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UPWürzburger Bahnhofsmission als erste Anlaufstelle

Hilfe bei jeglicher Not

Helfen in jeglicher Not ist das Leitbild der Bahnhofsmisson. Helfen in jeglicher Not ist das Leitbild der Bahnhofsmisson. ysbrandcosijn

Die Bahnhofsmissionen gibt es schon seit Ende des 19. Jahrhunderts. Und sie haben nur auf den zweiten Blick mit dem Bahnhof zu tun. Sie sind Anlaufstellen für Menschen in jeder Notlage.

von Rainer Adelmann

Ältere Menschen auf der Zugreise zu unterstützen, gehört mit zu den Aufgaben der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bahnhofsmisson. | Foto: Bahnhofsmission WürzburgÄltere Menschen auf der Zugreise zu unterstützen, gehört mit zu den Aufgaben der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bahnhofsmisson. | Foto: Bahnhofsmission WürzburgWahrscheinlich hat jeder Zugreisende schon einmal das Schild mit dem Emblem aus rosa Kreuz und gelbem Schrägbalken gesehen, und die meisten Menschen haben von ihr gehört: Die Bahnhofsmission gibt es mehr als 100 Mal in Deutschland. Und sie ist für alle da, nicht nur wenn man während einer Zugfahrt Hilfe braucht. Im Gespräch mit UP Magazin schildert der Leiter der Würzburger Einrichtung, Michael Lindner-Jung, die Arbeit und die Aufgaben der Bahnhofsmission.

Die Ursprünge der Bahnhofsmissionen gehen weit zurück bis ins Ende des 19. Jahrhunderts und sie haben nur auf den zweiten Blick etwas mit dem Bahnhof zu tun, eher mit der Industrialisierung und den Strukturen auf dem Land und in der Stadt. Zum Ende des 19. Jahrhunderts prägten auf dem Land noch Großfamilien das Bild, doch die Arbeit und die Verdienstmöglichkeiten waren knapp. In der Stadt wuchs dagegen die Industrie. Das heißt: Wer etwas Geld verdienen wollte, machte sich auf den Weg in die Stadt, um dort zu arbeiten. Der Bahnhof war letztlich der Ort, an dem viele Menschen an- und zusammenkamen.

Viele junge Frauen suchten ihr Glück in der Stadt, wollten in Familien oder einer Fabrik arbeiten. „Die Frauen kamen oft ohne Plan“, schildert Lindner-Jung die Umstände. Oft wurden die Mädchen und Frauen auch von Menschen erwartet, die sie in fragwürdige Arbeitsverhältnisse bringen wollten, von denen man nicht leben konnte. Schlimmsten-falls landeten manche von ihnen in der Prostitution. Andere Frauen, die dies beobachteten, nahmen sich der jungen Frauen ehrenamtlich an und halfen ihnen, bis sie auf eigenen Beinen in menschenwürdigen Verhältnissen arbeiten und leben konnten. Die Bahnhofsmission kommt also ursprünglich aus der Mädchensozialarbeit.

Die erste Bahnhofsmission in Deutschland wurde 1894 in Berlin ins Leben gerufen. Würzburg folgte 1898 mit einem katholischen Teil und 1899 mit den „Freundinnen junger Mädchen“ auf evangelischer Seite. Heute werden die Bahnhofsmissionen von der Ökumene gemeinsam betrieben.

Oft ist Zuhören schon der erste Schritt, um Menschen zu helfen. | Foto: Bahnhofsmission WürzburgOft ist Zuhören schon der erste Schritt, um Menschen zu helfen. | Foto: Bahnhofsmission Würzburg„Die Bahnhofsmission ist immer für jegliche Not offen“, beschreibt Lindner-Jung das Leitbild der modernen Bahnhofsmissionen. Das heißt auch: Die Schwerpunkte wechselten im Laufe der Jahrzehnte. Natürlich waren die Kriege große Herausforderungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Würzburg praktisch keine andere größere soziale Einrichtung mehr – außer der Bahnhofsmission, so Lindner-Jung. Alte Aufnahmen von 1946 zeigen die Bahnhofsmission in einer behelfsmäßigen Baracke neben dem zerstörten Bahnhof. Damals kamen rund 1000 Menschen zur Bahnhofsmission – heute sind es im Schnitt noch gut 100 täglich.

Damals wie heute geht es in erster Linie oft in der Bahnhofsmission um basale Dinge, wie Essen, um Arbeit und Wohnen. Es geht um Ankommen – nicht nur im Sinne der Mobilität, sondern um ein (wieder) Ankommen im Leben. „Unsere Arbeit ist ganz klar soziale Brennpunktarbeit“, fasst es Michael Lindner-Jung zusammen. „Unsere Konzeption und unser Selbstverständnis ist: Egal in welcher Notsituation du bist, wann immer du Hilfe brauchst, du bist in der Bahnhofsmission richtig.“

Bewusst werden in der Bahnhofsmission die Hemmschwellen möglichst niedrig angesetzt. Jeder kann einfach in den Gastraum der Bahnhofsmission kommen, dort Ruhe finden, im Winter sich aufwärmen und – wenn er will – auch ins Gespräch kommen. Die Gründe, die Bahnhofsmission zu besuchen, sind vielfältig. Soziale Probleme gehören dazu: eine Beziehung ist zu Ende gegangen, ein lieber Mensch und Bezugspunkt gestorben oder man hat den Arbeitsplatz verloren. Auf finanzieller Seite ist man womöglich nicht mehr in der Lage sein Leben bestreiten zu können, das Geld für die Miete fehlt vielleicht. Es gibt viele Umstände, unter denen ein Mensch – vielleicht auch nur vorübergehend – seinen Halt verliert und nicht mehr weiter weiß oder wohin er sich wenden soll.

Einige der Besucher haben psychische Probleme, die womöglich zyklisch wiederkehren. Manche Menschen sucht die Angst immer Abend heim oder sie trauen sich bisweilen nicht mehr in ihr eigenes Zuhause, weiß der Leiter der Würzburger  Bahnhofsmission. Suchtkrankheit und Drogenabhängigkeit gehören ebenfalls zum Problemkreis. Im Gegensatz zu anderen Einrichtungen ist es bei der Bahnhofsmission „nicht vorsortiert, nicht gefiltert, eher zufällig, wer zu uns kommt“, beschreibt Lindner-Jung. „Von daher kann man aus unserer Arbeit immer auf aktuelle gesellschaftliche Schieflagen schließen. Wir bezeichnen uns daher manchmal als Seismograph sozialer Verwerfungen.“ Seit über 30 Jahren arbeitet er hier in der Würzburger Einrichtung.

Oft plagen die Besucher mehrere Probleme auf einmal. Nicht ungewöhnlich ist, dass man in eine Art Spirale gezogen wird. Wenn man seinen Job verloren hat, beginnt man womöglich zu trinken, die Alkoholabhängigkeit zerstört eine Beziehung und man gerät in eine Isolation. Die Ziele verschwinden, das Gefühl macht sich breit, man sei ein Versager. Um die eigene Situation erträglicher zu machen, werden Probleme aber auch gerne ausgeblendet.

Kommt jemand in den Gastraum der Bahnhofsmission und zeigt sich gesprächsbereit, geht es zunächst darum, Dinge zu suchen, die verbinden. Ein Gespräch beginnt vielleicht über das Wetter oder über Fußball. „Und dann sehen wir, welche Anliegen jemand vielleicht noch hat und wie weit wir jemanden begleiten können – in seinem Sinne.“ Es brauche, so Lindner-Jung, neben den spezifischen sozialen Einrichtungen, auch niederschwellige Einrichtungen. „Einrichtungen, wo ich hingehen kann und nicht gleich mein Problem nennen muss, sondern wo ich einfach da sein kann.“

Es gehe in erster Linie darum, den anderen in seinen Möglichkeiten und Ressourcen als ganzen Menschen wahrzunehmen – und nicht in seinem Bedarf und Defiziten. Für manche Menschen strukturiert der Besuch in der Bahnhofsmission gar den Tag – er ist eine Verankerung im Leben, wie es Lindner-Jung nennt. Die Gespräche geben den eigenen Gedanken und Ideen eine Bedeutung. Etwas das isolierte, einsame Menschen vermissen.

Die Bahnhofsmission ist 24 Stunden geöffnet und in Notfällen können Besucher auch dort übernachten. In der Regel suchen die Mitarbeiter nach weiterführenden Einrichtungen wie die Kurzzeitübernachtung für Männer oder das Antonie-Werr-Haus. Über 46.000 Mal werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bahnhofsmission laut Hochrechnung am Ende dieses Jahres Menschen geholfen haben. Die größte Zahl der Hilfe bezieht sich dabei auf besondere soziale und finanzielle Probleme. Zum Vergleich: Seit 2011 ist die Zahl der Hilfeleistungen um nahezu 10.000 gestiegen.

Knapp 50 Menschen arbeiten derzeit in der Würzburger Bahnhofsmission, davon sind gut 20 Mitarbeiter angestellt, meist in einem Teilzeitverhältnis. 25 bis 30 ehrenamtliche Helfer ergänzen das Team. Weil die ehrenamtlichen Mitarbeiter meist junge Praktikanten sind, die immer wieder wechseln, würde sich Michael Lindner-Jung wünschen, dass mehr ältere Menschen zum Team stoßen, die das Arbeitsleben bereits abgeschlossen haben und langfristig ehrenamtlich der Bahnhofsmission helfen. Den Haushalt der Bahnhofsmission bestreiten die Christo-phorus-Gesellschaft aus Caritas und Diakonie und auch die Stadt unterstützt die Arbeit. Eine wesentliche Stütze ist auch der Förderverein, dem sich Privatleute und Firmen als Sponsoren anschließen können.
Wer finanziell die Arbeit der Bahnhofsmission unterstützen möchte:

Spendenkonto: LIGA-Bank Würzburg,
IBAN DE82 7509 0300 0103 0018 81, BIC GENODEF1M05

 

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