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UPHörprothese bringt mehr Lebensqualität

Hoffnung für Gehörlose

Das Cochlea-Implantat, dessen Elektroden in die Hörschnecke (Cochlea) eingeführt werden. Das Cochlea-Implantat, dessen Elektroden in die Hörschnecke (Cochlea) eingeführt werden. MED-EL GmbH

Der medizinische Fortschritt macht es möglich: Selbst Menschen mit extremer Schwerhörigkeit oder Patienten, die komplett ertaubt sind, erlaubt ein Cochlea-Implantat wieder zu hören. Im Comprehensive Hearing Center (CHC) der Universität Würzburg hat man viel Erfahrung mit dieser Methode.

von Rainer Adelmann

Cochlea ist der medizinische Fachbegriff für die Hörschnecke, jenen Teil des Innenohrs, der die Hörsinneszellen und den Hörnerv beherbergt. Ist die Funktion dieser Sinneszellen erloschen, ist es heutzutage möglich, durch ein Cochlea-Implantat die Hörfähigkeit grundlegend zu verbessern. Das Implantat ist also eine Hörprothese für Schwerhörige und Gehörlose.

Die Cochlea-Implantation ist eine tausendfach bewährte Therapieoption für hochgradig schwerhörige Kinder und Jugendliche, aber auch für Erwachsene. Das Hörzentrum der Würzburger Universitäts-HNO-Klinik wurde 2010 vom Direktor der Klinik, Prof. Dr. Dr. h.c. Rudolf Hagen gegründet und hat eine jahrelange Erfahrung im Bereich der Versorgung Schwerhöriger. Der große Vorteil: Alle wichtigen Untersuchungs- und Beratungsdisziplinen sind im 5. Stock der Universitäts-HNO-Klinik unter einem Dach beheimatet. Darüber hinaus arbeitet man eng mit externen Disziplinen zusammen. So erreicht man für jeden Patienten die exakt für seine Hörstörung passende Hörversorgung, eine umfassende Nachsorge mit eingeschlossen. „Der Patient steht für uns im Mittelpunkt“, fasst Dr. Kristen Rak, im Gespräch mit dem UP Magazin das Konzept zusammen.

Die Rundumversorgung im CHC ist altersunabhängig und beginnt schon bei Neugeborenen. Die Untersuchung des Hörvermögens aller Neugeborenen, das so genannte Neugeborenenhörscreening, ist schon seit Jahren in Würzburg etabliert. Bereits seit 1997 wird jedes Neugeborene in der Frauenklinik untersucht. „Und zwar am zweiten oder dritten Tag nach der Geburt“, so Dr. Kühn, „weil wir wissen, dass Früherkennung das A und O für eine frühe Versorgung und die frühe Sprachentwicklung bedeutet.“ Wird hier zu spät gehandelt, ist die sprachsensible Phase des Kleinkindes vorüber und die Lautsprachentwicklung wird wesentlich schwieriger bis unmöglich.

Prof. Dr. med. Wafaa Shehata-Dieler mit einem jungen Patienten. | Foto: CHC Uniklinik WürzburgProf. Dr. med. Wafaa Shehata-Dieler mit einem jungen Patienten. | Foto: CHC Uniklinik WürzburgWird eine hochgradige Hörstörung oder Taubheit rechtzeitig diagnostiziert, können Kinder etwa ab dem 5. Lebensmonat mit einem Cochlea-Implantat versorgt werden. Ein Indikator ist dabei, ob beim Kind eine Sprachentwicklung eintritt, wobei es bereits zahlreiche Forschungen zur sehr frühen Sprachentwicklung gibt. Und auch die Schreientwicklung zählt als Indikator, denn: „Wir können am Schreiverhalten eines Kindes feststellen, ob das Kind eine normale Sprachentwicklung hat“, so Dr. Kühn. In Folge testen die Mediziner zunächst, ob im jeweiligen Fall ein Hörgerät ausreicht oder ob ein Implantat zum Einsatz kommt.

Diese Vorgehensweise gilt übrigens auch für alle anderen Patienten, denn das CHC versorgt nicht nur Neugeborene und Kinder sondern auch über 90-jährige Patienten. Vor einer Implantation steht immer der Test, ob ein Hörgerät nicht bereits die beste Lösung darstellt. Das Leistungsprogramm des CHC umfasst neben der Diagnostik die ausführliche Beratung, die Therapie und die Nachsorge. Es arbeiten hier alle Disziplinen der HNO-Klinik eng zusammen, erläutert Dr. Schraven das Würzburger Konzept. Zur Therapie von Schwerhörigkeiten werden technische Hilfsmittel in Form von Hörgeräten, aber auch verschiedene Arten der Hörprothesen wie aktive Mittelohrimplantate, Cochlea-Implantate und Kombinationen eingesetzt.

Zudem findet eine enge Zusammenarbeit mit anderen Fachdisziplinen statt, wie Logopädie, Psychologie, Neurologie, Neurochirurgie, der Kinderklinik und auch der Zahnklinik. Das CHC ist durchaus als einzigartig zu bewerten: „Vergleichbare Zentren, die ein in diesem Ausmaß interdisziplinäres Angebot zur Verfügung stellen, gibt es nur wenige in Deutschland“, so Dr. Rak.

Für die Patienten ist die Bündelung auf einem Stockwerk von Vorteil: Kommt ein Patient erstmals in das CHC zur Untersuchung, können sämtliche Testungen und Beratungen an einem Tag vorgenommen werden. „Kommt er das zweite Mal zu uns, so ist dies meist schon die stationäre Aufnahme für die geplante Operation“, so Dr. Schraven. Das heißt: Läuft alles ideal, muss der Patient nicht mehrmals zu den Voruntersuchungen in die Klinik. „Aber wir setzen niemanden unter Druck“, betont Dr. Kühn. „Wenn ein Patient beispielsweise meint, er braucht noch etwas Bedenkzeit, ist das überhaupt kein Problem.“

30 bis 32 Patienten kommen täglich zur Untersuchung; häufig wurde im Vorfeld die Schwerhörigkeit „auswärts“ durch niedergelassene HNO-Ärzte oder auch Hörgeräte-Akustiker oder in der Poliklinik oder der Phoniatrie der Hals-Nasen-Ohrenklinik Würzburg diagnostiziert. Mit dem Satz „Je eher Hilfe gesucht wird, umso besser“ unterstreicht Dr. Rak die Wichtigkeit einer frühzeitigen Versorgung einer Schwerhörigkeit auch im Erwachsenenalter. Eine Versorgung im frühen Rentenalter ist auch deswegen besser als im höheren Alter, weil das Cochlea-Implantat eine Prothese ist, die man erst lernen muss, zu bedienen – und man muss sich mit den Zusatzgeräten auseinandersetzen.

Dr. Kristen Rak im Comprehensive Hearing Center (CHC) der Universitätsklinik Würzburg bei der Untersuchung an einer Patientin. |Foto: CHC Uniklinik WürzburgDr. Kristen Rak im Comprehensive Hearing Center (CHC) der Universitätsklinik Würzburg bei der Untersuchung an einer Patientin. |Foto: CHC Uniklinik WürzburgNach einer Implantation muss ein Hörtraining erfolgen. „Das Cochlea-Implantat ist ein Superding, aber eine Prothese“, so Dr. Kühn. „Das heißt, was ich mit dem Implantat höre, klingt anders als ich es mit einem gesunden Ohr hören würde.“ Bekommt ein Kind mit sechs Monaten ein Cochlea-Implantat, wird es dieses Hören als normal empfinden und in der Regel auch gerne Musik hören. Wer erst im Alter ertaubt und ein Implantat bekommt, wird das Hören qualitativ anders wahrnehmen. Umso wichtiger ist das strukturierte Training danach, damit der Erfolg nicht ausbleibt.

Einer der Vorreiter war die Würzburger Uniklinik in Sachen bilateraler CI-Versorgung, das heißt: der Therapie beider Ohren. Würzburg hat deutschlandweit als erste Klinik mit dieser Versorgung begonnen, so Dr. Schraven. Die Ärzte und Mitarbeiter des CHC sind darüber hinaus in der Grundlagenforschung tätig und arbeiten eng mit den Herstellerfirmen der Implantate zusammen.

Wer wissen will, ob er noch gut hört, kann dies bei einer Veranstaltung des CHC am Samstag, 26. November, feststellen. Dann findet im Hörsaal der HNO-Klinik in der Josef-Schneider-Straße 11 von 10 bis 13 Uhr der „Würzburger Hörtag“ statt. Neben interessanten Vorträgen können die Besucher kostenlos ihr Gehör testen lassen und Experten informieren über Hörgeräte. Dafür ist eine Anmeldung erforderlich, die – wie das Programm – auf der Internetseite des CHC zu finden ist:
www.chc.ukw.de/veranstaltungen-chc.html

 

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