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Es lebt sich gut in dieser Stadt

Prof. Christian Baumgart (3.v.l.) zusammen mit (v.l.) Oberbürgermeister Christian Schuchardt und Stadtplaner Peter Wiegand bei der offiziellen Eröffnung der neu gestalteten Kaiserstraße. Prof. Christian Baumgart (3.v.l.) zusammen mit (v.l.) Oberbürgermeister Christian Schuchardt und Stadtplaner Peter Wiegand bei der offiziellen Eröffnung der neu gestalteten Kaiserstraße. Uta Böttcher

Kaum eine Person in der Kommunalverwaltung prägt eine Stadt mehr als der Stadtbaurat. Professor Christian Baumgart war über 24 Jahre Baureferent in Würzburg. In seine Amtszeit fielen Kulturspeicher und Hochwasserschutz, Schulsanierung und Fußgängerzone Eichhornstraße. UP Magazin sprach mit dem Mann, der sich einen unbelehrbaren FC Nürnberg-Fan nennt und am 31. Oktober in den Ruhestand verabschiedet.

Als Christian Baumgart sich vor mehr als 24 Jahren für die Stelle des Würzburger Baureferenten bewarb, hatte er viele Konkurrenten. Zehn Bewerber hatten es bis zur Vorstellung vor dem Würzburger Stadtrat geschafft. „Ich hatte mir überlegt: Wie präsentiert man sich?“, erinnert sich der scheidende Baureferent heute.

Drei Dinge waren ihm damals im Stadtbild aufgefallen: „Würzburg machte viel zu wenig aus seiner Wasserlinie. Damals gab es am Main nur Parkplätze, nur Blech. Wo wir heute eine Promenade besitzen, hasteten die Menschen auf einem 50 Zentimeter breiten Streifen entlang. Mein Credo war also: Öffnen der Stadt zum Wasser hin.“

Und noch etwas missfiel dem Bewerber für das Amt des Stadtbaurats: „Ich kannte keine historisch wieder aufgebaute Innenstadt, die an zwei wichtigen Stellen riesige gähnende Löcher aufweist.“ Das eine war die Parkplatzspindel vor dem Westportal der Marienkapelle, das andere die „reingefräste Schneise“ als Zufahrt zur Marktgarage in der Eichhornstraße. „Wenn ich die Möglichkeit habe, würde ich das gerne beheben“, gab sich der Bewerber seinerzeit vor dem Stadtrat selbstbewusst. Der dritte Punkt betraf Würzburgs Fußgängerzone. „Ich war der Meinung, dass man Fußgängerzonen durchaus besser gestalten und ausweiten könnte.“

Den Stadtratsmitgliedern und dem damaligen Oberbürgermeister Jürgen Weber gefielen diese Ideen und Christian Baumgart durfte sich daran machen, seine Vorstellungen umzusetzen. Jetzt – nach über 24 Jahren – kann der Baureferent eine Bilanz ziehen: „Wir haben in allen drei Bereichen eine Menge erreicht. Die Uferzone hat eine hohe Aufenthaltsqualität, die Löcher im Boden sind verschwunden, denn es gibt eine andere Marktgaragenzufahrt. Und die Fußgängerzonen wurden deutlich erweitert.“

„Diese Entwicklung, wird weiter gehen“, ist sich Baumgart sicher, „denn es gibt in einer Innenstadt offenkundig Intelligenteres, als Blech auf der Oberfläche abzustellen.“ Was aber nicht heißt, den Autoverkehr aus der Innenstadt zu verbannen. „ Parkplätze sind für den Handel und die Funktion einer Innenstadt wichtig – aber nicht auf der Oberfläche, sondern in Tiefgaragen oder Parkhäusern.“

Nach seinem Architektur-Abschluss an der TU Berlin arbeitete Prof. Baumgart zunächst in der Baubehörde Hamburg, später in Weißenburg-Gunzenhausen und als Baubürgermeister in Bad Mergentheim. Geheiratet hat er im Würzburger Rathaus und so über die Familie seiner Frau bereits vor seinem Amtsantritt familiäre Bindungen in die Domstadt.
1994 begann er seine Arbeit im Würzburger Rathaus. Seinerzeit hieß das alles beherrschende Thema: Sanierung. Im Schulbereich hatte sich ein Sanierungsstau gebildet.

Erweiterungen wie für die Franz-Oberthür-Schule standen an.Doch auch Straßen und Brücken waren sanierungsbedürftig. „Es schienen hohe zweistellige Millionenbeträge vor uns zu liegen, von denen man nicht genau wusste, wie man sie abarbeiten kann“, beschreibt Christian Baumgart die Situation zu Beginn seiner Amtszeit. Erschwerend kam hinzu:  Die Jahre um die Jahrtausendwende waren im Kommunalbereich geprägt von klammen Kassen. Es gab sogar Jahre ohne genehmigungsfähigen Haushalt.

Über exakte Bestanderhebung, Managementprogramme und Instandsetzungskonzepte ging man die Sanierung in mehreren Stufen an. „Die schwierige finanzielle Situation hat alle im Rathaus quasi zusammengeschweißt und führte zu größerer Solidarität. So konnten wir diese Durststrecken anständig überstehen“, so Baumgart.

Sukzessive verbessert und komplettiert wurde der Hochwasserschutz in Würzburg. „In einem Interview hatte ich leichtfertig gesagt: Der Main müsse viel mehr zum Wohnzimmer der Stadt gehören“, erinnert sich Baumgart. „Worauf mich ein wütender Bürger anrief und sagte: Wie können Sie so einen Unsinn reden. Immer wenn Hochwasser ist, habe ich den Main schon heute in meinem Wohnzimmer.“ Dies gehört der Vergangenheit an, denn der Hochwasserschutz für die Innenstadt ist inzwischen komplett abgeschlossen. „Heute kann Würzburg als hochwassergeschützt angesehen werden und die Stadt hat an zusätzlicher Qualität gewonnen.“

Zum ersten großen Hochbau-Thema in der jungen Amtszeit des Baureferenten entwickelte sich der Kulturspeicher. „Es gab schon länger Überlegungen, die städtische Galerie zu verlegen. Mit dem Zugewinn durch die Sammlung Ruppert konnte ein entscheidender Schritt für den Kulturspeicher vollzogen werden.“ Es folgten die Sanierung des Heizkraftwerks mit der Gestaltung der Hafentreppe und die Umwandlung des Hauptzollamts zum Bauhaus.

Immer mehr zeichnete sich nun am Horizont ab, dass die Konversion – die Umwandlung der Flächen der US-Army – kommt. Als 2008 die Amerikaner abzogen, hatten Baumgart und die Stadtverwaltung bereits Vorüberlegungen angestellt. „Das ist die größte und schönste Aufgabe, die man als Stadtentwickler und Stadtplaner haben kann“, so Baumgart. „Ein Stück neue Stadt entwickeln zu dürfen: Dieses Privileg hat nicht jeder.“

„Es hat riesig Spaß gemacht“, urteilt Baumgart rückblickend. „Und wir haben durchaus Maßstäbe gesetzt. Unsere Arbeit zählt zu den erfolgreichsten und schnellsten Konversionsmaßnahmen bundesweit. Wir hatten zudem den Glücksfall, dass eine Landesgartenschau mit der Konversion zusammenfällt. So konnte man die Dinge sehr gut bündeln und voranbringen.“

Er ist überzeugt: „ Das Hubland wird ein hochgradig lebendiger und akzeptierter Stadtteil. Dies auch deswegen, weil wir von Anfang an auf eine hohe Bürgerbeteiligung gesetzt haben.“ Einen ausführlichen Bericht über die Konversion und Entwicklung des Hublands lesen Sie in der Titelgeschichte dieser Ausgabe.

Doch auch kleine bauliche Schmankerl können ein Architektenherz erfreuen: So der Erhalt und die Renovierung des Gebäudes „Stadt Kitzingen“ in der Pleich. „Damals im Stadtrat war es umstritten, ob man in so ein ‚altes Gerutsch‘ überhaupt Geld stecken solle.“

Es war nicht das einzige umstrittene Bauwerk. Baumgart erinnert sich an heiße Debatten rund um das Diözesanmuseum hinter dem Dom. Auch die Marktplatzgestaltung – insbesondere das Forum am Marktplatz – war ein Thema, „an dem einige wenige sogar heute noch herummäkeln“.

Schwierige Phasen im Beruf des Stadtbaurats gab es immer dann, wenn es persönlich polemisch wurde. „Mir wurde von aufgebrachten Bürgern bisweilen vorgeworfen, dass ich mich mit der Gestaltung der Stadt schwer tue, weil ich nicht von hier sei.“ Dabei hielt sich Baumgart immer an seine Linie: „Ich denke, eine Stadt muss sich immer wieder neu definieren. Natürlich gibt es ein Recht auf zeitgemäßes Bauen, und natürlich darf auch dort zeitgemäß gebaut werden, wo schon Anderes vorhanden ist. Nur konservieren ist für eine Stadt zu wenig. Wer eine Stadt konserviert, macht sie zur Konserve. Und darin möchte niemand leben – nicht einmal der Hering. Eine Stadt muss sich überformen dürfen.“

Eine andere Sicht der Dinge hat der Baureferent heute zu den einstmals geplanten Arkaden am Bahnhof. „Damals war ich der Meinung, die Arkaden könnten für Würzburg die richtige Entwicklung sein. Heute glaube ich, dass für Städte der Größenordnung Würzburgs solche Arkadenmodelle nicht mehr passend wären. Die Ablehnung der Arkaden war letztlich auch der Startschuss für die Fußgängerzonen in Eichhorn- und Spiegelstraße. Und auch die neuen großen Geschäftsbauten in der Innenstadt wurden dadurch erst möglich. Insofern war es für die Stadt eine gute Entwicklung.“

Die Zusammenarbeit mit dem Stadtrat bilanziert Baumgart als „konstruktiv und durchaus angenehm. Man kann nicht immer einer Meinung sein und ein klarer Kurs bringt zwar auch Niederlagen und Verwundungen – aber er wird honoriert.“ Sein Blick zurück sei zwar mit Wehmut erfüllt, aber nicht mit Zorn. Und: „In all den 24 Jahren bin ich nie mit Widerwillen ins Rathaus.“

Und wie wird es im Ruhestand weitergehen? Auf jeden Fall wird Baumgart in Würzburg bleiben: „Es lebt sich sehr gut in dieser Stadt, deswegen werde ich dies auch weiterhin tun.“ Drei häusliche Aufgaben hat der scheidende Baureferent bereits ausprobiert: „Ich habe mich schon im Rasenmähen, Hecke schneiden und Geschirrspüler ausräumen geübt. Alles drei waren Fehlversuche, die Anerkennung der Leitung blieb aus.“

Gottseidank bleiben ja noch die Lehrtätigkeit an der Fachhochschule und auch dem Planen und Bauen will Baumgart – unter anderem durch sein Engagement in der Bundesstiftung Baukultur und in Fachverbänden – verbunden bleiben. Aber: „Aus Besserwissereien in dieser Stadt werde ich mich heraushalten. Auch in das, was ein Nachfolger macht, hat man sich nicht einzumischen.“

 

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