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UPNach sechs Jahren Bauzeit ist die neue Fußgängerzone fertig

Würzburgs neue City

Gerettet: Die Feuerwehrleute Stefan Schmid und Thomas Häger haben bei ihrer Heißausbildung das Baby wohlbehalten aus dem brennenden Zimmer ins Freie gebracht. Gerettet: Die Feuerwehrleute Stefan Schmid und Thomas Häger haben bei ihrer Heißausbildung das Baby wohlbehalten aus dem brennenden Zimmer ins Freie gebracht. Stadt Würzburg - Tiefbau

Statt für ein großes Einkaufszentrum hat man sich in Würzburg für eine Erweiterung der Fußgängerzone entschieden. „Einkaufszentrum 2.0“ titelten wir deshalb schon 2014 in unserer damaligen Ausgabe. Nach rund sechs Jahren Bauzeit steht eine der aufwändigsten Großbaustellen der jüngeren Stadtgeschichte kurz vor dem Ende. Und schon jetzt zeigt sich: Der Ausbau der Eichhorn- und Spiegelstraße zur Fußgängerzone wird von den Bürgern angenommen und wertet die Stadt auf.

von Rainer Adelmann

Es ist eines der größten Bauvorhaben der jüngeren Würzburger Stadtgeschichte: Mit dem aufwändigen Umbau der Eichhornstraße und der Spiegelstraße erweiterte man die bisherige Fußgängerzone auf beträchtliche 54.000 Quadratmeter. In rund sechsjähriger Bauzeit erstellten Stadtplaner und Baufirmen eine neue großzügig angelegte Flaniermeile mit genügend Platz für Spaziergänger und Shopper, mit Raum für Gastronomie und mit Sitzoasen unter Bäumen.

In wenigen Tagen ist eine der aufwändigsten Dauerbaustellen Würzburgs beendet und schon jetzt zeigt sich, dass sich die Investitionen von rund zehn Millionen Euro sowie all die Unannehmlichkeiten für Anwohner und die Geschäfte gelohnt haben. Die neue Fußgängerzone ist hoch frequentiert, Passanten genießen die großzügige und moderne Gestaltung – ob zum Flanieren, zum Einkaufen oder auch nur in der Mittagspause. Vergangenheit sind der Parkplatzsuchverkehr und die Autos, die auf dem kleinen Platz im östlichen Teil der Eichhornstraße und am Straßenrand die Sichtachse zwischen Marktplatz und Semmelstraße verstellten.

Damit wurden die neuen Sicht- und Einkaufsachsen Wirklichkeit, die der ehemalige Baureferent Prof. Christian Baumgart für die neue Fußgängerzone vorgesehen hatte. Mit den neuen Fußgängerzonen ergeben sich so wie geplant zwei neue Einkaufsachsen — getrennt von der bereits existierenden Touristenmeile „Residenz-Dom-Alte Mainbrücke“.

Bewusst sparsam war man aus diesem Grund auch mit einer Bepflanzung umgegangen. Die Baumoasen mit den Bänken sollen zur Rast einladen, aber nicht die Sicht verstellen. Außerdem wäre eine umfangreichere Bepflanzung ohnehin kaum möglich gewesen, denn sowohl Eichhorn- als auch Spiegelstraße sind unter der Oberfläche gespickt mit Kanälen, Rohren und Leitungen.

Von der Stadtplanern aus dem Büro Steinbacher-Consult, Neusäß, wurden der Querschnittsgestaltung ein zentraler Flanierbereich, ein Multifunktionsbereich mit Bäumen und Sitzmöglichkeiten, sowie Einkaufwege entlang der Gebäude zu Grunde gelegt. Die Ausführung der Oberflächengestaltung lag mit der Würzburger Pflasterbau aus Veitshöchheim und Burger Bau aus Bad Kissingen bei Firmen aus der Region. Auch die Sicherheits- und Gesundheitsschutzkoordination war mit der Firma Arz Ingenieure in der Hand von heimischen Fachleuten.

Kaum da, war er schon wieder weg: Die Überreste eines mittelalterlichen Brunnens in der Eichhornstraße verschwanden wieder unter dem Pflaster. Allerdings nicht, ohne vorher archäologisch dokumentiert zu werden. | Foto: Julia BreunigKaum da, war er schon wieder weg: Die Überreste eines mittelalterlichen Brunnens in der Eichhornstraße verschwanden wieder unter dem Pflaster. Allerdings nicht, ohne vorher archäologisch dokumentiert zu werden. | Foto: Julia BreunigUnter dem Pflaster schlummert das alte Würzburg, das bei den Bauarbeiten immer wieder zum Vorschein kam und vorbeigehende Menschen oft neugierig in die Baugruben blicken ließ. Einmal war es ein mittelalterlicher Brunnen an der Kreuzung zur Wilhelmstraße, der für einige Tage ans Tageslicht durfte, ein anderes Mal ein Gewölbe im östlichen Teil der Eichhornstraße, das sich als Brückenbogen über den Befestigungsgraben des alten Stadttores herausstellte.

Wie man mit den archäologischen Überresten umgeht, haben die einzelnen Bundesländer festgelegt – alle Funde mussten von Archäologen dokumentiert werden, bevor man weiter bauen konnte. Von Manchem wussten die Archäologen zwar aus alten Karten und Büchern. Bisweilen trat aber auch Unerwartetes ans Tageslicht. Die archäologische Bearbeitung durch die Firma BfAD Heyse dokumentiert die Geschichte Würzburgs auch für die Nachwelt.
Überhaupt entpuppt sich eine Baustelle dieser Größenordnung oftmals als eine Art Wundertüte. Denn natürlich wusste niemand zu Beginn der Bauarbeiten exakt, was die Planer und die Baufirmen unter der Straßenoberfläche erwartet. Zur Erinnerung: Nachdem 2012 zunächst das alte Hypo-Vereinsbank Gebäude abgerissen und durch das Geschäftshaus Hof Emeringen ersetzt worden war, musste zunächst die Zufahrt zur Marktgarage verlegt werden. Erst nachdem sie von der Eichhornstraße in die Martinstraße versetzt war, wurde der Weg frei für die große neue Fußgängerzone Eichhornstraße/Spiegelstraße, die der Stadtrat erst im Juli 2014 beschlossen hatte.

„Die Arbeitsweise hat sich entwickelt“, erläutert Projektleiter Holger Döllein im Gespräch mit dem UP Magazin. Im Untergrund stieß man auf Mauern, oft die Reste von Kellern. Die Zwischenräume waren mit Kriegsschutt gefüllt. Am Anfang, so Holger Döllein, baggerte man den Schutt heraus und trug die Mauern so weit ab, dass man insgesamt eine stabile Basis für den Standardaufbau einer Straße erreichte, der normalerweise in den Elementen Bodenaufbau, Frostschutz, Drainasphalt-Tragschicht, Mörtel und Pflaster besteht.
Dies hatte den Nachteil, dass der Kriegsschutt – der wegen der vielen phosphorhaltigen Brandbomben des Angriffs auf Würzburg vom 16. März 1945 als belastet gilt – entsorgt werden musste. Hinzu kam, dass man alte Gebäudereste abtragen musste und dass bedingt durch die tiefe Baugrube die Dokumentation der Archäologen einen längeren Zeitraum in Anspruch nahm.

„Wir mussten uns also für den Bauabschnitt 1.2 etwas einfallen lassen“, so Holger Döllein über die weitere Bauphase. Statt zu sehr in die Tiefe zu gehen, wurde in besonderen Abschnitten eine tragfähige Drainbetonschicht eingezogen. „Doch auch das war nicht der Weisheit letzter Schluss“, befand Holger Döllein.
Und so wurde ab Bauabschnitt 2.1 durchgehend eine Drainbetonschicht als verstärkte Frostschutzschicht eingesetzt: Drainbeton ist grobkörniger, wasserdurchlässiger Beton. „Dadurch haben wir Geld gespart, weil wir weniger Schutt entsorgen mussten und weniger Zeit für die archäologische Dokumentation benötigten.“ (Mehr hierzu im anschließenden Interview mit dem scheidenden Projektleiter Holger Döllein).

Im Laufe der Bauzeit näherte man sich der Kreuzung Eichhornstraße/Spiegelstraße, für das sich die Planer ein besonderes Schmankerl ausgedacht hatten: ein überdimensionaler QR-Code. Und weil dieser riesige Code bestenfalls für Außererirdische oder aus dem Flugzeug lesbar ist, wurde er auch in kleinem Format ins Pflaster eingelassen. Wer den Code einliest, erfährt wichtige und aktuelle Informationen zu Würzburg – von Kino bis Gastronomie und Kultur.

Im Jahr 2016 ließ das UP Magazin die Eichhornstraße von der Firma pixelflight per Drohne von oben befliegen. Hier ein Blick auf den größten QR-Code Deutschlands aus der Luft. | Foto: pixelflightIm Jahr 2016 ließ das UP Magazin die Eichhornstraße von der Firma pixelflight per Drohne von oben befliegen. Hier ein Blick auf den größten QR-Code Deutschlands aus der Luft. | Foto: pixelflightZwölf mal zwölf Meter misst der größte QR-Code Deutschlands, den die Mitarbeiter der Firma Würzburger Pflasterbau in den Boden eingelegt haben. 395 helle Steine und 334 dunkle Steine ergeben das Muster, das wie die Pixel in einem Computerbildschirm den QR-Code zusammensetzen. Der Granit der Firma Kusser stammt aus dem Bayerischen Wald. Wer es genau wissen will: Die hellen Steine sind aus Hintertiessen Granit, die dunklen aus Fürstensteiner Granit.

Überhaupt geizt die neue Fußgängerzone nicht mit Gimmicks: In den Boden eingelegte Eichhörnchen lassen bei Passanten keine Zweifel aufkommen, wo sie sich befinden. Und was der Eichhornstraße recht ist, ist der Spiegelstraße billig: Dort zieren kleine Spiegel das Pflaster. LED-Leisten verleihen der Fußgängerzone auch nachts ein leicht futuristisches Flair. Die Lichtleiste vor dem Hof Emeringen ist nicht etwa verbogen, sondern zeichnet den Schattenriss der Oberkante des Geschäftshauses nach und die Lichtleiste unter den Sitzmöglichkeiten sorgt für indirekte Beleuchtung und bringt die Baumoasen in der Nacht zum Schweben, so die Stadtplaner von Steinbacher-Consult.

Bei sechs Jahren Bauzeit liegen bei Anwohnern und Geschäftsinhabern bisweilen auch einmal die Nerven blank. Aber: Den Mitarbeitern der Stadtverwaltung, den beteiligten Firmen und den Mitgliedern der Werbegemeinschaft „Würzburgs Neue Mitte“ – genannt die „Eichhörnchen“ – gelang etwas, das für eine Großbaustelle dieser Art nicht selbstverständlich ist: ein verständnisvoller und freundschaftlicher Umgang miteinander.

Von Anfang an suchten alle Beteiligten das Gespräch, man traf sich und sogar Freundschaften entstanden. Für die Arbeiter gab es immer mal ein Tässchen Kaffee und bei rauem Wetter auch mal ein Hustenbonbon für den Hals. Man versuchte, Verständnis für die andere Seite aufzubringen und bei Problemen gemeinsam Lösungen zu finden.

Am 4. Juni ist die Dauerbaustelle Vergangenheit, eine Einweihungsfeier soll den Abschluss der neuen Fußgängerzone Eichhornstraße/Spiegelstraße bilden. Wenngleich selbst dann noch einige kleinere Arbeiten in der Spiegelstraße zu erledigen sind: Vor der ehemaligen Metzgerei Schömig fehlen nämlich noch die Fahrradständer und eine Stele. Weil dort am Haus aber gebaut wird, kann beides erst später eingesetzt werden.

Die Stele in der Spiegelstraße wird übrigens von Originalpflastersteinen umkränzt, die man während der Bauarbeiten gefunden hat. Die Steine aus dem mittelalterlichen Würzburg wurden von den Archäologen sorgfältig nummeriert und einzeln in Plastiktüten verpackt, bevor das rund zwei Quadratmeter große Pflasterstück wieder rund um die Stele zusammengesetzt wird und einen Blick auf das historische Würzburg erlaubt. Eine Stele zur Stadtgeschichte wird ebenfalls die östliche Einfahrt in die Eichhornstraße zieren. Dort wird sie über das alte Stadttor erzählen, das einst an dieser Stelle die Stadtmauer durchbrach.

Ab etwa Mitte Juni soll auch wieder der Omnibus auf seiner alten Strecke durch die Spiegelstraße fahren. Vor allem ältere und gehbehinderte Mitbürger dürften froh sein, dass die Linie 6 und 16 wieder auf ihrer alten Strecke durch die City fährt. (Bild ganz oben). Darunter: Impressionen des neuen Beratungscenters.

 

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