UP Magazin

UPNach dem Ende der Landesgartenschau geht die Stadtteilentwicklung weiter

Ein Stück Zukunft

Ein Stück Zukunft Rainer Adelmann

Die Konversion macht es möglich: Nach dem Abzug der US-Army entsteht an Stelle der Leighton-Barracks ein komplett neuer Stadtteil Hubland. Bis 2025 soll auf einer Fläche, die fast der Würzburger Innenstadt entspricht, Wohnraum für rund 5.000 Menschen geschaffen sein.

von Rainer Adelmann

Konversion nennt man die Umwandlung von ehemaligen Militärflächen in zivile Anschlussnutzungen. Im Fall Leighton-Barracks ist sie schon weit fortgeschritten. Als 2008 die Amerikaner die Leighton-Barracks am Hubland aufgaben, wurde der Weg frei für einen komplett neuen Stadtteil. UP Magazin sprach mit Baureferent Christian Baumgart über die Schwierigkeiten, den Reiz, einen neuen Stadtteil entwickeln zu dürfen und das Konzept, das die Konversion so erfolgreich werden ließ – denn sie verlief so schnell wie kaum eine andere in der Bundesrepublik.

2018 ist Jubiläumsjahr: Genau vor zehn Jahren konnte damit begonnen werden, einen neuen Stadtteil in die Realität umzusetzen. Dass die Amerikaner abziehen würden, war absehbar, beschreibt Prof. Baumgart die damalige Situation. Nach Kosovo-Krise und Balkankrieg wurde die US-Präsenz zuerst nochmals verstärkt – ebenso während der Golf-Krise. In den Jahren 2006 und 2007 aber zeichnete sich ab: Es würde sich etwas ändern. „2008 wussten wir verbindlich Bescheid, deswegen können wir jetzt auch zehnjähriges Jubiläum Konversion feiern.“

2008 die Flagge eingeholt

Nachdem 2008 im Century-Park die amerikanische Flagge eingeholt war, ging das Areal der Leighton-Barracks – wie alle Kasernen der US-Amerikaner – zurück an den Bund, verwaltet von der BImA, der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Schnell war klar, dass die Stadt und die Universität sich die freiwerdende Fläche aufteilen wollten. Der Freistaat Bayern hatte eine rund 39 Hektar große Fläche im Süden im Auge, um erweiterungsfähig für die Entwicklung des Uni-Campus am Hubland zu bleiben. Die restliche Fläche des insgesamt 135 Hektar großen Areals wollte die Stadt ankaufen. „Es waren damals relativ kurze kommunalpolitische Debatten“, erinnert sich Baureferent Christian Baumgart. Seinerzeit saß der heutige Oberbürgermeister Christian Schuchardt noch auf dem Sessel des Stadtkämmerers. Und obwohl klar war, dass eine aufwändige und teure Aufgabe anstand, sprach sich der Stadtrat für einen neuen Stadtteil aus. Das Ratsgremium ließ sich selbst von dreistelligen Millionensummen für die Entwicklung des Areals nicht schrecken und beschloss, die restlichen 96 Hektar anzukaufen.

Mit Freistaat und Universität war man sich einig, das Gelände gemeinsam zu entwickeln, und so lief frühzeitig ein gemeinsamer internationaler Architektenwettbewerb, um das städtebauliche Gerüst für den neuen Stadtteil zu erarbeiten. Nach dem Wettbewerb erfolgten schnell die ersten Weichenstellungen.

Der Freistaat kaufte seine 39 Hektar für den neuen Campus Nord – und brachte so die Stadt etwas in Schwierigkeiten. Denn nun war eine Preisvorgabe festgelegt, die die BImA auch von der Stadt Würzburg erwartete. Die Stadt aber wollte einen großen Teil des Areals als Grünfläche ausweisen – mit einem anderen Preis als für Bauland. Es folgten „hartnäckige, aber faire Verhandlungen auf Augenhöhe“ mit dem Ergebnis, dass die 96 Hektar im Jahr 2012 in die Hände der Stadt Würzburg übergingen.

Wohnen mit Blick auf die Festung im neuen Stadtteil Hubland. | Foto: Rainer AdelmannWohnen mit Blick auf die Festung im neuen Stadtteil Hubland. | Foto: Rainer AdelmannIn der Zwischenzeit war die Stadtverwaltung nicht untätig: 2010 hatte der Stadtrat bereits den städtebaulichen Rahmenplan verabschiedet und das übergeordnete Leitbild für die Entwicklung des Stadtteils Hublands formuliert: Eng verzahnt mit dem Landschaftsraum und den umgebenen bestehenden Strukturen soll ein neuer lebendiger Sadtteil entstehen, der vielfältigen Raum für Wohnen, Arbeiten, Forschen, Studieren und Erholen bietet.

„Die meisten Entscheidungen im Stadtrat zu diesem Thema wurden einstimmig in großer Geschlossenheit und für unsere Verhältnisse in rasantem Tempo verabschiedet“, beschreibt Baumgart die erste Phase. Flankiert wurden sie von etlichen Bürgerwerkstätten. Hierin sieht Baumgart auch den Schlüssel für den großen Erfolg des neuen Stadtteils: „Die Bürger wurden bei der Planung von Anfang an mitgenommen.“

Erste Arbeiten begannen 2012

Der Ankauf des Areals 2012 war Startschuss für die ersten Arbeiten: Kampfmittelräumung, Vorbereitung der Baugebiete, Freimachen der Baufelder. „Wir haben Millionensummen für die Altlastenräumung aufgewendet“, so Baumgart. Dabei kam es auch zu skurilen Funden. Unter einer ersten Deckschicht tauchte zum Beispiel jede Menge vergrabenes Kriegsmaterial wie Handgranaten auf. Doch damit nicht genug: Als die Kampfmittel geräumt waren, fand man unter einer weiteren Deckschicht nochmals 180 Stabgranaten aus dem ersten Weltkrieg.

„Angesichts der Kompliziertheit und des Aufwands, den wir betreiben mussten, grenzt es an ein Wunder, dass wir 2018 schon großenteils einen neuen Stadtteil erstellt haben.“ Die Bilanz des Baureferenten nach zehn Jahren Konversion fällt daher durchwegs positiv aus. „Am Ende werden wir mit rund 2.000 Wohneinheiten Raum für rund 5.000 Menschen geschaffen haben. Und das in den Zeiten des aktuellen Wohnraummangels – also punktgenau richtig.“

Doch auch Gewerbeflächen wurden ausgewiesen und die ersten Firmen haben sich inzwischen angesiedelt. Als Glücksfall betrachtet Baumgart den Zuschlag für die Landesgartenschau am Hubland. „So wurden zeitliche Leitplanken geschaffen, an die wir uns halten mussten. Zugute kam uns auch, dass sich der Grundstücksmarkt fast explosionsartig entwickelt hat. Deshalb konnten wir unsere Grundstücke als Stadt zügig vermarkten.“ Zeitgleich wurde die Infrastruktur geschaffen: Läden und ein Einkaufszentrum sind bereits im Betrieb.

Attraktive Mischung

„Wir haben eine attraktive Mischung“, urteilt Prof. Baumgart. Und: „Und wir bekommen eine sozial verträgliche Mischung. Die ursprüngliche Vorgabe des Stadtrats zum sozialen Wohnungsbau haben wir übertroffen, derzeit liegt sie bei 25 bis 30 Prozent. Der neue Stadtteil wird kein „Stadtteil für Besserverdienende“ sein, sondern ein gemischter, lebendiger Stadttteil.“
Und dank der Landesgartenschau wird der neue Stadtteil Hubland auch ein außergewöhnlich grünes Quartier. „Der Sieger der Landesgartenschau ist die Bevölkerung. Sie bekommt einen 20 Hektar großen Bürgerpark, den die Stadt ohne Landesgartenschau nicht hätte leisten können.“

Der Tower könnte zum Wahrzeichen des Stadtteils Hubland werden. In ihm befindet sich künftig unter anderem die Stadtteilbücherei. | Foto: Rainer AdelmannDer Tower könnte zum Wahrzeichen des Stadtteils Hubland werden. In ihm befindet sich künftig unter anderem die Stadtteilbücherei. | Foto: Rainer AdelmannEiniges wird erhalten bleiben, wie der „Ort der Stille“. Die Blumenhalle wandelt sich in ein neues Sport- und Sozialzentrum, in den Tower zieht unter anderem die Stadtbücherei ein. Abgerissen wird dagegen die alte Mall mit dem Food Court. Auf den temporären Ausstellungsflächen stehen schon bald Wohnbauten. Im Osten, im Eingangsbereich der Landesgartenschau, wird die Stadtbau eine weitere Zeile Wohnbebauung der bereits bestehenden hinzufügen.

Die Arbeiten für die neuen Wohngebiete werden zügig nach Ende der Landesgartenschau aufgenommen, die Wettbewerbe sind bereits in Vorbereitung. Bis 2025 wird der neue Stadtteil Hubland komplettiert sein, schätzt der Baureferent. „Ich halte das für realistisch, bis dahin werden zumindest die wesentlichen Dinge abgeschlossen sein. In 15 Jahren einen neuen Stadtteil zu bauen – das ist ein rasantes Tempo.“

Fast so groß wie die Innenstadt

Mit einer Fläche von 135 Hektar ist der neue Stadtteil Hubland fast so groß wie die komplette Würzburger Innenstadt (150 Hektar). Bei einer Einwohnerdichte von nur 5.000 Menschen wird deutlich, dass dieser Stadtteil ein grüner Stadtteil sein wird. Die entsiegelte Fläche beträgt selbst nach Vollendung des Stadtteils immer noch rund zehn Fußballfelder. Rund 50 Prozent Frei- und Grünflächen werden den Stadtteil prägen.

Die Bebauung ist bewusst nicht nur gemäßigt, sondern auch abwechslungsreich. In Quartier 1 im Westen entstand ein Seniorenwohnheim, auf dem Gelände des ehemaligen Offizierscasinos erhebt sich ein Hotel. Auf urbane, verdichtete Bebauung mit Wohnblocks folgen innovative Projekte - wie die viergeschossigen Holzhäuser, deren Bau ebenfalls direkt nach der Landesgartenschau beginnt. Auch Einfamilienhäuser finden ihren Platz in den verschiedenen Quartieren, die von West nach Ost von 1 bis 7 durchnummeriert wurden. Die Bauplätze für die Häuslesbauer sind begehrt, teilweise mussten sie per Losverfahren von der Stadt vergeben werden.

Die Stadt verkaufte alle Flächen über Angebotsverfahren. Für die Quartiere 4 und 5 im Osten des Hublands laufen derzeit die Vergabegespräche. Zum Zuge kommen sollen hier verschiedene Wohnungsgenossenschaften. „Im Prinzip hat die Stadt alle Grundstücke über Ausschreibungsverfahren vergeben. Dadurch konnten wir Festlegungen treffen, die eine bestimmte Qualität garantieren.“ Dazu gehören beispielsweise Architektenwettbewerbe oder Qualitäts- und Gestaltungshandbuch.

Auf der finanziellen Seite zeichnet sich ab, dass die Stadt ihren neuen Stadtteil Hubland mit einer schwarzen Null, womöglich sogar mit einem kleinen Plus bekommt. Doch Zahlen sind für Christian Baumgart in diesem Fall nicht erheblich. Für ihn tritt ohnehin eine Stadtrendite ein, die sich nicht in Kosten beziffern lässt: „Die Stadt gewinnt durch den Stadtteil Hubland neue Einwohner, Zukunftsfähigkeit, Prestige und Image. Wir haben einen attraktiven, lebendigen Stadtteil in Gang gebracht, der im Moment extrem angesagt ist. Jeder will hierher ziehen. Aus Sicht der Stadtentwicklung ist der Stadtteil Hubland heute schon profitabel – und wird es in Zukunft noch mehr sein. Wir bauen ein Stück Zukunft Würzburgs.“

 

UP - Der Überblick

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4

Leben ordnen - Gutes tun

Leben ordnen - Gutes tun

Würzburg ist Hauptstadt, nämlich – bezogen auf die Einwohnerzahl – die Stiftungshauptstadt Deutschlands. Was erfolgreichen Sportlern und reichen Industriellen vorbehalten schien, kann heutzutage jeder: mit einer Stiftung Gutes tun. Weil es dabei oft auch um das Ordnen des eigenen Lebens und Nachfolgeregelung geht, fließen dabei sogar...

Mehr >

Das verbogene Näschen

Das verbogene Näschen

Reparieren ist besser als gleich wegwerfen und neu kaufen: Beim 8. Würzburger Repaircafé standen die Menschen in einer lange Schlange, um sich von Experten helfen zu lassen.

Mehr >

Geteiltes Hufeisen

Geteiltes Hufeisen

Es sollte verkauft werden, es sollte neu bebaut werden, es sollte erhalten werden: Lange war das Schicksal des Mozart-Areals ungewiss, nun nehmen die Planungen zu dem Gelände, das seit 2001 nur sporadisch genutzt wurde, konkrete Formen an.

Mehr >

Rathausplatz mit Brunnen

Rathausplatz mit Brunnen

Das „Städtle“ bekommt einen neuen Rathausplatz. Im Oktober begannen die Bauarbeiten für die Umgestaltung des Rathausplatzes in Heidingsfeld. Ende nächsten Jahres soll er bereits fertig sein.

Mehr >

Reisen

Unterwegs mit Schnabelkanne

Unterwegs mit Schnabelkanne

Drei weltberühmte Bäder innerhalb von nur 50 Kilometern? Das gibt es nur bei unseren tschechischen Nachbarn. Eine Reise nach Karlsbad, Marienbad und Franzensbad führt in drei Städte mit drei unterschiedlichen Charakteren und einer Gemeinsamkeit: Etwas morbider Charme muss sein.

Mehr >
Website Realisation: CATLINE print & web | © UP Magazin 2016