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UPNachbarschaftshilfen im Aufwind

Eine Stunde Zeit füreinander

Eine Stunde Zeit füreinander Kzenon

„Zeit füreinander“ nennen sich Nachbarschaftshilfen, die es schon in vielen Würzburger Stadtteilen von Dürrbachtal bis Zellerau gibt. Ehrenamtliche Mitarbeiter helfen älteren Menschen, Bedürftigen und Alleinerziehenden und überall da, wo in der Nachbarschaft der Schuh drückt. Das Beispiel Waldbüttelbrunn zeigt, wie eine Initiative entsteht.

von Rainer Adelmann

Es gibt sie in der Nachbarschaft: den älteren Herren, der immer mal wieder zum Arzt muss und nicht weiß, wie er hin- und zurück kommen soll, die junge Mutter, die bisweilen einen Aufpasser für den kleinen Sprössling sucht oder die nette Nachbarin, die gestürzt ist und vorübergehend jemanden braucht, der ihr im Haushalt zur Hand geht, bis sie wieder fit ist.

Und es gibt auch die vielen freundlichen Menschen, die gerne helfen würden – aber nicht viel Zeit haben. Und die oft auch nicht wissen, dass nur wenige Häuser weiter jemand Hilfe gebrauchen könnte. In zahlreichen Stadtteilen und Gemeinden rund um Würzburg gründeten sich deshalb Initiativen, die sich „Eine Stunde Zeit“ oder „Zeit füreinander“ nennen und eines zum Ziel haben: Die bedürftigen Menschen mit den Helferinnen und Helfern unkonventionell und einfach zusammenzubringen.

„Zeit füreinander“: Nachbarschafthilfen sind in Würzburg und Umgebung im Aufwind. Initiativen gibt es inzwischen bereits zehnmal in der Stadt Würzburg und mehr als 20 mal in Unterfranken. Nachbarn besuchen ältere Menschen, sie begleiten sie bei Bedarf zum Arzt oder Einkaufen oder übernehmen kleine handwerkliche Hilfen im Haushalt. | Foto: auremar„Zeit füreinander“: Nachbarschafthilfen sind in Würzburg und Umgebung im Aufwind. Initiativen gibt es inzwischen bereits zehnmal in der Stadt Würzburg und mehr als 20 mal in Unterfranken. Nachbarn besuchen ältere Menschen, sie begleiten sie bei Bedarf zum Arzt oder Einkaufen oder übernehmen kleine handwerkliche Hilfen im Haushalt. | Foto: auremarWie der Name schon andeutet, ist kein großer Zeitaufwand nötig. Wer immer eine Stunde Zeit pro Woche erübrigen kann, um zu helfen, ist willkommen – wobei die Stunde nicht wortwörtlich zu nehmen ist. Welche Schritte notwendig sind, um aus einer Idee eine Initiative zu formen, kann man derzeit in Waldbüttelbrunn  beobachten. Dort steht im Moment das Projekt „Zeit füreinander“ kurz vor der Vollendung. Federführend ist Tanja Hamberger, die als Verwaltungsfachwirtin im Rathaus arbeitet. Im Gespräch mit dem UP Magazin erläutert sie, wie sich das Projekt entwickelt hat.

Am Anfang stand ein CSU-Antrag im Sommer 2014, der sich mit dem Thema Nachbarschaftshilfe befasste. Bei der Suche nach Informationen stieß Tanja Hamberger im Internet auf die Caritas, die schon viele Nachbarschaftshilfen unterstützte und begleitete. Sehr schnell hatte sie in Sebastian Zgraja von der Gemeindecaritas in Würzburg einen kompetenten und engagierten Mitstreiter gefunden, der schon mehrere andere Nachbarschaftshilfen mit aus der Taufe gehoben hat.

Bereits im Herbst 2014 folgte ein Treffen mit Vertretern der Fraktionen, der Kirchen, der AWO, der Kolpingfamilie, des Hilfsfonds, des Familienstützpunkts und von Vereinen. „Die Resonanz war riesig“, erinnert sich Tanja Hamberger. Das Projekt Nachbarschaftshilfe, das den Namen „Zeit füreinander“ tragen sollte, war geboren. Nun begann die eigentliche Arbeit: Zunächst wurde ein Formblatt entwickelt, um festzustellen, wo überall Hilfe benötigt wird. Gleichzeitig wurde nachgefragt, wer sich an einem Projektteam beteiligen möchte. Auch hier war der Rücklauf enorm, so Tanja Hamberger.

Ein Projektteam wurde gebildet und traf sich mehrmals, um festzulegen, welche Arbeiten die Nachbarschaftshilfe anbieten möchte – und anbieten kann. Lag am Anfang der Fokus auf Hilfen für junge Familien, so Tanja Hamberger, habe er sich im Laufe der Besprechungen in Richtung Senioren verlagert. Dies hatte zudem den Vorteil, dass über ein Programm der Bundesregierung zum „Selbstbestimmten Leben im Alter“ Fördermittel beantragt werden konnten. Über das Programm können 90 Prozent der entstehenden Kosten gefördert werden.

In Waldbüttelbrunn neigt sich die Arbeit des Projektteams dem Ende entgegen. Das Team hat die vorbereitenden Schritte erledigt und ein Leitungsteam wird künftig die Arbeit der ehrenamtlichen Initiative „Zeit füreinander“ koordinieren und ausführen. Am 1. März sind alle interessierten Waldbüttelbrunner zu einem Informationsabend eingeladen, ein Flyer mit einem eigens entwickelten Logo bringt den Bürgern die neue Initiative näher.

In dem Flyer können Helfer in einem Formular bereits ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten näher beschreiben: Die Kategorien reichen von Schriftverkehr über Begleitung und Gesellschaft leisten über Fahrdienste bis zu Hilfen rund ums Haus. Auch Hilfebedürftige können das Formular nutzen, um sich anzumelden. Schon zu einem frühen Zeitpunkt war klar, dass es an Helferinnen und Helfern nicht mangeln werde, so Tanja Hamberger. Wer Hilfe sucht, wird großenteils sicher auch über Mundpropaganda auf „Zeit füreinander“ stoßen.

Meldet sich ein Helfer bei „Zeit füreinander“, gibt es zunächst ein Gespräch mit einem Mitglied des Leitungsteams. Hier geht es darum, welche Arbeiten der Helfer anbieten und leisten möchte und welchen Zeitrahmen er anbieten kann. Alles geschieht auf freiwilliger Basis, betont Tanja Hamberger. Helfer können jederzeit ihre Mitarbeit bei „Zeit füreinander“ abbrechen. Sie arbeiten ehrenamtlich, bekommen aber Ausgaben wie Fahrtkosten und ähnliches ersetzt. Umgekehrt können sich auch Hilfebedürftige an das Leitungsteam wenden und mitteilen, in welcher Form sie Hilfe benötigen. Ein Mitglied des Teams vermittelt das Erstgespräch, bei dem sich herausstellt, ob Helfer und Hilfesuchender zusammenpassen. Denn die Chemie muss stimmen, damit sich alle Beteiligten wohlfühlen.

Wichtig: Die Hilfe – auch weitergehende – läuft immer über die Initiative. Damit soll vermieden werden, dass sich Helfer im Laufe der Zeit ausgenutzt fühlen. Schließlich kommt man sich bei der Nachbarschaftshilfe menschlich näher und möglicherweise traut sich ein Helfer irgendwann nicht mehr „Nein“ zu sagen – auch wenn er sich eigentlich überfordert fühlt. „Die Helfer sollen nicht vereinnahmt werden“, so Tanja Hamberger. Dies vermeidet man, indem man die Hilfe grundsätzlich über die Initiative laufen lässt.

In Würzburg gibt es die Initiative „Zeit füreinander“ inzwischen bereits zehn Mal in folgenden Stadtteilen: Dürrbachtal, Frauenland, Grombühl, Heidingsfeld, Innenstadt, Lengfeld, Mainviertel/Steinbachtal, Sanderau, Versbach/Lindleinsmühle und Zellerau. Meist sind die Initiativen aus katholischen und evangelischen Kirchengemeinden heraus entstanden, so Sebastian Zgraja von der Caritas.

Er hat schon vielen Initiativen geholfen und steht den Projekt- und Leitungsteams mit Rat und Tat zur Seite. Der Ablauf entspricht im Wesentlichen stets dem in Waldbüttelbrunn: Zunächst erarbeitet ein Projektteam die Voraussetzungen, dann übernimmt ein Leitungsteam die Arbeit der Initiative. Auch wenn die Initiative läuft, hilft Sebastian Zgraja weiter: Die Caritas veranstaltet Fachvorträge und Themenabende und organisiert Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch. Wichtig war Zgraja auch, dass die Caritas erreichen konnte, dass die Helfer bei ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit Versicherungsschutz genießen.

In einem 15-Punkte-Programm hat die Caritas die Rahmenbedingungen für die Nachbarschaftshilfe „Zeit füreinander“ zusammengefasst. Unter anderem, dass die Ehrenamtlichen selbst bestimmen, wie viel Zeit sie einbringen, dass sie jederzeit ihr Engagement beenden können und selbst bestimmen, in welchem Bereich sie tätig sind.

Darin heißt es auch explizit, dass nicht zum Aufgabenfeld gehören: regelmäßige Putzdienste und Gartenarbeiten (dafür könne man sich Putzfrau bzw. Gärtner „kaufen“) sowie pflegerische Tätigkeiten, die letztlich Aufgaben der Sozialstationen seien. Für Sebastian Zgraja stellt die Nachbarschaftshilfe eine Verbesserung der Lebensqualität in den Stadtteilen bzw. Gemeinden dar – aber keine „Feuerwehr“.

Weitere Informationen:

Fachdienst Gemeindecaritas des
Caritasverbandes Würzburg
Sebastian Zgraja, Tel.: 0931 38659-126,
E-Mail: s.zgraja@caritas-wuerzburg.org

 

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