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UPZahl der Kreuzfahrtschiffe in Würzburg hat sich auf hohem Niveau eingependelt

Landausflug

Die S.S. Maria Theresa an der „Lände“ oberhalb der Löwenbrücke. Diese Anlegestelle wird derzeit mit einem Energieterminal für Strom und Wasser ausgerüstet und soll bis spätestens Juli wieder einsatzbereit sein. Die S.S. Maria Theresa an der „Lände“ oberhalb der Löwenbrücke. Diese Anlegestelle wird derzeit mit einem Energieterminal für Strom und Wasser ausgerüstet und soll bis spätestens Juli wieder einsatzbereit sein. Würzburger Hafen GmbH

Was für eine Statistik: Von 29 im Jahr 2000 hat sich die Zahl der Anlegungen von Kreuzfahrtschiffen auf einem hohen Niveau von etwa 1000 Anlegungen jährlich eingependelt. Die schicken Kreuzfahrtschiffe beleben das Stadtbild – ein wirklich großer Wirtschaftsfaktor sind sie im touristischen Vergleich eher nicht.

von Rainer Adelmann

Würzburg ist das neue Venedig titelte das Handelsblatt. Ganz so weit würde wohl nicht einmal der eingefleischteste Fan der Domstadt gehen. Aber in der Tat haben Flusskreuzfahrten in Deutschland einen Boom erlebt wie kaum ein anderes touristisches Angebot.

Die Statistiken der Würzburger Hafen GmbH sprechen eine eindeutige Sprache: Vom Jahr 2000 bis ins Jahr 2012 wuchs die Zahl der Anlegungen der Fahrgastkabinenschiffe von gerade einmal 29 auf imponierende 681. Aber dann ging es erst richtig los: Von 641 Anlegungen im Jahr 2013 schnellte der Wert auf 1.070 im Jahr 2017 in die Höhe. Innerhalb weniger Jahre hatte sich die Zahl der Anlegungen verdoppelt.

Damit ist zwar noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht, aber die Zahlen dürften sich laut Sandra Schmitt auf diesem hohen Niveau langsam einpendeln. „Schließlich ist auch die Kapazität des Mains begrenzt“, so die Geschäftsführerin der Würzburger Hafen GmbH im Gespräch mit dem UP Magazin.

Derzeit laufen die Arbeiten für die „Ertüchtigung“, wie es in der Fachsprache heißt, der Anlegestelle „L 2“ auf Hochtouren. „Lände“ heißen die Anlegestellen an der Löwenbrücke, „L 2“ ist jene Anlegestelle oberhalb der Löwenbrücke, direkt am Stadtstrand gelegen. Die Tiefbauarbeiten obliegen der Stadt, die Würzburger Hafen GmbH sorgt für den richtigen Anschluss. Und zwar mit einem hochmodernen Energieterminal für Flusskreuzfahrtschiffe, das die Würzburger Stadtwerke selbst entwickelt haben.

Voll ausgelastet: Diese Anlegestelle im Alten Hafen ist eine Doppelanlegestelle und mit zwei Schiffen vollbesetzt. | Foto: Würzburger Hafen GmbHVoll ausgelastet: Diese Anlegestelle im Alten Hafen ist eine Doppelanlegestelle und mit zwei Schiffen vollbesetzt. | Foto: Würzburger Hafen GmbHÜber das Terminal beziehen die Kreuzfahrtschiffe geräuschfrei und emissionslos Frischwasser, aber vor allem Strom. Dadurch können die Kreuzfahrtschiffe ihre Dieselmotoren abschalten, die sie sonst zur Bordversorgung benötigt hätten. Die Versorgung erfolgt computergesteuert, ebenso wie die Ablesung für jedes Kreuzfahrtschiff.

Weil man mit dem Terminal von Anfang an dabei war und eine Vorreiterrolle spielte, reifte das Energieterminal zu einer Art Verkaufsschlager heran. 2005 von den Stadtwerken entwickelt, übernahm die Würzburger Hafen GmbH den Vertrieb und verkauft das Terminal inzwischen deutschlandweit. Neben dieser Patententwicklung aus den Würzburger Stadtwerken heraus gibt es bisher nur wenig Konkurrenzprodukte.

Insgesamt zehn Anlegestellen hält die Würzburger Hafen GmbH für Kreuzfahrtschiffe bereit. Drei davon liegen an der „Lände“: eine oberhalb der Löwenbrücke und eine Doppelanlegestelle unterhalb der Löwenbrücke. Bei der Doppelanlegestelle müssen die Fahrgäste bei Vollbelegung ein Schiff durchqueren, um zum nächsten zu gelangen.

Drei weitere Anlegestellen warten auf die Kreuzfahrtschiffe im Alten Hafen. Zwei davon am Ende des Beckens an der Hafentreppe. Die dritte befindet sich vor dem Parkplatz. Weil der Fluss hier eine Biegung macht, kann nur eines der etwas älteren Schiffe mit einer Länge von bis zu 110 Metern an dieser Stelle festmachen. Moderne Kreuzfahrtschiffe haben in der Regel eine Länge von 135 Metern.

Damit noch nicht genug: Vier weitere Kreuzfahrtschiffe können im Flusshafen gegenüber von Zell anlegen. Diese Plätze sind natürlich weniger attraktiv, aber dafür auch günstiger für die Reedereien. Ohne Busse sind hier keine Landausflüge möglich. Der Vorteil dieser Anlegestellen: Hier lässt sich auch der Müll entsorgen, weswegen manche Kreuzfahrtschiffe hier einen kurzen Halt einlegen. Diese Anlegestellen sind außer für Fahrgastkabinenschiffe auch für die so genannte schwarze Flotte, die Güterschifffahrt, offen.

Ab einer Stunde übrigens muss ein Kreuzfahrtschiff Energie von der Würzburger Hafen GmbH beziehen – darunter lohnt es nicht, sich an die Energieterminals anzuschließen. Die Würzburger Hafen GmbH erhält die Reservierungen der Reedereien bereits ein Jahr im voraus, um zu disponieren. Das heißt, der Zeitplan steht im Grunde schon ein Jahr im voraus fest – was wiederum nicht bedeutet, dass man nicht flexibel auf Verspätungen reagieren kann.

„Wir versuchen immer eine Lösung für alle Beteiligten zu finden“, so Sandra Schmitt. „Wenn sich jemand beispielsweise verspätet, geht ein Anruf ein und wir sehen, wie wir das berücksichtigen können.“ Bisweilen muss ein Schiff dann auf einen anderen Anlegeplatz umgeleitet werden. „Wir finden immer eine Lösung – und wir mussten noch niemanden vorbeifahren lassen.“

Vollauslastung im Flusshafen mit insgesamt vier Kreuzfahrtschiffen gleichzeitig. | Foto: Würzburger Hafen GmbHVollauslastung im Flusshafen mit insgesamt vier Kreuzfahrtschiffen gleichzeitig. | Foto: Würzburger Hafen GmbHSeit drei Jahren sind die Anlegezahlen auf hohem Niveau stabil. „Die Würzburger Hafen GmbH hat anhand der wirtschaftlichen Entwicklung geprüft, ob sich weitere Anlegestellen lohnen, aber weitere Investitionen rechnen sich nicht“, so Sandra Schmitt. Dies auch vor dem Hintergrund, dass eine neue Anlegestelle zwischen 620.000 und 650.000 Euro kostet. Möglich sind freilich noch weitere 100 bis 120 Anlegungen mehr im Jahr.

Inzwischen hat sich der Bereich Fahrgastkabinenschiffe für die Würzburger Hafen GmbH zu einem einträglichen Geschäft gemausert und sogar einen größeren Stellenwert erreicht als der Güterumschlag. Nicht zu vergessen, die Dienstleistungen rund um die Energieterminals.

Einer, der die Entwicklung der Flusskreuzfahrttouristik von Anfang an begleitete, ist Dr. Peter Oettinger, Tourismusdirektor der Stadt Würzburg. Von seinem Schreibtisch im Büro am Congress Centrum aus hat er den Main und die vorüberziehenden Schiffe im Blick.

Im Gespräch mit dem UP Magazin berichtet er von den Anfangszeiten der Flusskreuzfahrten, als in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Stadt Würzburg und die Würzburger Hafen GmbH die Anlegestellen oberhalb und unterhalb der Löwenbrücke noch getrennt bewirtschafteten. Damals hatten sich noch Anwohner darüber beschwert, dass die Dieselmotoren der Kreuzfahrtschiffe des nachts zu laut waren - was sich durch die bereits beschrieben Energieterminals natürlich geändert hat.

Dr. Oettinger erkannte die Entwicklung in der Schiffstouristik und wirkte darauf hin, dass die Anlegestellen unter einem Dach zusammengefasst werden sollten, was Anfang der 2000er Jahre der Fall war. „Ich argumentierte, dass wir nicht nur den Vorteil von Anlegegebühren hätten, sondern auch Strom, Wasser und Abfalldienste verkaufen könnten.“
Seine Überzeugungsarbeit fruchtete und die Anlegestellen wurden der Würzburger Hafen GmbH zugeschrieben und weiter entwickelt.

Für die Stadt selbst sind die Kreuzfahrtgäste nicht unbedingt der große Wirtschaftsfaktor, den man sich vielleicht denken könnte. Peter Oettinger rechnet mit etwa 140 Gästen pro Schiff (was einer rund 80prozentigen Auslastung eines Kreuzfahrtschiffes entspricht). Bei 1070 Anlegungen im Jahr 2017 ergibt dies rund 150.000 Flusskreuzfahrtgäste pro Jahr.

Dem gegenüber stehen alleine eine Million Übernachtungen in Würzburg jährlich. Nimmt man noch die 11,6 Millionen Tagesbesucher hinzu, nehmen sich die 150.000 Kreuzfahrtgäste geradezu verschwindend gering aus. Auch wenn in die Statistik der Tagesbesucher jene aus dem Umland eingerechnet werden, die nach Würzburg kommen, um einen „Gegenstand des höheren Bedarfs“, beispielsweise Textilien,  zu kaufen. Um das Ganze noch deutlicher zu  machen: Der Mantelsonntag verzeichnet alleine etwa so viele Besucher wie Kreuzfahrtgäste in einem Jahr nach Würzburg kommen.

„Man muss auch die Wertschöpfungskette sehen“, erinnert Dr. Oettinger. Die fängt beim Bau der Anlegestellen an, wo viele Firmen profitieren, geht über Anlegegebühren und Gebühren für Strom, Wasser und Abfallentsorgung weiter bis hin zu den Gästeführern, die Eintritte in Museen, die Gastronomie oder auch die Einkäufe der Kreuzfahrer. Geht man realistischerweise davon aus, dass ein Kreuzfahrtgast etwa 30 Euro in der Stadt lässt, ergibt dies immerhin rund 4,2 Millionen Euro jährlich – ein merklicher Posten.

Außerdem: „Die Schiffe beleben das Stadtbild, bringen das Fluidum der großen weiten Welt nach Würzburg“, so Oettinger weiter. Die meisten Kreuzfahrtgäste kommen aus USA, Kanada und Australien. Verstärkt wollen nun auch chinesische Firmen Schiffe anmieten und ihre Landsleute durch Europa schippern. Oettinger sieht in den Kreuzfahrten einen Multiplikatoreffekt: „Wer Würzburg erlebt hat und vielleicht auch über Land durch die Region gefahren ist, gibt in der Regel ein positives Meinungsbild ab“.

In Würzburg beschränkt sich der Besuch zumeist auf eine Visite der Residenz, die für die Kreuzfahrtgäste extra früher ihre Pforten öffnet. Dem schließt sich eine zeitlich reduzierte Stadtführung an. Selbstverständlich möchten viele Gäste dann noch etwas Freizeit, um durch die Stadt zu bummeln und Einkäufe zu tätigen. Und so mancher will – trotz der Luxusverköstigung auf dem Kreuzfahrtschiff – dann doch etwas Ortstypisches zu sich nehmen.
Die Hochsaison für Kreuzfahrtschiffe läuft von Mai bis Oktober mit bis zu 150 Schiffsanlegungen in Würzburg monatlich. Die Weihnachtsmärkte sorgen für eine Saisonverlängerung und mit 60 Anlegungen im November und 40 Anlegungen im Dezember klingt die Saison aus.

Wo genau die Kreuzfahrtgäste ihr Geld ausgeben, lässt sich schwierig feststellen. „Es gibt Händler, die sagen, ich mache ein gutes Geschäft – andere Händler sagen, die Kreuzfahrtgäste laufen nur durch“, so Volker Wedde, Bezirksgeschäftsführer des Handelsverbands Bayern, im Gespräch mit dem UP Magazin.

Als typische Branchen, die für Kreuzfahrtgäste interessant sind, sieht er Markenware und Souvenirs. Und: Auch wenn es sich nicht um die „absolut großen Zahlen“ handle, stelle der Kreuzfahrtourismus dennoch eine wichtige Größe für den Handel dar.

Seinen Mitgliedern im Handelsverband rät er in Bezug auf Kreuzfahrtgäste zu Fremdsprachenkenntnissen: „Man sollte sich auf jeden Fall auf Englisch verständigen können“. Besonders wichtig sei für Kreuzfahrtgäste, dass sie mit Kreditkarte bezahlen können. „Dies wird von den Touristen erwartet.“  Punkten können Händler bei den Kreuzfahrern auch, wenn sie bei ihnen Tax Free - also ohne Mehrwertsteuer - einkaufen können.

 

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