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UPDesign Thinking ist fester Bestandteil des ZDI Mainfranken

Schöner schneller scheitern

Steht als Experte in Sachen Design Thinking dem geplanten Zentrum für Digitale Innovationen Mainfranken (ZDI) zur Seite: Diplom-Kommunikationswirt Michael Sabah. Vor ihm das per Design Thinking erstellte Modell für das Innere des Ideenlabors im ersten Stock des ehemaligen Tower der Leighton Barracks. Steht als Experte in Sachen Design Thinking dem geplanten Zentrum für Digitale Innovationen Mainfranken (ZDI) zur Seite: Diplom-Kommunikationswirt Michael Sabah. Vor ihm das per Design Thinking erstellte Modell für das Innere des Ideenlabors im ersten Stock des ehemaligen Tower der Leighton Barracks. Rainer Adelmann

Scheitern ist im Design Thinking ausdrücklich erwünscht. Dafür belohnt die Methodik aus den USA die Unternehmen mit einer Möglichkeit, schnell und kostengünstig Ideen zu testen und die richtigen aus der Masse herauszufiltern

von Rainer Adelmann

Design Thinking ist ein zentraler Bestandteil des geplanten Zentrums für Digitale Innovationen Mainfranken (ZDI), das schon zu Beginn nächsten Jahres seine Arbeit in mehreren Gebäuden am Hubland aufnehmen wird (siehe Artikel links). UP Magazin wollte wissen, was am Design Thinking so besonders ist und sprach mit Diplom-Kommunikationswirt Michael Sabah, der dem ZDI in Sachen Design Thinking beratend zur Seite steht.

In amerikanischen Firmen wird Design Thinking schon seit Jahren genutzt, und im Moment schwappt die Begeisterung nach Deutschland über. „Wir haben einen regelrechten Hype“, so Michael Sabah. Obwohl es das Wort Design beinhaltet, hat es mehr mit Kreativität zu tun. Sabahs kurze Umschreibung: „Ich habe ein Problem und entwickle einen Lösungsansatz.“ Wobei Design Thinking den Anspruch beinhaltet, Methoden aus mehreren Disziplinen zusammenzuführen – wie aus Ingenieurwissenschaft, Wirtschaftswissenschaft oder Architektur. Ein weiteres Merkmal ist der Versuch, komplexe Zusammenhänge einfach zu gestalten und sie auf einem Blatt (engl. Canvas) unterzubringen. Selbstverständlich gibt es viele Methoden, ein Problem anzugehen. Die meisten aber führen zu noch mehr Komplexität.
Es gibt mehrere Design Thinking Prinzipien, doch jedes Modell beinhaltet sechs Phasen:

1. Phase – Fragen: Hier tauchen viele „W“-Fragen auf, zum Beispiel: Warum braucht der Kunde ein bestimmtes Produkt überhaupt. Oder: Wie wird es später angewendet werden?

2. Phase – Beobachten: Auf diesen Punkt muss besonderer Wert gelegt werden. Denn oft reicht Nachfragen alleine nicht aus, weil Menschen gerne konträr zu ihrem Verhalten agieren. Sabah nennt es „sozial angepasstes Verhalten“ und liefert ein Beispiel: Fragt man Verbraucher, ob sie bereit wären, für Milch etwas mehr zu bezahlen, um den Bauern einen fairen Milchpreis zu garantieren, wird die Antwort meist „Ja“ lauten. Baut man dann eine Pyramide aus billiger Milch auf, greift die Mehrzahl der Kunden dennoch zum günstigeren Produkt. Wichtig ist in dieser Phase Empathie zu entwickeln. Design Thinking heißt hier: In die Haut des Nutzers oder des Kunden zu schlüpfen, seine Beweggründe zu verstehen.
3. Phase - Synthese:  Her geht es um das Zusammenführen der Ergebnisse aus Befragung und Beobachtung. Hier kommen „Wie“-Fragen zum Einsatz. Zum Beispiel: Wie kann man das ZDI so gestalten, dass die Menschen begeistert darin arbeiten. Oder: Wie kann ich die Fehlerquote bei einer Software minimieren.

4. Phase – Ideenphase: In dieser Phase halten bewährte Kreativitätstechniken Einzug: Brainstorming, Reizwortanalysen oder die so genannte Kopfstandtechnik, die auf der Umkehrung der ursprünglichen Aufgabenstellung basiert.

5. Phase – Paperprototyping: Jetzt geht es ans Basteln. Ziel ist, mit einfachen Mitteln in kurzer Zeit eine Idee zu visualisieren. Mit Lego und Bastelmaterial wurde beispielsweise innerhalb weniger Stunden die Einrichtung des geplanten Ideenlabors des ZDI gebaut. „Materialwert: unter zehn Euro“, so Michael Sabah. Der Papierprototyp soll Ideen transportierbar machen und Feedback einholen.

6. Phase – Testen: Jetzt ist es soweit: Die Zielgruppe wird mit dem Prototyp konfrontiert und Erkenntnisse (engl. Insights) werden eingeholt. Nun schlägt die Stunde der Wahrheit für die Idee: Aufgeben oder Weiterverfolgen?

Das Besondere am Design Thinking ist, dass sich diese Methodik in einer frühen Phase der Ideenfindung einsetzen lässt. Das spart Unternehmenskosten vor dem Hintergrund, dass bei einer Produktentwicklung die Flop-Rate laut Sabah in der Regel zwischen 50 oder gar 90 Prozent liegt. Denn: Es herrscht zwar kein Ideenmangel in den Firmen was Innovationen betrifft. Aber: Es herrscht großer Mangel daran, die richtigen Ideen baldmöglichst herauszufiltern – noch bevor man zwei Jahre in die Entwicklung und tausende Euro in den Prototyp gesteckt hat.

Den Kern von Design Thinking beschreibt Sabah so: „Relativ früh herauspicken, welche Idee erfolgversprechend ist.“ Daher sei im Design Thinking „Scheitern ausdrücklich erlaubt.“ Es gehe darum, lieber früh und kostengünstig zu scheitern, als eine falsche Idee zu verfolgen. Oder provokanter: „Schöner schneller scheitern.“

Dies kollidiert mit dem Drang zum Perfektionismus, der in vielen Unternehmen ausgeprägt ist. Hier müssten die Firmen den Mitarbeitern zugestehen, dass sie in ihrer kreativen Arbeit Fehler machen dürfen. In einigen Unternehmen habe sich bereits eine „Fehlerkultur“ entwickelt, wo Fehler in der Ideenfindung nicht sanktioniert werden. „In der Digitalisierungsindustrie werden Fehler inzwischen gefeiert“, so Sabah. „Weil man aus Fehlern lernen kann.“

Ein weiterer wichtiger Punkt des Design Thinking: das Silo-Denken in den Firmen auflösen. Das heißt: Mitarbeiter aus den verschiedensten Abteilungen – von Vertrieb über Marketing bis Buchhaltung – werden in den Ideenfindungsprozess einbezogen. Der Vorteil: Wird eine gemeinsame Idee entwickelt, gibt es für jede Abteilung einen Botschafter (Promoter), der vom Ideenfindungsprozess berichtet. Das Abblocken aus einzelnen Abteilungen wird so vermieden und Bedenkenträger umgangen.

Für das Unternehmen bedeutet das: Das Tempo in der Innovationsentwicklung wird beschleunigt, mehr Innovationszyklen sind in kürzerer Zeit möglich. Im Design Thinking ist es in jeder Phase erlaubt, eine Idee zu verwerfen, wenn man neue Informationen bekommt. Sabah bezeichnet dies als   agile Produktentwicklung, bzw. agiles Innovationsmanagement.

Und das macht Design Thinking für Unternehmen so wertvoll: In kurzer Zeit können mit wenig Aufwand Ideen getestet und verworfen werden. Bis am Ende eine der Innovationen in die Entwicklung geht.

Beim geplanten ZDI am Hubland geht es um digitale Innovationen, aber auch hier stehen am Anfang Skizzen (Scribbles). In der überdimensionalen Schuhschachtel, die die Räumlichkeiten des Ideenlabors im ehemaligen Tower der Leighton Barracks darstellen soll, ist alles vorhanden, was Design Thinking-Arbeiter brauchen: Tische (Workspaces), an denen jeweils sechs Personen im Team arbeiten, Bereiche für Gruppengespräche (Share-Spaces) – und alles in einer angenehmen Atmosphäre.

Denn Ideen sprudeln in einer entspannten Umgebung besser. Aber Vorsicht: „Design Thinking ist keine Bespaßung“, warnt Sabah vor falschen Vorstellungen.

 

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