UP Magazin

UPAußergewöhnliche Sammlung zur Stadtgeschichte

Würzburg in Kartons

Links Bilder, rechts Kartons: Das Heim der Dürrnagels ist geprägt von der Samelleidenschaft des Hausherrn. Links Bilder, rechts Kartons: Das Heim der Dürrnagels ist geprägt von der Samelleidenschaft des Hausherrn. Rainer Adelmann

Er zählt zu den politischen Urgesteinen und ist Experte für Stadtgeschichte: In zahllosen Kartons bewahrt Willi Dürrnagel Fotos, Bilder, Bücher und Dokumente zu Würzburg auf. UP Magazin sprach mit ihm über eine ganz besondere Sammelleidenschaft.

von Rainer Adelmann

Die Kartons sind allgegenwärtig und drängen bereits ins familiäre Wohnzimmer: Bis unter das Dach des kleinen Hauses in der Sanderau, das früher einmal eine Backstube beherbergte, stapelt sich alles, was irgendwie mit Würzburg zu tun hat. Im Arbeitszimmer ist nur noch eine winzige Lücke für Computer und Schreibtischstuhl, im Flur bleibt nur ein schmaler Durchgang zwischen gestapelten Kartons aller Größen und selbst der Spitzboden ist bis zum Rand gefüllt.

Bei unserem Besuch bei Willi Dürrnagel, zeigt sich, dass das Würzburg-Wissen des CSU-Stadtrats gefragt ist. Ein kleinerer Karton (unter all den großen) ist noch gefüllt mit Material, dass sich der Geschichtskenner für einen Vortrag über Max-Dauthendey am Vorabend eigens zusammengestellt hatte. Fotos und Schriften gehören dazu, aber auch Bücher – Bücher, die bisweilen einmalig sind.

Wie zum Beispiel: „Die letzte Reise“ von Max Dauthendey in einer besonderen Ausgabe, die Dürrnagel von einem Bücherantiquariat angeboten wurde. Die Ausgabe gehörte einer Schweizer Mitarbeiterin des Konsulats in Surabaya, die Dauthendey begleitet hatte. In ihr Exemplar hat sie Originalfotos eingeklebt und das Buch mit eigenen Texten zur gemeinsamen Reise ergänzt: Es ist dies eines der zahlreichen Schätze aus Dürrnagels Sammlung.

Rund 100 Besucher wollten am Vorabend den Vortrag über Dauthendey hören: Dürrnagels kurzweilige Führungen und Vorträge zu Würzburger Themen und Persönlichkeiten sind sehr beliebt. Dürrnagel spricht von einem „Fan-Club“, der sich im Lauf der Zeit zusammengefunden hat. Alleine im vergangenen Jahr bestritt er rund 300 Veranstaltungen.

„Das kostet natürlich alles viel Zeit und man braucht etliche Unterlagen. Aber die Zuhörer sind anscheinend zufrieden.“ Wie beliebt Dürrnagel als fachkundiger Gesprächspartner ist, merkt man auch während unseres Gesprächs: Immer wieder klingelt das Telefon für Anfragen und Nachfragen.

Willi Dürrnagels Sammelleidenschaft, die von seiner Frau als männliche „Jäger und Sammler“-Eigenschaft zwar toleriert, aber nicht geteilt wird, begann in den 70er Jahren. 1972 wurde Dürrnagel das erste Mal in den Stadtrat berufen und seither ununterbrochen wiedergewählt. Er ist damit – mit Jürgen Weber und Erich Felgenhauer - einer der Dienst ältesten Räte im Gremium.

Am Ende dieser kommunalen Legislaturperiode werden es stolze 48 Jahre.
Er gilt als Stadtrat mit einem eigenen Kopf, den er gerne auch mal über den Fraktionszwang stellt. Dies wird auch an seinen politischen Stationen deutlich: In seiner langen politischen Laufbahn war Dürrnagel Mitglied der SPD, der Freien Wählergemeinschaft (FW), der Unabhängigen Bürger Würzburg (UBW) und seit 2004 der CSU.

„Durch meine Tätigkeit im Stadtrat musste ich einiges aufheben“, so Dürrnagel. „Am Anfang begann es mit Artikeln: Was ich als wichtig betrachtet hatte, habe ich in Ordnern archiviert. Auf meinem Spitzboden liegen zum Beispiel noch 200 Aktenordner aus den Jahren 1972 bis 1984.“ Gemeinsam mit Heiner Reitberger gründete Dürrnagel 1974 den „Initiativkreis zur Erhaltung historischer Denkmäler“.

„Damals war das Ehehaltenhaus gefährdet und sollte abgerissen werden“, erinnert sich Dürrnagel. „Um entsprechend reagieren zu können, mussten wir Bücher und Informationen zur Geschichte suchen.“ Auch für weitere Projekte im Stadtrat suchte Dürrnagel jeweils Informationen und archivierte sie. Der Anfang war gemacht.

Gerade noch Platz für einen Stuhl und den Computer: Das Arbeitszimmer von Stadtrat Willi Dürrnagel. | Foto: Rainer AdelmannGerade noch Platz für einen Stuhl und den Computer: Das Arbeitszimmer von Stadtrat Willi Dürrnagel. | Foto: Rainer AdelmannSchon bald gab es die ersten Platzprobleme: „Wir hatten seinerzeit eine Dreizimmer-Wohnung und da war es schwierig“, erinnert sich Dürrnagel. „Der Keller war schon voll, ebenso wie die Garage.“ Also wurde eine Ein-Zimmer-Wohnung zusätzlich angemietet – doch auch mit vier Zimmern stieß die Dürrnagelsche Sammlung an die Grenzen. Schließlich kam der Zufall zu Hilfe: Gleich in der Straße gegenüber gab die Besitzerin einer Bäckerei das Geschäft auf und verkaufte das kleine Hinterhaus, in dem früher die Backstube untergebracht war. Die Familie Dürrnagel kaufte die Immobilie und baute sie zu einem Einfamilienhaus um.

„Dann hatte ich dieses Haus hier, um alles unterzubringen – oder auch nicht unterzubringen, wie man’s nimmt“, schmunzelt Dürrnagel. Und in der Tat ist auch das kleine Haus schon längst kaum mehr in der Lage, all die Sammelstücke zu fassen – obwohl übrigens sogar die Garage aus den Anfangstagen immer noch als Speicherort dient. Den Umfang der Sammlung unterstreichen beeindruckende Zahlen:  Sie umfasst unter anderem rund 50.000 Bücher, 11.000 Postkarten, über 90.000 Fotos, 500 Bilder und zahllose weitere Urkunden, Dokumente und weitere Zeugnisse Würzburger Stadtgeschichte.

Willi Dürrnagel ist Mitglied in 56 Vereinen und seine Sammelleidenschaft ist bekannt. Immer wieder machen ihn Menschen auf Funde aufmerksam, bisweilen landen unwiederbringliche Stücke aus Nachlässen bei ihm. Meist muss der pensionierte Postbeamte die Würzburger Memorabilia erwerben, Flohmärkte und Antiquariate sind sein bevorzugtes „Jagdgebiet“. Willi Dürrnagel taxiert den Wert seiner Sammlung auf zwischen einer halben und einer Million Euro.

Fast alles ist in braunen Kartons untergebracht, die außen beschriftet sind. Wenn er etwas sucht, weiß Dürrnagel zwar die Ecke, wo er anfangen muss. Es kann aber sein, dass er

erst zehn Kartons durchforsten muss, um schließlich das Gewünschte zu finden. „Meistens ist es dann im letzten“, weiß Dürrnagel aus Erfahrung. Und womöglich steht dieser Karton dann als unterster im Stapel.

Einfacher ist es mit Postkarten und Fotos: Hier hat Dürrnagel schon zehntausende eingescannt und digital auf Festplatten archiviert. Die Fotos sind in Ordnern auf dem Computer abgelegt und beschriftet und somit leicht zu durchsuchen. Aber: Auch sie sind natürlich noch im Original vorhanden – in Kartons selbstverständlich. Weitere tausende Fotos warten noch auf den Scanner, darunter auch etliche Dias und Negativfilme.

Natürlich ist die Unterbringung in Kartons und die damit verbundene umständliche Suche nicht optimal. Dürrnagel wünscht sich daher, seine gesammelten Schätze endlich ordentlich in Regalen archivieren zu können. Er geht davon aus, dass er für seine Sammlung eine Fläche von rund 300 Quadratmetern bräuchte. „Dann wäre die Suche leichter und ich könnte Anfragen viel schneller beantworten“, so Dürrnagel. Rund fünf bis sechs davon bekommt er täglich, von Archiven, von Studenten für ihre Arbeiten, aber auch von Privatpersonen - über E-Mail, Telefon und auch über Facebook.

Eine mögliche Lösung für das Dürrnagelsche Dilemma könnte das Franziskanerkloster bieten. Im Zuge der Erweiterung des Hotels Rebstock und des sukzessiven Auszugs der Franziskaner werden im Franziskanerkloster drei Stockwerke frei, so Dürrnagel. Eine vorstellbare Lösung wäre beispielsweise, dass die Stadt eben diese Stockwerke anmietet. Und man könnte quasi zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Das Stadtarchiv in den Greisinghäusern unweit des Klosters könnte hier eine Erweiterung finden. Derzeit sind Teile des Stadtarchivs im Schwimmbad der Max-Dauthendey ausgelagert, also in einer denkbar ungünstigen Umgebung. Und eines der Stockwerke könnte die Dürrnagelsche Sammlung beherbergen.

Bei Vorortterminen wurden die Räume begutachtet, ob sie geeignet sind. Ein Stockwerk würden die Franziskaner vorerst noch brauchen, so Dürrnagel, zwei Stockwerke könnte die Stadt aber sofort mieten. „Das Schöne ist, dass in den Räumen bereits Regale installiert sind. Man könnte die Bücher also einfach reinstellen.“ Nach Auskunft der Architekten müssten die Räume sicherhetstechnisch auf neusten Stand gebracht werden, beispielsweise fehlt eine Sprinklerlage. Bis Ende des Jahres könnten die Räume aber zur Verfügung stehen, schätzt Dürrnagel.

Noch ist unklar, ob tatsächlich genug Raum vorhanden ist, und ob die Sammlung Willi Dürrnagels dort überhaupt einziehen darf. „Im Moment ist nichts absehbar“, so Dürrnagel. Zwar habe die Uni-Bibliothek angeboten, einen Teil der Sammlung zu übernehmen und auch der Kulturspeicher hatte angeboten, einige Bilder zu beherbergen. „Doch das ist alles keine Lösung“, urteilt Dürrnagel. „Optimal wäre, wenn alles zusammenbleibt.“

 

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