einfädeln will. Ursachenforschung: Marianne Bauer und Helfer Dominik versuchen beim 8. Würzburger Repaircafè das Geheimnis zu ergründen, warum Frau Bauers Nähmaschine partout nicht mehr einfädeln will. Uta Böttcher

Reparieren ist besser als gleich wegwerfen und neu kaufen: Beim 8. Würzburger Repaircafé standen die Menschen in einer lange Schlange, um sich von Experten helfen zu lassen.

Dominik ist einem Geheimnis auf der Spur: Nämlich, warum die Nähmaschine, die Frau Bauer mitgebracht hat, partout das Einfädeln verweigert. „Ich glaube, das Näschen ist verbogen“, sagt er und macht sich daran den Schaden zu beheben. Zunächst braucht er eine Lupe, denn dieses Näschen ist so klein, dass man mit bloßem Auge nicht mehr weiterkommt.

Marianne Bauer ist eine von vielen Dutzenden Besuchern, die das mittlerweile 8. Repaircafé aufsuchen, um sich helfen zu lassen. Schon kurz nach der Eröffnung stehen die Menschen Schlange: vom Vorgarten bis ins Haus in der Scanzonistraße und dann die Treppe hinauf bis in den ersten Stock. Mitgebracht haben sie alles, was man sich vorstellen kann, von Nähmaschine bis Zahnbürste, von Computer bis Tischuhr. Und all diesen Dingen ist eines gemein: sie funktionieren nicht mehr. Irgendein Teil ist kaputt, irgendetwas klemmt, irgendetwas hat keinen Kontakt oder irgendetwas hat seinen Geist aufgegeben.

Nachdem ein Formular ausgefüllt ist, in dem unter anderem darauf hingewiesen wird, dass man keine Garantie auf die Reparaturarbeiten bekommt, können sich die Hilfesuchenden mit ihrem Problem an einen Experten wenden. Man nennt sich beim Vornamen, ein Aufkleber auf dem Pulli zeigt, mit wem man es zu tun hat.

Dominik sieht sich an diesem Tag als „Mädchen für alles“, im richtigen Leben ist er Systemadministrator und hat eine eigene Firma. Hier hilft er Frau Bauer, dass ihre Nähmaschine wieder ordentlich funktioniert und wieder wie gewohnt ihren Dienst tut. Einen Raum weiter hat sich Utz einer elektrischen Zahnbürste angenommen. Die ist nicht wirklich kaputt, sondern lediglich der Akku hat das Zeitliche gesegnet. Martin Herbert hat sie mitgebracht, samt einem neuen Akku, den er selbst allerdings nicht einbauen kann.

Und hier zeigt sich bereits die Schwierigkeit, wenn man selbst etwas reparieren will – oder auch nur den Akku tauschen will: Manche modernen Geräte lassen sich nur schwer ins Innenleben schauen. Das Problem beginnt schon damit, dass man nicht weiß, wie man das verflixte Ding öffnet.

Bei der elektrischen Zahnbürste beispielsweise ist gar nicht vorgesehen, dass man den Akku selbst tauschen kann. Das heißt: Man wirft sie dann entweder weg oder schickt sie ein, wo sie für teures Geld einen neuen Akku bekommt. Beides will Martin Herbert vermeiden, deswegen ist er ins Repaircafé gekommen, wo Utz ihm den Akku austauscht.

Nicht kaputt, aber ohne funktionierenden Akku: die elektrische Zahnbürste von Martin Herbert (rechts). Für Helfer Utz beim 8. Würzburger Repaircafé kein Problem, den alten Akku heraus- und einen neuen Akku einzulöten. Den neuen Akku hatte der Besitzer gleich mitgebracht. | Foto: Uta BöttcherNicht kaputt, aber ohne funktionierenden Akku: die elektrische Zahnbürste von Martin Herbert (rechts). Für Helfer Utz beim 8. Würzburger Repaircafé kein Problem, den alten Akku heraus- und einen neuen Akku einzulöten. Den neuen Akku hatte der Besitzer gleich mitgebracht. | Foto: Uta BöttcherUnd noch etwas spricht dagegen, selbst Hand anzulegen: „Ich habe gar keinen Lötkolben, oder besser: nicht einen so guten wie den hier“, so Martin Herbert. Im Repaircafé in den Räumen des FabLab Würzburg ist man bestens ausgestattet, der Lötkolben ist Profiqualität und der Akkutausch geht flott vonstatten.

Wieder ein Zimmer weiter ist das Reich von Til, Watz und Karas. Hier dreht sich alles um Computer. Bei einem mitgebrachten Laptop funktioniert das WLAN nicht. Nach einigen Tests und dem Abschrauben der Bodenplatte stellt sich heraus: Dem Kleincomputer fehlt die erforderliche Hardware, sprich das erforderliche Modul in seinem Innenleben, um per WLAN, also über Funk, mit der vernetzten Computerwelt in Verbindung zu treten. In diesem Fall können auch die Experten freilich nicht weiterhelfen. Das Modul muss die Besitzerin später dazu kaufen und sich dann einbauen lassen.

Am Tisch gegenüber wird es analog statt digital. Dort rattert eine Nähmaschine. Die hat allerdings kein Besucher mitgebracht und sie braucht auch nicht repariert zu werden. Hier ist Petra gerade dabei, ein Kleidungsstück wieder auf Vordermann zu bringen, denn sogar das wird erstaunlicherweise im Repaircafé repariert.

An einem anderen Tisch nimmt ein Herr Platz, der ursprünglich gar nicht vorgesehen war: Weil der Besucherandrang bei diesem 8. Repaircafé so groß ist, ist Rudi Pausch aus der Schlange der Wartenden ausgeschert und als Experte eingesprungen. Er kennt sich mit Elektrik aus und hat sich kurzerhand angeboten, mitzuhelfen. Sein erster Patient ist ein kaputter Heizlüfter.

Seit vier Jahren gibt es bereits das Repaircafé in Würzburg, jeweils zwei Mal im Jahr. Gestartet wurde das Ganze von der Initiative Transition Town, unterstützt von dem Verein „Angestöpselt“. Mit dabei ist auch das FabLab Würzburg mit dem Träger Nerd2Nerd e.V. und auch der Coworking Würzburg e.V. stellt seine Räume zur Verfügung.

Man sieht: Sehr viel Privatinitiative vor allem von jungen Leuten und Studenten steckt hinter dem Projekt, das Ursula Grosch von Anfang an begleitet hat. Ursula Grosch ist Agenda 21-Beauftragte der Stadt Würzburg und hat das Repaircafé zunächst nur im Rahmen ihrer Möglichkeiten unterstützt, aber seit einem Jahr die Organisation übernommen.

„Weil die Studenten, die das aufgezogen haben, inzwischen ins Berufsleben gekommen sind und naturgemäß weniger Zeit haben, sind wir von der Stadt Würzburg mit der Agenda 21 eingesprungen“, so Ursula Grosch im Gespräch mit dem UP Magazin. „ Aber die gleichen Leute sind immer noch dabei, wenn auch nicht mehr in vorderster Front.“

Das erste Repaircafé fand 2014 noch in der Zellerauer Mittelschule statt. Inzwischen ist man in das Haus an der Ecke Veitshöchheimer Straße zur Scanzonistraße umgezogen, das ehemalige Veterinäramt der in den 1930er Jahren erbauten Frankenhalle. Hier sind Coworking Würzburg e.V. und das FabLab Würzburg beheimatet.

Wie der Name schon sagt, bietet Coworking Würzburg Räume, um zu arbeiten. Hier kann man sich unkompliziert tageweise einen Arbeitsplatz mieten. Entweder zahlt man tageweise oder tritt dem Verein bei.

FabLabs wurden 2002 zum ersten Mal in den USA eingeführt und kamen 2009 nach Deutschland. Im FabLab können Interessierte modernste Produktionsmittel nutzen: Die Standardausstattung besteht aus modernen, numerisch gesteuerten Maschinen wie CNC-Fräse, 3D-Drucker und Werkzeugen für Holz-, Kunststoff- und Metallverarbeitung. Dazu kommt ein Elektroniklaber mit Löt- und Messequipment. Kein Wunder also, dass es beim Repaircafé ausstattungstechnisch an nichts mangelt.

Vor wenigen Wochen war die Vorbesprechung für das 8. Repaircafé. Über Doodle, einem Online-Terminplaner, konnte sich jeder eintragen, wer welchem Bereich zur Verfügung steht. In der Regel werden Experten für Computer, Holz, Mechatronik, Elektronik und Gartengeräte gebraucht, so Ursula Grosch. Zehn bis zwölf Helfer sind jeweils beim Reparieren aktiv, weitere übernehmen die Anmeldung und das Café.

Wer sich helfen lässt, spendet gerne und die Spenden fließen an FabLab für die Räume und an Coworking für das Café. Und natürlich wird auch einiges davon für die Vorbereitung des nächsten Repaircafés zurückgelegt. Schließlich müssen wieder Plakate und Anmeldebögen gedruckt und das Nötige für das Café gekauft werden. Die Helfer bekommen kein Geld. Aber: Immer, wenn das Reaircafé beendet ist, findet ein großes gemeinsames Helferessen statt.

Weit über 100 Besucher verzeichnete Ursula Grosch für das 8. Repaircafé. Nur beim ersten kamen mehr. Außergewöhnlich: Diesmal konnte nur rund ein Drittel der Geräte repariert werden. Das lag nicht an der Unfähigkeit der Helfer, sondern schlicht daran, dass die Ersatzteile, beziehungsweise zusätzlich benötigten Teile nicht vorhanden waren.

Doch auch diese Besucher gingen nicht unzufrieden nach Hause, denn nun wussten sie woran es mangelt und sie konnten sich die zusätzlichen oder kaputten Teile besorgen. „Diesmal kamen wir wirklich an unsere Grenze“, beschreibt Ursula Grosch den Andrang beim 8. Repaircafé. Statt dem üblichen Ende um 18 Uhr waren die Helfer diesmal bis 19 Uhr am Werk. Das Helferessen musste daher diesmal später  über die Bühne gehen. „Dafür war es diesmal umso besser.“

 

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