UP Magazin

UPRuhestand 2

Die rechte Hand vom Chef

Nelly Rösch arbeitet seit 45 Jahren im Rathaus. Seit 24 Jahren ist sie die rechte Hand von Baureferent Prof. Christian Baumgart. Am 1. November gehen beide in den Ruhestand. Nelly Rösch arbeitet seit 45 Jahren im Rathaus. Seit 24 Jahren ist sie die rechte Hand von Baureferent Prof. Christian Baumgart. Am 1. November gehen beide in den Ruhestand. André Dorscheid

Fast hätte es zur „Silberhochzeit“ gereicht: Nelly Rösch ist seit 24 Jahren die rechte Hand von Baureferent Christian Baumgart. Jetzt geht sie gemeinsam mit ihrem Chef in den Ruhestand. UP Magazin sprach mit der Chefsekretärin über 45 Jahre Berufsleben im Rathaus.

Als Prof. Christian Baumgart am 1. November 1994 als Baureferent der Stadt Würzburg seine Arbeit aufnahm, war Nelly Rösch schon ein „alter Hase“. Sie begann ihre Arbeit im Bauamt zu Zeiten von Stadtbaurat Paul Heinrich Otte, der 1982 von Heinz Lützelberger abgelöst wurde. Prof. Baumgart war sozusagen Nelly Röschs dritter Stadtbaurat.

1988 war sie bereits ins Vorzimmer des Baureferats gewechselt und war also routiniert, was die Aufgaben einer Chefsekretärin dieses Ressorts betraf. „Der erste Tag mit Professor Baumgart ist mir noch gut in Erinnerung“, so Nelly Rösch im Gespräch mit dem UP Magazin.

„Ich kannte ihn vorher nur von einem Foto, wo er eher den Eindruck eines nordischen Typs machte. Er war sehr sympathisch und erzählte viel von sich selbst, auch über sein Privatleben. Er sagte nur: Machen sie einfach weiter wie bisher. Wenn mir etwas nicht gefällt, melde ich mich. Das fand ich ganz pfiffig und für mich einfach – und für ihn war es wohl auch eine Erleichterung.“

In 24 Jahren lernt man sich natürlich kennen, auch Privates wurde ausgetauscht, man erlebt gegenseitig den Verlust von geliebten Familienmitgliedern. „Wir haben viele Höhen und Tiefen gemeinsam durchgemacht, es war immer ein gutes Miteinander“, fasst Nelly Roesch die Arbeit mit Christian Baumgart zusammen, den sie einfach nur „Chef“ nennt.

Und es war eine interessante Tätigkeit: „Sie war ganz anders als bei seinem Vorgänger. Während Heinz Lützelberger eher dem Hochbau in Würzburg verschrieben war, war Professor Baumgart der Stadtplaner mit viel mehr Kontakten nach außen. Ich habe viele interessante Menschen kennengelernt. Und wenn man landläufig sagt, man lernt vom Chef – so war dies auch für mich eine interessante persönliche Entwicklung.“

„Zu Beginn dachten wir, womöglich ist ihm Würzburg zu provinziell“, erinnert sich Nelly Rösch an die gemeinsame Anfangszeit. „Wir waren uns nicht sicher, ob er nicht in die große Politik geht. Aber er ist geblieben und vielleicht ist das auch seiner Familie zu verdanken.“

Geändert hat sich seitdem vieles: „Damals hatten wir nur fünf Faxgeräte im ganzen Rathaus. Es war eine Revolution, als wir eines beantragt hatten und das Baureferat sein eigenes Faxgerät bekam.“ Das Faxgerät beeinflusste die Arbeitsweise grundlegend: „Gefühlt hatte man nun Arbeit ohne Ende. Sobald ein Fax ankam, wollte der Absender schon eine Antwort.“ Es war vorbei mit der „bodenständigen Arbeit, wie es sich für eine Behörde gehört“. Nun benötigte man eine Terminverwaltung, um Termine zu verschicken und einzutragen. „Das Kaffeekochen ist geblieben, das ist ja das übliche Klischee eines Vorzimmers. Aber Nägel lackieren war bei mir nicht“, schmunzelt Nelly Rösch.

Noch unter Lützelberger galt das Motto „Fräulein, zum Diktat“. „Steno fand Professor Baumgart zunächst nur amüsant. Nachdem er mitbekam, wie schnell ich mir Notizen machen kann, hat er dann doch hin wieder kurze Briefe oder Aktennotizen diktiert. Ich mache mir immer noch Notizen auf Steno, auch wenn es nicht mehr so geläufig geht.“

Für ihren Chef hat sie vier Wochen ans Berufsleben angehängt. Eigentlich hätte Nelly Rösch zum 1. Oktober aufhören können, so beginnt der Ruhestand von Chef und Chefsekretärin gemeinsam am 1. November. Gekriselt habe es zwar in den 24 Jahren „Ehe“, aber: „Ich hätte keinen besseren Chef erwischen können“, so das Lob für Stadtbaurat Christian Baumgart.

Als Nelly Rösch 1973 ihr Berufsleben begann, stand sie einer komplett anderen Arbeitswelt gegenüber. „Immer zum 1. September begann im Rathaus ein Schwung Mädels“, berichtet sie über ihre Anfangszeit. „Dieser Schwung kam bei mir damals in die so genannte Hauptkanzlei. Das muss man sich vorstellen, wie in einem alten Film: Hinter einer Glaswand saß die Vorsteherin, davor saßen sechs bis acht Mädels an ihren Schreibmaschinen.“

Nelly Rösch hatte Glück, denn sie kam in die Besoldungsstelle. Wobei das mit dem Glück vielleicht nicht so ganz richtig ist: „Es war totlangweilig und ich sah ständig auf die Uhr. Ich musste den ganzen Tag Gehaltszettel eintüten und dachte nur: Das hältst du hier nicht aus.“

Von halbacht Uhr am Morgen bis dreiviertelfünf am Abend musste sie durchhalten. „Wir hatten einen Bürovorsteher, der zwischendrin seine Socken wechselte, das fand ich extrem merkwürdig. Um neun Uhr mussten wir gemeinsam Brotzeit machen. Um 20 vor fünf stellten wir Mädels uns hinter dem Bürovorsteher auf, damit wir alle pünktlich um dreiviertelfünf nach Hause gingen. Stechuhren gab es damals nicht.“Noch in der Probezeit musste sie zum Chef des Personalamts: „Er sagte, er könne meine Arbeitsweise nicht akzeptieren. Wenn das so weitergehe, überstände ich meine Probezeit nicht. Ich wollte meinen direkten Chef dazu holen, doch das wollte er nicht.“ Aber: Alles ging gut aus, die Probezeit wurde überstanden.

Nach einem Abstecher ins damals neu gegründete Bürgerbüro ging es 1975 ins Hochbauamt, damals noch im Hochhaus in der Augustinerstraße beheimatet. Dort war es zwar im Sommer so heiß, dass man seine Füße in kaltes Wasser stellen musste. Aber die Arbeit gefiel der jungen Verwaltungsangestellten. „Endlich machte mir die Arbeit Spaß. Man kann sagen, das Hochbauamt hat mich gerettet – so dass ich heute noch bei der Stadt bin.“

Nelly Roesch hat in ihrem Arbeitsleben im Grunde den gesamten technischen Fortschritt in der Bürowelt mit nachvollzogen. Von der mechanischen Schreibmaschine über die elektrische Kugelkopfschreibmaschine zum Computer. „Junge Leute sind fixer – machen sich aber auch nicht so viele Gedanken, wenn etwas schiefläuft“, betrachtet sie ihr jetziges Arbeitsumfeld. „Zumindest machen sie den Eindruck, als würden sie sich keine großen Gedanken machen. Unsereins hatte manchmal schlaflose Nächte.“ Ihr Verantwortungsgefühl zahlte sich aus:  „In all den Jahren meiner Vorzimmertätig sind mir höchstens eine Handvoll Termine schiefgegangen. Ich finde, das ist eine sehr geringe Zahl. Ich muss mich also dann doch auch mal selbst loben.“

45 Jahre war Nelly Rösch in Vollzeit berufstätig. Und selbst als sie ihren Sohn zur Welt brachte, war sie nur 14 Wochen zuhause. So weiß sie noch nicht wirklich, wie sie auf den Ruhestand reagieren wird. „Ich hatte ein sehr bewegtes Leben und fast immer unter Zeitdruck. Und so freue ich mich wahnsinnig auf den Luxus, Zeit zu haben. Ob ich damit glücklich werde, weiß ich allerdings noch nicht. Ich weiß nicht, was mich erwartet.“

Natürlich hat sie Pläne: Englisch besser lernen gehört dazu, vielleicht auch italienisch. Sie treibt gerne Sport, Joggen am Main ist ihre Leidenschaft, Schwimmen zählt ebenfalls dazu. Die beiden Enkelkinder wohnen weiter weg. „Ich bin aber ohnehin keine Oma durch und durch, das wäre nicht mein Leben.“ Im Ruhestand will sich Nelly Rösch als Schöffin melden, denn während ihres Berufslebens hatte sie keine Zeit dazu. Und: „Es ist wichtig, einen Plan im Leben zu haben – einen Tages- und Wochenplan.“

 

UP - Der Überblick

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4

Leben ordnen - Gutes tun

Leben ordnen - Gutes tun

Würzburg ist Hauptstadt, nämlich – bezogen auf die Einwohnerzahl – die Stiftungshauptstadt Deutschlands. Was erfolgreichen Sportlern und reichen Industriellen vorbehalten schien, kann heutzutage jeder: mit einer Stiftung Gutes tun. Weil es dabei oft auch um das Ordnen des eigenen Lebens und Nachfolgeregelung geht, fließen dabei sogar...

Mehr >

Das verbogene Näschen

Das verbogene Näschen

Reparieren ist besser als gleich wegwerfen und neu kaufen: Beim 8. Würzburger Repaircafé standen die Menschen in einer lange Schlange, um sich von Experten helfen zu lassen.

Mehr >

Geteiltes Hufeisen

Geteiltes Hufeisen

Es sollte verkauft werden, es sollte neu bebaut werden, es sollte erhalten werden: Lange war das Schicksal des Mozart-Areals ungewiss, nun nehmen die Planungen zu dem Gelände, das seit 2001 nur sporadisch genutzt wurde, konkrete Formen an.

Mehr >

Rathausplatz mit Brunnen

Rathausplatz mit Brunnen

Das „Städtle“ bekommt einen neuen Rathausplatz. Im Oktober begannen die Bauarbeiten für die Umgestaltung des Rathausplatzes in Heidingsfeld. Ende nächsten Jahres soll er bereits fertig sein.

Mehr >

Reisen

Unterwegs mit Schnabelkanne

Unterwegs mit Schnabelkanne

Drei weltberühmte Bäder innerhalb von nur 50 Kilometern? Das gibt es nur bei unseren tschechischen Nachbarn. Eine Reise nach Karlsbad, Marienbad und Franzensbad führt in drei Städte mit drei unterschiedlichen Charakteren und einer Gemeinsamkeit: Etwas morbider Charme muss sein.

Mehr >
Website Realisation: CATLINE print & web | © UP Magazin 2016