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UPVerfehlte Politik und freie Lehrstellen

Gefragt – auch ohne Uni

Gefragt – auch ohne Uni animaflora

Dank Politik und OECD drängt die Jugend an die Uni und so manche Betriebe gehen bei der Suche nach Auszubildenden leer aus. UP Magazin sprach mit Vertretern von Handwerkskammer und IHK über die derzeitige Ausbildungssituation in der Region. Und erfuhr von der Vorteilen der dualen Ausbildung.

von Rainer Adelmann

Eigentlich müssten sich Auszubildende in der Region freuen: Was das Handwerk betrifft, können sie sich den ersten Arbeitgeber ihres Lebens derzeit quasi aussuchen. Doch was des einen Freud, ist des anderen Leid: Die unterfränkischen Handwerksbetriebe werden auch dieses Jahr nicht alle Lehrstellen besetzen können. UP Magazin sprach mit Pressesprecher Daniel Röper von der Handwerkskammer für Unterfranken über die derzeitige Situation in Sachen Ausbildung in der Region.

Rund 1000 Arbeitgeber werden dieses Jahr am 1. September, wenn der neue Zyklus beginnt, ihre freie Lehrstelle in Unterfranken wohl nicht besetzt haben. Traditionell gilt der 1. September als Stichtag für den neuen Ausbildungsjahrgang, auch wenn eine Ausbildung grundsätzlich jederzeit begonnen werden kann. Im Herbst starten die Berufsschulen mit ihrem ausbildungsbegleitenden Unterricht. Im Frühjahr dagegen ist die aktivste Zeit, in der Firmen und Unternehmen, aber auch Handwerksammer und IHK verstärkt versuchen, die jungen Bewerber zu informieren und für einen Ausbildungsberuf zu begeistern.

Foto: contrastwerkstattFoto: contrastwerkstattDie Vakanz bei den Lehrstellen zeige sich inzwischen über alle Handwerksberufe hinweg, so Röper. Selbst bei Mechatronikern für das Kfz-Handwerk werde mittlerweile ein Defizit an Bewerbern deutlich. Besonders kritisch ist aber die Lage im Lebensmittelhandwerk: Bäcker und Metzger sind Ausbildungsberufe, die wenig von den Jugendlichen nachgefragt werden.

Seit etwa dem Jahr 2011 begannen die Probleme für die Handwerksbetriebe und Firmen, so Röper: Immer öfter blieben Lehrstellen unbesetzt. Eine Abwärtsentwicklung, die bis vergangenes Jahr anhielt und 2015 zum ersten Mal leicht gebremst wurde.

Die Gründe für die Abwärtsentwicklung sieht Daniel Röper neben dem Hauptproblem des demographischen Wandels in den Vorgaben der Politik und dem Druck der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Dort propagierte und propagiert man die akademische Ausbildung: Möglichst viele Jugendliche sollen das Abitur machen und eine akademische Laufbahn einschlagen.

Das Handwerk, das im Volksmund schon immer goldenen Boden hatte, geriet ins Hintertreffen. Ausbildungsberufe wurden „uncool“ für die Jugendlichen und das Image der Handwerksberufe litt. Während die Politik inzwischen langsam umdenkt, und die Qualität der beruflichen Bildung erkennt, sei der Druck der OECD, junge Menschen zum Abi zu bringen, nach wie vor groß. Die deutschen Handwerksorganisationen wie auch die Handwerkskammer für Unterfranken unternehmen dagegen „massive Anstrengungen, das Bild wieder gerade zu rücken“ und das Image der Handwerksberufe wieder zu stärken.

Und sie hat gute Argumente: Die Ausbildung in deutschen Handwerksbetrieben ist hervorragend. Dazu kommt, dass sie meist in kleineren Betrieben stattfindet, wo der junge Berufsanfänger nicht einfach eine Nummer ist, sondern es eher familiär zugeht. Das Qualifikationsniveau hat sich inzwischen so weit gesteigert, dass ein Meister gemäß des Deutschen Qualifikationsrahmens einem Bachelorabschluss entspricht und ein Geprüfter Betriebswirt nach der Handwerksordnung einem Masterabschluss gleichgestellt ist. Und: Die duale Ausbildung – also im Betrieb und an der Berufsschule – ist inzwischen so durchlässig, dass seit dem Wintersemester 2009/2010 Meister an deutschen Hochschulen studieren dürfen.

Zu Ende gedacht könnte es für Jugendliche womöglich besser sein, zunächst einen Ausbildungsberuf zu beginnen, in dem man sofort Geld verdient – und dann den Meister zu machen, um sich den Weg an die Uni freizuhalten. Dem gegenüber gibt es viele Abiturienten, die an der Uni ihr Studium abgebrochen haben und mit leeren Händen und verlorenen Jahren vor einem ungewissen Neuanfang stehen. 2.781 eingereichte und noch bestehende Lehrverträge verzeichnet die Handwerkskammer für Unterfranken zum 31. Dezember vergangenen Jahres. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet dies ein Plus von 1,0 Prozent. Hauptgeschäftsführer Rolf Lauer sieht es aber nur als „kleinen Erfolg auf niedrigem Niveau“ und weiß: „Unsere Betriebe wollen ausbilden.“

Immerhin wurde damit aber der Abwärtstrend der vergangenen Jahre gestoppt und die Maßnahmen der Handwerkskammern zeigen Wirkung. So stimmt ein deutlicher Anstieg innerhalb der Ausbildungszahlen der Region das Handwerk positiv: Immer mehr Jugendliche mit allgemeiner Hochschulreife oder Fachabitur absolvieren eine Ausbildung. „Ihr Anteil hat sich in Unterfranken seit dem Jahr 2009 bis 2015 weit mehr als verdreifacht“, so Rolf Lauer. Besonders gut entwickelt hat sich das 2012 gestartete „Karriereprogramm Handwerk“ für Studienaussteiger, bei dem die Handwerkskammer für Unterfranken deutschlandweit Vorreiter war.

Und auch mit dem Programm „Abi + Auto“, das Abiturienten als zukünftige Führungskräfte für das unterfränkische Kfz-Management ausbildet, konnte die Attraktivität einer Handwerksausbildung bei hochqualifizierten Bewerbern gesteigert werden. Im Ausbildungsjahr 2015 startete der dritte Jahrgang mit 18 Abiturienten. „Abi + Auto“ bietet die Möglichkeit, die Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker verkürzt, in nur 2,5 Jahren, abzuschließen. Noch während der Ausbildung startet die weiterführende Fortbildung, deren Qualifikationen auf die Meisterprüfung angerechnet werden.

Wichtig ist für die Handwerkskammer natürlich die Zusammenarbeit mit den Schulen. In der Fortbildungsreihe „Realschule trifft Handwerk“ können sich Lehrerinnen und Lehrer in modularen Workshops über die vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten, Perspektiven und Karrierechancen im Handwerk informieren. Speziell für Realschüler bieten die drei Bildungszentren der Handwerkskammer für Unterfranken in Aschaffenburg, Schweinfurt und Würzburg eine Ferienwerkstatt an.

Innerhalb von zwei Wochen während der Sommerferien haben Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, verschiedene Handwerksberufe in der Praxis kennenzulernen. Ähnlich läuft die vertiefte Berufsorientierung in den Bildungszentren der Handwerkskammer, wo Mittelschüler an vier Tagen in verschiedene Berufen intensiv von Meistern betreut werden.

„Dadurch verringert sich später die Abbruchquote“, so Daniel Röper, denn die Jugendlichen wissen, was sie später im Beruf erwartet. Bestes Beispiel: „Vor ein paar Jahren hatten wir ein Mädchen, das unbedingt Friseurin werden wollte“, so Daniel Röper. „Aber es stellte sich heraus, dass sie leider nicht den ganzen Tag über stehen konnte.“ Aber: „Für solche Erfahrungen ist die Berufsorientierung gedacht. Und es gibt viele Beispiele, wo Jugendliche beim Ausprobieren im Handwerk ihren Traumjob gefunden haben.“

Ähnlich den Erfahrungen der Handwerkskammer sind auch bei der IHK die Zahlen der neu eingetragenen Arbeitsverhältnisse kontinuierlich nach unten gegangen – zumindest von 2011 bis 2014. Im Gespräch mit dem UP Magazin bezeichnete Dr. Lukas Kagerbauer, Referent Konjunktur und Statistik bei der IHK Würzburg-Schweinfurt, dies als „beängstigenden Trend“. Beängstigend auch deswegen, weil zusätzlich zur demographischen Entwicklung immer mehr Jugendliche einen akademischen Bildungsweg einschlagen.

Im Ausland werde Deutschland zwar um sein hervorragendes duales Ausbildungssystem beneidet. Bei uns im Land finde dieser „Exportschlager“ dagegen wenig Anerkennung. Stattdessen sei der Trend zur akademischen Bildung ungebrochen. Kagerbauer nennt in diesem Zusammenhang ein extremes Beispiel: In den Landkreisen München oder Starnberg gehen fast zwei Drittel der Jugendlichen auf ein Gymnasium. „Dies kann nicht der Realität entsprechen“, so der Statistikfachmann.

In den Köpfen sei die duale Ausbildung immer noch ein Karriereweg zweiter Klasse. Was „völlig falsch“ sei, denn ausgehend von einer Ausbildung könne man immer noch studieren. „Das Bildungssystem ist viel durchlässiger als manche ahnen“, so Kagerbauer. „Man kann zum Beispiel eine Ausbildung als Modedesignerin machen und dann immer noch studieren.“ Freilich würden es die Betreibe natürlich lieber sehen, wenn der Auszubildende im Betreib bleibt. Studien im Weiterbildungsbereich hätten darüber hinaus gezeigt, dass Fachkräfte, die aus dem dualen Bildungssystem kommen, mehr Personalverantwortung  bekommen, als aus dem akademischen Bereich. Der duale Bereich bringe also mehr Kräfte mit Führungsverantwortung hervor.

Foto: contrastwerkstattFoto: contrastwerkstattUnd: „Wenn man sieht, wie viele junge Menschen das Studium abbrechen, kann man eine Fehlentwicklung erkennen“, so Kagerbauer weiter. Dass durch bildungspolitische Entscheidungen immer mehr an die Uni gehen, beinhalte auch, dass auch viele junge Menschen an der Uni sind, die nach kurzer Zeit wieder aus dem System herausfallen. Im Schnitt beenden 30 Prozent der Studierenden ihr Studium vorzeitig. Das große Problem für die Abbrecher: Sie haben Zeit verloren und stehen ohne Ausbildung da. Und hier stelle sich dann die Frage: „Was ist die geradlinigere Karriere?“

Aus dem IHK-Fachkräftemonitor kann Kagerbauer den Bedarf der Betriebe ablesen und ihn in Relation zur tatsächlichen Entwicklung setzen. Und auch verstärken sich die Trends zu Ungunsten der Betriebe: Die Zahl der Jugendlichen wird – demographisch belegt – weiter sinken. Dem steht gegenüber, dass immer mehr junge Menschen ein Studium anstreben. Das heißt: In bestimmten Wirtschaftszweigen werden im Nachwuchsbereich Engpässe auftreten, beziehungsweise sie werden sich noch weiter vergrößern.

Im Handwerk sei der Druck noch größer, so Kagerbauer. Die Vorstellungen der jungen Leute seien heutzutage andere als früher: „Die Wertschätzung gegenüber handwerklichen Berufen hat nachgelassen“, urteilte Kagerbauer. „Man möchte lieber etwas mit Medien machen – irgendetwas, das hip ist.“ Viele dränge es auch in den kaufmännischen Bereich; die meisten würden sich aber nicht vorab informieren.

Es gebe rund 330 Ausbildungsberufe, so Kagerbauer, darunter etwa 250 IHK Berufe: „Und seit Jahren wählen Mädchen und Jungen immer die gleichen Berufe.“ Zu den Top Ten zählen Industriemechaniker, Kaufleute und Mechatroniker. Hier ist die Nachfrage so groß, dass mit Sicherheit nicht alle Bewerber unterkommen können. „Auf der anderen Seite suchen viele Betrieb händeringend Leute“, so Kagerbauer. Dazu gehören Branchen wie die Hotellerie und die Gastronomie, die wegen der Arbeitszeiten ein wenig attraktives Image besitzen. Gesucht werden Auszubildende auch als Berufskraftfahrer, im Logistikbereich und im Gesundheitswesen. Ein Blick auf die Demographie zeige: „Wir brauchen das Personal.“
Zu den Aufgaben der IHK gehöre daher eine Bewusstseinsschärfung und eine Veränderung im Image der dualen Ausbildung, schließlich seien die Vorteile vielfältig: ein Gehalt von Anfang an, die Bindung im Betrieb und die Karrieremöglichkeiten. Offenbar sind die Bemühungen der IHK erfolgreich, denn im vergangenen Jahr zeigte sich mit einem Plus von 2,1 Prozent zum ersten Mal wieder ein positiver Effekt bei den neu eingetragenen Arbeitsverhältnissen. Dies sei ein Zeichen, dass es nicht dauerhaft bergab geht, so Dr. Kagerbauer: „Aber eine Trendwende ist es noch nicht.“

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