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UPGrundsatzbeschluss zur Radverkehrsplanung stößt auf Kritik

Kunden nicht vergraulen

Kunden nicht vergraulen Kranich 17 / pixabay

Der Grundsatzbeschluss zur Radverkehrsplanung rief Handelsverband, IHK und Händler auf den Plan. Zu einseitig wird dem Anschein nach ein Verkehrsmittel bevorzugt: nämlich das Fahrrad. Die Menschen zur Arbeit und das Geld in die Stadt bringt aber ein anderes: das Auto. Vermisst wird ein stimmiges Verkehrskonzept und die Beteiligung aller Gruppen bei der Planung.

Als im September dieses Jahres der Würzburger Stadtrat einen Grundsatzbeschluss zur Radverkehrsplanung fällte, las es sich wie eine einseitige Bevorzugung zu Lasten der anderen Verkehrsteilnehmer. Das Fahrrad habe bei künftigen Planungen und Verkehrsprojekten Vorrang – diese Maßnahmen seien „prioritär durch Umwidmung von Flächen für Kfz-Fahrspuren oder Kfz-Parkplätze und gegebenenfalls auch zu Lasten der Leistungsfähigkeit des Kfz-Verkehrs umzusetzen.“ So lautete der Beschluss unter anderem im Wortlaut.

Zwar beeilte sich Oberbürgermeister Christian Schuchardt in einer Pressemitteilung nachzuschieben, dass „ausdrücklich damit nicht die ‚harakirimäßige‘ Umwandlung aller vierspurigen Straßen in zweispurige Straßen verbunden“ sei und nach wie vor jeder Einzelfall betrachtet werden müsse.

Dennoch wehrten sich die Industrie- und Handelskammer (IHK) Würzburg-Schweinfurt und der Handelsverband Bayern (HBE) e.V., Bezirk Unterfranken, und sprachen in einer gemeinsamen Mitteilung von einem „gravierenden Eingriff in den ohnehin belasteten Straßenverkehr Würzburgs“. Statt „eine Mobilitätswende im Konsens und auf den Schultern aller Verkehrsträger“ anzustreben, belaste der Beschluss des Stadtrates ausschließlich den Pkw-Verkehr. Der Beschluss wurde in der Überschrift der Mitteilung als „Würzburg beschließt den Verkehrsinfarkt“ kritisiert.
UP Magazin sprach mit dem Bezirksgeschäftsführer des Handelsverbandes Bayern, Volker Wedde, und Einzelhändlerin Daniela Binder, die in der Eichhornstraße das Schmuck- und Edelsteingeschäft „Crystal“ führt, über die derzeitige Verkehrssituation und die Lage des Einzelhandels in Würzburg.

Fest steht, dass das Auto kurzfristig und wohl auch auf längere Sicht für viele Menschen unverzichtbar und Würzburg darüber hinaus als städtisches Oberzentrum in hohem Maße vom Umland abhängig ist. Über 56.000 Berufstätige – das sind fast zwei Drittel der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten – pendelten laut Information von IHK und HBE im Jahr 2018 täglich nach Würzburg. Und: Rund 607 Millionen Euro fließen laut einer Prognose von MB-Research 2019 aus dem Umland in den Einzelhandel der Stadt.

Neben der Aufenthaltsqualität sieht Volker Wedde daher die Erreichbarkeit als eine der wichtigsten Säulen für einen funktionierenden Einzelhandel in der Stadt Würzburg. Mit dem Entscheid für eine Fußgängerzone Eichhornstraße/Spiegelstraße vergrößerte man den Flanier- und Einkaufsbereich der City erheblich und erhöhte damit auch die Aufenthaltsqualität für Kunden und Passanten. Nach dem Bürgerentscheid gegen ein Einkaufszentrum am Bahnhof hatte sich der Stadtrat bewusst für die Ausweitung der Fußgängerzone ausgesprochen.

Mit Blick auf das rege Treiben in der neuen Fußgängerzone, kann der Entschluss nur als Erfolg gewertet werden – auch wenn laut Daniela Binder die lange Bauzeit für die Händler eine echte Durststrecke war und die Umsätze erst langsam das vorherige Niveau erreichen. Was die Unternehmen aber ganz besonders freut ist, dass der ausgezeichnete Fachhandelsbesatz trotzdem erhalten werden konnten.

Anders sieht es aber mit der Erreichbarkeit aus: In den vergangenen zehn bis 15 Jahren sind rund 800 Parkplätze in der Innenstadt weggefallen. Nicht  nur bei Volker Wedde und Daniela Binder entsteht so der Eindruck, dass sich die städtische Verkehrspolitik zur Zeit eher unfreundlich gegenüber dem Handel darstellt. „Momentan konzentriert sich alles allein auf die Gruppe der Radfahrer“, beklagt Daniela Binder. Radfahrer seien dem Einzelhandel natürlich genauso wichtig und wertvoll wie jeder andere Kunde, machen jedoch insgesamt nach ihrer Einschätzung eher eine kleinere Gruppe aus.

Sie vermisst ein insgesamt stimmiges Verkehrskonzept, das auf Gesprächen mit allen betroffen Gruppen beruht und in das deren Erfahrungen einfließen. Stattdessen sei der bereits angesprochene Grundsatzbeschluss zur Radverkehrsplanung „im Hauruckverfahren“ durchgesetzt worden und dieser erfülle alleine die Forderungen und Vorstellungen des Verkehrsbündnisses.

„Als Oberzentrum haben wir einen extrem hohen Einzugsbereich“, ergänzt Volker Wedde. „Dazu zählen rund 800.000 Menschen. Nur etwa die Hälfte der Kaufkraft kommt aus Würzburg, die andere Hälfte kommt von weiter her.“ Natürlich müsse man am Verkehrsthema arbeiten, trotzdem dürfe man die Erreichbarkeit der Stadt und des Einzelhandels für alle Verkehrsteilnehmer nicht ausblenden. „Momentan gehört das Auto als wichtiges Verkehrsmittel dazu. Und das müssen wir bei Verkehrsdiskussionen auch einbeziehen.“

Offenbar ist dieses Thema aber derzeit so aufgeheizt, dass sich Volker Wedde schon anhören musste, er sei ein Autolobbyist. Wichtig ist ihm jedoch allein die bestmögliche Erreichbarkeit der Stadt – und das auch aus dem Umland. „Den Händlern“, unterstreicht Daniela Binder, „ist es im Grunde genommen egal, mit welchen Verkehrsmitteln die Kunden kommen.“ Beide sprechen sich aus diesem Grund unter anderem für einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs aus. Dass die Straßenbahnlinie 6 nach wie vor nicht auf dem Weg ist, bedauern beide. Zudem befürworten sie einen Ausbau des Park & Ride-Angebotes der Stadt Würzburg.

„Wenn man aber versucht, den Menschen vorzuschreiben, mit welchem Verkehrsmittel sie in die Stadt zu kommen haben, dann verschreckt man sie“, fast Volker Wedde zusammen. Und: „In Zeiten, in denen der Handel ohnehin mit der Konkurrenz im Internet kämpft, wäre es ökologisch und ökonomisch nicht gut für Würzburg, wenn sich ein Kunde entscheidet, online einzukaufen oder lieber auf die grüne Wiese zu fahren, nur weil er sich in Würzburg nicht mehr willkommen fühlt.“ Viele Händler hätten bereits die Erfahrung gemacht, dass Kunden sich darüber beklagen, dass sie sich in punkto Erreichbarkeit nicht mehr willkommen in der Stadt fühlen.

Mit dem Spatenstich für die Radachse 3 wurde vor kurzem ein weiterer Baustein im Würzburger Radverkehrskonzept in Angriff genommen. Weniger gut kam der Grundsatzbeschluss des Stadtrates zur Radverkehrsplanung an, der bei künftigen Planungen und Verkehrsprojekten pauschal dem Fahrrad Vorrang erteilen soll und dies „gegebenenfalls zu Lasten der Leistungsfähigkeit des Kfz-Verkehrs“. | Foto:Christian WeißMit dem Spatenstich für die Radachse 3 wurde vor kurzem ein weiterer Baustein im Würzburger Radverkehrskonzept in Angriff genommen. Weniger gut kam der Grundsatzbeschluss des Stadtrates zur Radverkehrsplanung an, der bei künftigen Planungen und Verkehrsprojekten pauschal dem Fahrrad Vorrang erteilen soll und dies „gegebenenfalls zu Lasten der Leistungsfähigkeit des Kfz-Verkehrs“. | Foto:Christian WeißDerzeit bereitet der Handelsverband eine Umfrage bei den Würzburger Einzelhändlern vor, um herauszufinden, mit welchem Verkehrsmittel die Kunden zum Einkauf kommen. Daniela Binder hat dies an zwei Tagen für ihr Geschäft bereits ausprobiert: Von 49 Kunden kamen 30 mit dem Auto, neun mit dem öffentlichen Nahverkehr, acht zu Fuß und nur zwei mit dem Fahrrad.

Eine Untersuchung des BTE Handelsverband Textil auf Basis des Mobilitätspanels des Verkehrsministeriums ergab im Jahr 2018 für den Modeeinzelhandel folgendes Ergebnis: 67 Prozent der Käufer nutzten das Auto, 17 Prozent kamen zu Fuß, neun Prozent mit dem Fahrrad und sechs Prozent mit dem öffentlichen Nahverkehr (plus ein Prozent Sonstige). Und wer in die Stadt kommt, will tatsächlich in erster Linie einkaufen: Eine Studie der IHK Rhein-Neckar aus dem Jahr 2015/2016 besagt beispielsweise, dass 70 Prozent der Besucher nur wegen des Einkaufs in die City kommen, 28 Prozent nutzen die Gastronomie, 25 Prozent kommen zur Freizeitgestaltung und 13 Prozent verteilen sich jeweils auf Dienstleistungen und Wohnen.

Aus seiner Erfahrung in anderen Städten würde sich Volker Wedde für Würzburg mehr gemeinschaftliche Planung und Entscheidungsfindung wünschen. Ohne auf andere Meinungen und Bedürfnisse einzugehen, sei die Stadt mit dem Grundsatzbeschluss zur Radverkehrsplanung quasi über Nacht auf sämtliche Forderungen nur einer Gruppierung eingegangen.

„Doch da fehlen noch andere, die in der Stadtgesellschaft genauso wichtig sind“, so Volker Wedde. „Zum Beispiel der Handel, der in Würzburg noch eine bedeutende Rolle spielt.“ Wenn man den Handel nicht gefährden wolle, müsse man zunächst einmal die Situation akzeptieren. Gemeinschaftlich könne man dann diskutieren, welche Lösungen es gibt. „Und dann stellt man in der Regel fest, dass man gar nicht so weit auseinander liegt.“

 

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