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UPWürzburger Bahnhofsmisson feiert 120jähriges Bestehen

„Viel über das Leben lernen“

Ein Plakat aus den Anfängen der Bahnhofsmission (oben). Fotos aus der Geschichte der Würzburger Bahnhofsmission (rechte Seite). Ein Plakat aus den Anfängen der Bahnhofsmission (oben). Fotos aus der Geschichte der Würzburger Bahnhofsmission (rechte Seite). Bahnhofsmisson

Die Würzburger Bahnhofsmission feiert 120. Jubiläum. Was als Hilfe für Mädchen und junge Frauen, die ihr Glück in der Stadt suchten, begann, hat sich zu einer ersten Anlaufstelle für alle Menschen in Not entwickelt. Schon seit den 80er Jahren ist der jetzige Leiter der Bahnhofsmission, Michel Lindner-Jung, der Würzburger Bahnhofsmission verbunden. UP Magazin sprach mit ihm über seine Erfahrungen.

Was sind  die Aufgaben der Bahnhofsmission?
Michael Lindner-Jung: Die Bahnhofsmission ist Anlaufstelle für jeden Menschen — egal welchen Alters, welcher Religion, welcher Nation, egal in welcher Not. Wenn jemand Hilfe braucht, dann ist er in der Bahnhofsmission richtig. Im Vordergrund stehen zu dreiviertel wirtschaftliche Notlagen. Da reicht das Einkommen nicht, sich selbst zu ernähren und es reicht nicht, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Warum das Geld nicht reicht, kann freilich verschiedene Gründe haben, etwa eine kaum bezahlbare Wohnungsmiete, aber auch eine Suchterkrankung oder nur das Unvermögen, mit dem Wenigen entsprechend umzugehen.

Die meisten Menschen haben allerdings mehr als ein Problem. Sie fühlen sich dem, was in ihrer Umgebung passiert, nicht gewachsen. Sie ziehen sich aus ihrer sozialen Umgebung zurück, sind oft allein, vereinsamt, psychisch belastet. Eine seit Jahren zunehmende Besuchergruppe sind Menschen mit psychischen Belastungen in ganz unterschiedlichen Situationen; das reicht von akuten Krisen, Sucht bis hin zu Depression und Suizidalität. Wenn das Leben zur Last wird, kann man in die Bahnhofsmission kommen. Wir geben hier in doppeltem Sinn Raum: Zum einen darf man sich hier aufhalten, bekommt einen Tee und etwas zu essen, kann sich aufwärmen. Zum anderen geben wir Raum, indem wir zuhören und ein Mensch so sein darf, wie er ist. Raum zu geben kann bereits erste Hilfe sein. Denn manche Menschen erleben sich selbst stets nur als Störfaktor ihrer Umgebung und ziehen sich deswegen zurück.

Michael Lindner-Jung | Foto: Fabian GebertMichael Lindner-Jung | Foto: Fabian GebertGibt es so etwas wie Stammkunden?
Michael Lindner-Jung: Ja, wir haben auch so genannte Stammkunden, die wiederkommen. Manche  Besucher erkennt man wieder und weiß, wie man miteinander umgeht. In der Bahnhofsmission kann man lernen, wie man auf jemand zugeht, man sensibel wird für Signale des anderen. Ich habe festgestellt: Es gibt bei jedem  Menschen eine eigene Logik, die hinter seinem Verhalten steckt und es für den Betreffenden sinnvoll macht – auch wenn es nicht meine Logik ist. Bei manchen Besuchern kehrt eine Depression zurück oder man wird erneut arbeitslos.

Bei allem haben wir verstehen gelernt, dass auch vorübergehende Erfolge, kleine Schritte letztlich Erfolge sind. Anders als eine Wärmestube wollen wir jedoch nicht, dass die Bahnhofsmission zur Tagesaufenthaltsstätte wird, in der man beispielsweise zum gemeinsamen Spielen zusammenkommt oder bastelt. Trotzdem ist für einige unserer Gäste die Bahnhofsmission zur Strukturierung des Tages wichtig, sie ist sozusagen ihre Verankerung im Leben.

Wie ist die Bahnhofsmission eingebettet in die anderen Hilfsangebote in Würzburg?
Michael Lindner-Jung: Bahnhofsmission ist erste, oft auch letzte Anlaufstelle in einem großen Netzwerk von Hilfeangeboten. Wir könnten bei über 45.000 Hilfekontakten im Jahr nicht alle Bedarfe und Anliegen bis zum Ende bearbeiten. Die Bahnhofsmission funktioniert nur in Verbindung mit anderen spezialisierten sozialen Einrichtungen, die wie z. B. eine Schuldnerberatung über zusätzliches Fachwissen verfügen.

Gleichwohl sind wir Clearingstelle. Das heißt, wir können klären, wenn jemand sich zwischen verschiedenen Stellen hin- und hergeschoben fühlt. Wir arbeiten beispielsweise mit der Suchtberatung, Krisendiensten, dem sozialpsychiatrischen Dienst oder Frauenhäusern zusammen. In bestimmten Situationen nehmen wir auch Hilfeeinrichtungen außerhalb von Stadt- und Landkreis in Anspruch.

Wie ist die Bahnhofsmission aufgebaut und wie hat sie sich im Laufe der Jahrzehnte entwickelt?
Michael Lindner-Jung: Begonnen hat die Bahnhofsmission Ende des 19. Jahrhunderts damit, sich um Mädchen und junge Frauen zu kümmern, die in der Stadt ihr Glück und nach Arbeit suchten. Am Bahnhof kamen die Frauen an. Und nicht selten gerieten sie unter die Räder, in schlechte Arbeitsbedingungen, schlimmstenfalls wurden sie zur Prostitution gezwungen. Später ging es immer wieder um materielle Bedürfnisse wie Hunger oder ein Dach über dem Kopf, so zum Beispiel während und nach den beiden Weltkriegen. In den 50ern und 60ern kamen Erholungsaufenthalte für Kinder, später die Unterstützung für Rentner aus der damaligen DDR bei ihren Reiseaufenthalten hinzu. Nach Öffnung der Mauer wurde 1989 zum ersten Mal das Thema „Frauen ohne Wohnung“ relevant.

Foto: BahnhofsmissonFoto: BahnhofsmissonDie Bahnhofsmission ist eine ökumenische Einrichtung, beide Kirchen sind beteiligt. Als ich 1980 in der Bahnhofsmission angefangen hatte, gab es noch nicht einmal Dienstbesprechungen. Als Diplomtheologe und Betriebswirt hatte damals gerade mein Theologiestudium begonnen. In die Einrichtung am Hauptbahnhof bin ich mit viel Idealismus. Ich wollte Menschen kennenlernen und etwas Gutes tun. Unsere Bahnhofsmission war damals halb so groß wie jetzt, hatte zwei Mitarbeiterteams, zwei Leitungen, zwei Finanzhaushalte für den katholischen und evangelischen Teil.

Nach und nach bewegten sich die Kirchen In der Bahnhofsmission aufeinander zu. 1996 gab es nur noch ein Team, eine Leitung, die mir übertragen wurde. Damals gab es kaum ehrenamtliche, sondern mehr festangestellte Mitarbeiter. Heute unterstützen 23 angestellte Mitarbeiter mehr als 35 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer. Nur so können wir gewährleisten, dass unsere Bahnhofsmission jeden Tag rund um die Uhr geöffnet ist.

Wie sehen Sie die Zukunft der Bahnhofsmission?
Michael Lindner-Jung: Vor allem hoffe ich, dass wir unsere Hilfestation 24 Stunden am Tag weiter offen halten können. Unser Etat beträgt etwa 400.000 Euro jährlich. Wir haben einen Kooperationsvertrag mit der Bahn, die uns die Räume kostenfrei zur Verfügung stellt. Personal- und Sachkosten werden wesentlich von der katholischen und evangelischen Kirche finanziert. Dazu kommen Zuschüsse von Stadt und Landkreis sowie Spenden, besonders über unseren Förderverein.

Die Mittel der Kirchen werden mittel- bis langfristig sinken. Das besondere Hilfeangebot der Bahnhofsmission weiter aufrecht zu erhalten, brauchen wir Menschen, die mithelfen und mitfinanzieren. Bahnhofsmission war und ist immer ein Raum der Begegnung unterschiedlichster Menschen, wo jeder willkommen ist, egal wie und wer man ist. Hier kann die Bahnhofsmission Vorbild sein. Für mich gibt es keinen anderen Ort, wo man so viel über das Leben lernt.

 

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